Profil 6/2026
Die Profil Ausgabe 06/2026 mit dem Leitthema "Maximilian Schmieding: Eine kritische Stimme der Jungen Philologen" ist veröffentlicht. Jetzt lesen!
6 2026
DEUTSCHER PHILOLOGENVERBAND
DAS MAGAZIN FÜR GYMNASIUM UND GESELLSCHAFT
Fotos: Akhtar / AdobeStock
Maximilian Schmieding: Eine kritische Stimme der Jungen Philologen
Runder Tisch mit den Fachverbänden
Die Schulp fl icht steht in Deutschland nicht zur Diskussion!
Elterninitiative: Smartphonefreie Klassen
PROFIL // Auf ein Wort
ben nur wenige Tage, in denen sich Schülerinnen und Schüler auf die Prüfungen vorbereiten und ihre Lehr kräfte gewissenhafte Korrekturen vornehmen können. Ähnlich verlief es 2021 in Schleswig-Holstein (Ferien beginn 21. Juni), 2023 in Nordrhein-Westfalen (Ferien beginn 22. Juni – hier liefen die mündlichen Prüfungen sogar bis zwei Tage vor Ferienstart) oder 2024 in Sach sen und Thüringen (Ferienbeginn 20. Juni). Hinzu kommt, dass Lehrkräfte während der Abiturprü fungen nicht grundsätzlich vom nebenher regulär statt fi ndenden Regelunterricht befreit sind. Oft müssen sie extra einen Antrag stellen – doch ob dieser genehmigt wird, hängt von der Schulleitung und schulorganisatori schen Gegebenheiten ab. Bereits im vergangenen Jahr hatte sich der DPhV mit dieser Problematik an die Bil dungsministerkonferenz gewandt und auch in den Medien eine Debatte über den Sommerferienbeginn ausgelöst – wie in diesem Jahr auch. Geändert hat die KMK ihren o ffi ziellen Ferienkalender bisher jedoch nicht. Die verö ff entlichten Termine bis 2030 sehen wei terhin sehr frühe Ferienstarts in mehreren Bundeslän dern vor – 2029 soll Mecklenburg-Vorpommern sogar bereits am 18. Juni in die Sommerferien starten. Die Belastung an den Schulen ist während der Prüfun gen ohnehin sehr hoch. Lernende haben in den Län dern mit sehr frühem Ferienbeginn im Juni weniger Zeit zwischen den einzelnen Prüfungen, Lehrkräfte kür zere Korrekturzeiträume als in Bundesländern mit spä terem Ferienstart. Das erzeugt nicht nur Stress, es ist schlicht ungerecht! Das kann verändert werden – und dafür treten wir ein, ohne dass das Rotationsprinzip generell verändert werden muss! Daher fordert der DPhV die Bildungsministerinnen und -minister auf: „Sorgen Sie für mehr Gerechtigkeit für Prü fl inge und Lehrkräfte während der Abiturphase und sorgen Sie für einen Sommerferienstart frühestens ab dem ersten Juli-Wochenende!“ Ihnen allen, liebe Kollegen und Kolleginnen, wünsche ich – weil es in der nächsten PROFIL-Sommerausgabe zu spät sein wird – schon jetzt einen guten Abschluss des Schuljahres und erholsame Sommerferien!
Prof. Dr. Susanne Lin-Klitzing, Bundesvorsitzende des Deutschen Philologenverbandes
Sommerferienbeginn frühestens ab dem ersten Juli-Wochenende
Liebe Kollegen und Kolleginnen, die meisten von Ihnen sind noch mit dem Abitur be schäftigt, auch wenn die schriftlichen Abiturklausuren mit Erst-, Zweit- und zum Teil Drittkorrekturen vor den mündlichen Prüfungen mittlerweile abgeschlossen sind! Die knappen Korrekturzeiträume in vielen Ländern sind für uns der Grund, die Bildungsministerkonferenz auf zufordern, den Terminkalender für die Sommerferien so zu ändern, dass die Ferien in allen Bundesländern frühestens ab dem ersten Juli-Wochenende beginnen! Nur so kann sichergestellt werden, dass die Zeitfenster zwischen Beginn und Ende der zentralen und dezentra len Abiturabschlussprüfungen und dem Beginn der Sommerferien in allen Ländern ausreichend und ver gleichbar lang sind, um sowohl Schülerinnen und Schü lern bundesweit besser vergleichbare Prüfungsvorberei tungszeiten als auch den Lehrkräften angemessene Zei ten für Vorbereitung und Korrektur der anspruchsvollen Abiturabschlussprüfungen zu ermöglichen. Prü fl inge und Lehrkräfte sollen endlich mehr Zeit für die Vor- bereitung qualitätvoller Prüfungen und Korrekturen bekommen, wodurch eine gerechtere Vergleichbarkeit zwischen den Ländern erreicht wird. Es ist in jedem Jahr dasselbe Dilemma! Ein Sommerferi enbeginn vor dem ersten Wochenende im Juli verkürzt die Prüfungszeitfenster mit deutlichen Konsequenzen: Ein früherer Ferienstart schon im Juni erschwert nicht nur die sinnvolle Unterrichtsplanung, sondern verdich tet auch die zentralen und dezentralen Prüfungszeit räume für die Prü fl inge und erhöht den Stress für die Lehrkräfte angesichts geringer Zeit für die sorgfältige Bewertung der Abiturabschlussprüfungen in manchen Ländern. 2021 etwa startete Mecklenburg-Vorpom mern bereits am 21. Juni in die Sommerferien, die letz te schriftliche zentrale Abiturprüfung fand am 12. Mai statt. Zieht man vom verbleibenden Zeitraum bis Ferienbeginn nun die Zeiten für die Durchführung der dezentralen schriftlichen und der mündlichen Prüfun gen und aller Nachprüfungen ab, wird sichtbar: Es blei-
Mit besten Grüßen!
Ihre
Susanne Lin-Klitzing
3 PROFIL // 6/2026
DPhV-Standpunkte Deutscher Lehrkräftepreis: Neuer Sonderpreis „Medien und Demokratie“ mit Förderpartner „ZDF goes Schule“
PROFIL // Inhalt
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Präventions- maßnahmen zum Kinder- und Jugendschutz in der digitalen Welt „unter- beforscht“ 8 Stellungnahme zum Antrag der AfD-Frak tion „Bildungsp fl icht statt Schulbesuchs p fl icht – Individuelle Bildungsräume ermöglichen“ im Sächsischen Landtag 12
Chancenmonitor 2026: DPhV warnt vor weiterer Benachteiligung von Kindern mit niedrigem sozio- ökonomischen Hintergrund und fordert verbindliche Übergangsempfehlung für die weiterführenden Schulen 6 Zusagen einhalten statt Vertrauen brechen: DPhV fordert verlässliche Umsetzung der Zusicherungen zum Digitalpakt 2.0 7 Präventionsmaßnahmen zum Kinder- und Jugendschutz in der digitalen Welt „unterbeforscht“ 8 Abitur 2026: DPhV wertschätzt den Einsatz der Lehrkräfte und begrüßt die Verö ff entlichung der Aufgaben aus dem IQB-Aufgabenpool der Naturwissenschaften Titel Stellungnahme der DPhV-Bundesvorsitzenden Prof. Dr. Susanne Lin-Klitzing zum Antrag der AfD-Fraktion „Bildungsp fl icht statt Schulbesuchsp fl icht – Individuelle Bildungsräume ermöglichen“ im Sächsischen Landtag 12 Aktuell Drei zukünftige Gesprächspartner für DPhV und Landesverbände 16 Begegnungen 10 Fachliche Qualität als Garant eines erfolgreichen Gymnasiums DPhV traf sich zum „Runden Tisch“ mit den Fachverbänden in Erfurt Zur Diskussion Die smartphonefreie Klassengemeinschaft Tobias Windbrake stellt Elterninitiative vor Termine Positionspapier des Bildungspolitischen Ausschusses des Deutschen Philologenverbandes – beschlossen auf der Erfurter Bundesvorstandssitzung im Mai 2026 Pädagogische Freiheit in der Digitalisierung 21 27 Maximilian Schmieding: In der Lehrkräfte- ausbildung gibt es Verbesserungsbedarf DPhV-Bundesvorstand tagte in Erfurt • Thüringens Bildungsminister stellt sich vor • Verabschiedung von Ines Musch 17 20 Aus den Ländern PhV Bayern: Auf dem Weg zu einer modernen Prüfungskultur bpv fordert mehr Freiraum am Gymnasium PhV Thüringen: Zweiter Schlag in die Magengrube für Lehrkräfte Rezension & Verlosung Leben und Älterwerden in Maine Elisabeth Strouts Roman „Erzähl mir alles“ zieht die Leserschaft nach Neuengland Beru fl iche Bildung: Überlastung an den Schulen nicht normalisieren Tag des Arbeitsschutzes: Fünf Faktoren für Sicherheit am Arbeitsplatz Kinder- und Jugendhilfe: Reform steigert Belastung für die Beschäftigten Positionspapier des Berufspolitischen Ausschusses des Deutschen Philologenverbandes – beschlossen auf der Erfurter Vorstandssitzung im Mai 2026 Quer- bzw. Seiteneinsteiger als Gymnasiallehrerinnen und Gymnasiallehrer Impressum Nachrichten Alterssicherung: Sachlichkeit muss Vorrang haben 28 34 36 dbb magazin
Maximilian Schmieding: Eine kritische Stimme der Jungen Philologen 17
38 39 40 41 42 44 44 46 46
Rezension: Leben und Älterwerden in Maine 40
Senioren
dbb magazin
Gesetzesreform: Note: nicht ausreichend Altersgerechtes Wohnen: Förderung für Wohnungsumbau
Jugend
4 PROFIL // 6/2026
dbb magazin
Jugendpolitische Gespräche: Modernisierung funktioniert nur mit Akzeptanz
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Foto: AdobeStock
PROFIL // DPhV-Standpunkte
Deutscher Lehrkräftepreis:
Neuer Sonderpreis „Medien und Demokratie“ mit Förderpartner „ZDF goes Schule“
Der Deutsche Lehrkräftepreis (www.lehrkraeftepreis.de) wird in vier Kategorien vergeben: „Ausgezeichnete Lehrkräfte“ für besonders engagierte und geschätzte Lehrkräfte, die sich für ein verantwortungsvolles Miteinander in der Schule einsetzen „Unterricht innovativ“ für Lehrkräfte aus dem Sekundarbereich deutscher Schulen (auch im Ausland) und ihre zukunftsweisenden Unterrichtsvorhaben „Vorbildliche Schulleitung“ für engagierte Schulleitungen aller Schularten „Starke Grundschule“ für Grundschullehrkräfte aus allgemeinbildenden deutschen Schulen des Primarbereichs mit Unterrichtskonzepten, Lehr- und Lernvorhaben Darüber hinaus werden zwei Sonderpreise vergeben: Der Sonderpreis „Umwelt und Nachhaltigkeit“ ausgelobt vom Cornelsen Verlag, und der Sonderpreis „Medien und Demokratie“ von ZDF goes Schule. Es gibt keine fachliche Beschränkung und Einreichungen sind aus allen allgemein- und berufsbildenden Schulen in Deutsch land sowie deutschen Auslandsschulen willkommen. Vorschläge bzw. Bewerbungen können unter www.lehr- kraeftepreis.de bis zum 30. Juni 2026 eingereicht werden. Die Preisgelder sind zweckgebunden und sollen für Projekte im Unterricht verwendet werden, dazu gehört auch ein jähr liches Exzellenzcamp sowie ein Alumni-Netzwerk. Die Heraeus Bildungsstiftung und der Deutsche Philologenver band als Träger des Wettbewerbs wollen mit der Auszeichnung die Leistungen von Lehrkräften und Schulleitungen würdigen und in den Fokus der ö ff entlichen Wahrnehmung rücken. För derpartner der Wettbewerbsrunde 2026 sind der Cornelsen Verlag, die Schöp fl in Stiftung und ZDF goes Schule. Die Preisverleihung fi ndet am 30. November 2026 in Berlin statt.
Der „Deutsche Lehrkräftepreis“ erweitert in der Wettbewerbsrun de 2026 erneut sein Pro fi l: Nach der Einführung der Kategorie „Starke Grundschule“ wird erst mals der Sonderpreis „Medien und Demokratie“ vergeben –
Pressemitteilung vom 22. April
zusammen mit dem neuen Förderpartner „ZDF goes Schule“, der Bildungsinitiative des ZDF. Damit soll die Bedeutung von Medienbildung und demokratischer Kompetenz im Schulkon text gezielt gestärkt werden. „Demokratie braucht Medienkompetenz – und Menschen, die sie vermitteln. Lehrkräfte übernehmen diese Aufgabe täglich als Lotsen für Schülerinnen und Schüler. Wir freuen uns, ihr Engagement mit dem neuen Sonderpreis ‚Medien und Demokra tie‘ sichtbar zu machen.“ So Dr. Florian Kumb, Direktor Audience im ZDF. Der Deutsche Philologenverband und die Herae us Bildungsstiftung freuen sich sehr, mit der 2024 gestarteten Plattform ZDF goes Schule des Zweiten Deutschen Fernsehens einen bedeut samen neuen Partner an Bord zu haben. Mit der Initiative ZDF goes Schule intensiviert das ZDF sein Engagement für die Bildung von Kindern und Jugendlichen – und das Thema „Medien und Demokratie“ des Sonderpreises ist aktuel ler denn je. Ausgezeichnet werden Lehrkräfte für schulische Projekte, die die Meinungs-, Medi en- und Demokratiebildungskompetenz fördern. Diese sollen junge Menschen befähigen, sich faktenorientiert zu informieren, kritisch zu hinterfragen, re fl ektiert zu urteilen, Haltung zu entwickeln und Verantwortung für sich selbst, Gesellschaft, Wirtschaft und Wissenschaft zu übernehmen. Demokratie soll als aktive Gestal tungsaufgabe in Schule und Unterricht erlebbar gemacht werden. Weitere Informationen unter https://www.lehrkraeftepreis.de/der-wett bewerb/sonderpreis/medien-demokratie/
Infos
Für laufende Informationen zum Deutschen Lehrkräftepreis hier anmelden: www.lehrkraeftepreis.de/newsletter/
Für Rückfragen: Heraeus Bildungsstiftung, Thorsten Timmerarens, Tel. 0176/17842957 Deutscher Philologenverband, Victoria Hildebrand, Tel. 0179/4249358 E-Mail: presse@lehrkraeftepreis.de
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PROFIL // DPhV-Standpunkte
Chancenmonitor 2026:
Foto: AdobeStock
DPhV warnt vor weiterer Benachteiligung von Kindern mit niedrigem
sozioökonomischen Hintergrund und fordert verbindliche Übergangsempfehlung für die weiterführenden Schulen
Der aktuelle Chancen monitor 2026 des ifo Instituts und „Ein Herz für Kinder“ zeigt alarmierende Bildungsunterschie de nach sozialer
chen Leistungen und Noten. Das zeigte schon der Bildungsbericht „Bildung in Deutschland 2024“, der o ff enlegte, dass bei der mehrheitlich unverbindlich geregelten Über gangsempfehlung in den deutschen Bundesländern Eltern mit hohem sozioökonomischen Status ihre Kin der eher auf ein Gymnasium schick ten als Eltern mit niedrigem sozio ökonomischen Status – bei gleicher Leistung und Noten ihrer Kinder. So ermöglichten Eltern mit niedrigem sozioökonomischen Status nur 44 Prozent ihrer Kinder den Gymnasial besuch, obwohl 51 Prozent eine Gymnasialempfehlung bekommen hatten. Hingegen ermöglichten Eltern mit hohem sozioökonomi schen Status 58 Prozent ihrer Kinder den Besuch des Gymnasiums, bei denen 59 Prozent eine Gymnasial empfehlung bekommen hatten. „Ist der Elternwille für den Übergang allein entscheidend, pro fi tieren erfahrungsgemäß eher ressourcen starke Familien. Ziel muss es jedoch sein, für jedes Kind die passgenaue Schulart zu fi nden, die zur Begabung und individuellen Lernentwicklung passt – um Überforderung und Unterforderung zu vermeiden. Es braucht also eine verbindliche Über
gangsempfehlung für die weiterfüh renden Schulen, die den Elternwillen und zugleich die Leistungsfähigkeit der Schülerinnen und Schüler berücksichtigt“, betont DPhV-Bun desvorsitzende Prof. Dr. Susanne Lin-Klitzing. Der Chancenmonitor unterstreicht des Weiteren die Notwendigkeit hochwertig ausgebildeter Lehrkräfte. Der DPhV kritisiert in diesem Zusam menhang deutlich, dass sich alle Bundesländer bis auf Bayern mit 24 Monaten und Hessen mit 21 Monaten dazu entschieden haben, den Vorbereitungsdienst für ange hende Lehrkräfte trotz steigender Anforderungen erheblich zu kürzen, teils bis auf 12 Monate wie in Bran denburg. Zudem haben sich in der Kultusministerkonferenz jüngst Bil dungsminister- und Wissenschafts ministerkonferenz voneinander getrennt, was den Ein fl uss der Bil dungsminister auf die universitäre Lehrkräftebildung beeinträchtigt. „Beides sind von den politisch Ver antwortlichen selbst gescha ff ene strukturell-problematische Bedin gungen, die aus unserer Sicht einer qualitätvollen, professionsbezoge nen Lehrkräftebildung eher ent gegenstehen“, so Lin-Klitzing.
Pressemitteilung vom 28. April
6 PROFIL // 6/2026 tungsgerechter zu ermöglichen. Ohne verbindliche Übergangsemp fehlung für die weiterführenden Schulen bleiben Kinder mit nied rigem sozioökonomischen Hinter grund benachteiligt – selbst bei glei Herkunft auf: Die Wahrscheinlichkeit, ein Gymnasium zu besuchen, liege demnach für Kinder mit bildungsfer nen, einkommensschwachen Eltern bei 16,9 Prozent, wogegen sie bei Kindern mit einkommensstarken Eltern mit Abitur bei bis zu 80,3 Pro zent liege. Darüber hinaus liege die Wahrscheinlichkeit des Gymnasial besuchs bei Jungen mit 36,9 Prozent niedriger als bei Mädchen mit 43,5 Prozent. Der Deutsche Philologen verband sieht deutlichen politischen Handlungsbedarf für eine verbindli che Übergangsempfehlung von der Grundschule auf die weiterführen den Schularten, um endlich leis tungsstarken Kindern unabhängig vom sozioökonomischen Status den Übergang auf das Gymnasium leis
PROFIL // DPhV-Standpunkte
Zusagen einhalten statt Vertrauen brechen:
DPhV fordert verlässliche Umsetzung der Zusicherungen zum Digitalpakt 2.0
Der Deutsche Philolo genverband kritisiert die vom Bundesminis terium der Finanzen kurzfristig geplanten Änderungen an der Vereinbarung mit den Ländern zum Digitalpakt 2.0 und wirbt um Rückkehr zur ursprüng lichen Vereinbarung: In der neusten Fassung der Verwaltungsverein barung wurde der Beginn des Förder zeitraums nun einseitig vom 1. Januar 2025 auf den 1. Januar 2026 verscho ben. Das Programm sollte Verlässlich keit für die digitale Ausstattung an Schulen sichern, stattdessen steht nun die Glaubwürdigkeit dieser staatlichen Zusage infrage. Aus Sicht des Deutschen Philologen verbands ist nicht nur die formale Verschiebung des Startdatums pro blematisch. Schwerer noch wiegt der Bruch einer bereits gegebenen Zusage, der über den Einzelfall hinaus das Vertrauen in die Verlässlichkeit fi nanzpolitischer Entscheidungen für die Schulen beschädigt: Der Ende 2025 beschlossene Digitalpakt 2.0 sollte rückwirkend zum 1. Januar 2025 gelten. Nun wurde dieses Datum laut kommunaler Spitzenver bände ohne vorherige Abstimmung Pressemitteilung vom 29. April
mit den Kommunen auf den 1. Januar 2026 verschoben – ein Vorgehen, das grundlegende Prinzipien verlässlicher Zusammenarbeit missachtet. „Hier wird Vertrauen verspielt, statt es aufzubauen“, erklärt die DPhV-Bun desvorsitzende Prof. Dr. Susanne Lin Klitzing. „Kommunen haben im Glau ben an die klare Zusage des Bundes bereits 2025 Mittel in die Digitalisie rung der Schulen investiert. Schulen haben Konzepte entwickelt und Vor bereitungen getro ff en, Lehrkräfte und Lernende haben sich gefreut, dass endlich neue Geräte an die Schulen kommen, die digitale Ausstattung ver bessert und zeitgemäßer Unterricht auch dadurch nachhaltig unterstützt wird. Wenn diese Zusage nun nach träglich kassiert wird, bleiben Gemein den und Schulen auf Kosten und auf bereits geleisteter Arbeit sitzen und scheuen möglicherweise weitere Investitionen. Das ist eben nicht nur ein fi nanzielles Problem – es bricht politisches Vertrauen für die Unter stützung unserer Schulen, es nagt am politischen Vertrauen für die Unter stützung der Bildung unserer Kinder!“ Der DPhV fürchtet für die ohnehin schon schwierige Zusammenarbeit im Bereich der Bildungs fi nanzierung zwischen Bund, Ländern und Kom
7 PROFIL // 6/2026 Datenschutz und pädagogische Auto nomie ins Zentrum stellt, es braucht dauerhafte staatliche Finanzierung – und vor allem Verlässlichkeit!“ munen negative Folgen. Lin-Klitzing: „Welche Kommune wird zukünftig noch in Vorleistung gehen, welche Schule wird im Vertrauen auf Finan zierungszusagen des Bundes planen, wenn damit gerechnet werden muss, dass der Bund seine fi nanziellen Zusagen für die Digitalisierung anschließend einseitig verändert?“ Bereits das ursprünglich vorgesehene Startdatum zum 1. Januar 2025 hatte eine problematische Förderlücke gescha ff en, da der vorherige Digital Pakt Schule im Mai 2024 ausgelaufen war. Eine weitere Verschiebung auf 2026 könnte diese Lücke auf mehr als anderthalb Jahre ausweiten – mit spürbaren Folgen für die Schulen. Lin-Klitzing warnt: „Je länger die Anschluss fi nanzierung ausbleibt, desto stärker hängt die digitale Aus stattung der Schulen vom Geldbeutel einzelner Kommunen ab. Das ver schärft bestehende Ungleichheiten und konterkariert das Ziel gleichwerti ger Bildungsbedingungen.“ Der DPhV appelliert eindringlich an die Bundesregierung, zur ursprüng lichen Vereinbarung zurückzukehren: „Starten Sie die Finanzierung des Digi talpakt 2.0 rückwirkend zum 1. Januar 2025 und stehen Sie zu Ihren Zusa gen! Ein verlässliches digitales Fun dament für Schulen braucht nicht nur eine Digitalstrategie, die Qualität,
Foto: AdobeStock
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PROFIL // DPhV-Standpunkte
Präventionsmaßnahmen zum Kinder- und Jugendschutz in der digitalen Welt „unterbeforscht“
Digitale Kompetenzen in Deutschland laut Expertenkommission vom Zufall abhängig
DPhV fordert schonungslose Analyse und strukturierten Aufbau von vernetzten Maßnahmen für Medienbildung
Die aktuelle Bestands aufnahme der unab hängigen Experten kommission „Kinder- und Jugendschutz in der digitalen Welt“ macht grundlegende
Achtklässler lediglich über grund legende digitale Fähigkeiten. Gleich zeitig zeigt die JIM-Studie 2025 eine deutliche Diskrepanz zwischen Nut zung und Kompetenz: 84 Prozent der Jugendlichen nutzen KI-Anwen dungen wie ChatGPT, während nur etwa ein Drittel sich zutraut, kom plexere digitale Inhalte wie Deep- fakes einzuordnen oder Bildrecher chen kompetent durchzuführen. Auch die Erwartungen der Schüle rinnen und Schüler sind klar formu liert: 81 Prozent wünschen sich mehr schulische Unterstützung beim Umgang mit sozialen Medien (Vodafone-Stiftung). Der INSM-Bil dungsmonitor 2025 verweist zudem auf erhebliche Unterschiede zwi schen den Bundesländern beim Stand der Digitalisierung im Bil dungsbereich. DPhV-Vorsitzende Lin-Klitzing kon statiert: „Die De fi zite sind unüber sehbar, aber es reicht eben nicht, nur steigende Anforderungen zu formulieren. Es müssen im schu lischen Bereich auch die Vorausset zungen gescha ff en werden, damit Lehrkräfte diesen steigenden Anfor
derungen überhaupt gerecht wer den können.“ Vor diesem Hinter grund fordert der DPhV ein strin gentes Gesamtkonzept, das zentra le Handlungsfelder verbindlich adressiert: Erstens: In einer professionsbezo genen Lehrkräftebildung muss Medienbildung Bestandteil aller Phasen der Lehrkräfteausbildung sein, vom Studium über den Vor bereitungsdienst bis zur Fortbil dung. Während die Anforderungen nicht nur an digitale Kompetenzen, sondern auch an schulische Medi enbildung kontinuierlich steigen, wurde jedoch die Lehrkräfteausbil dung in den letzten zwanzig Jahren zunehmend polyvalent gestaltet und der Vorbereitungsdienst gekürzt. „Wer von Lehrkräften erwartet, komplexe digitale Kom petenzen fachlich fundiert und didaktisch re fl ektiert zu vermitteln, muss die entsprechenden Ausbil dungsstrukturen stärken, statt sie zu kürzen“, so Lin-Klitzing. Zweitens: Der Bericht weist darauf hin, dass Medienbildung
Pressemitteilung vom 6. Mai
8 PROFIL // 6/2026 überwiegen die systemischen Gren zen. Empirische Befunde unterstrei chen die Problemlage: Laut ICILS Studie 2023 verfügen rund 40 Pro zent der Achtklässlerinnen und De fi zite beim Kinder- und Jugend schutz sichtbar und stellt fest, dass die Wirksamkeit von Präventions maßnahmen gegen problemati sches Internetverhalten bislang unzureichend erforscht ist und eine theoriegeleitete Weiterentwicklung erforderlich ist. Prof. Dr. Susanne Lin-Klitzing, Bundesvorsitzende des Deutschen Philologenverbands: „In Deutschland ist derzeit nicht gewährleistet, dass Kinder und Jugendliche gut auf die digitale Welt vorbereitet werden.“ Im schulischen Bereich zeigt sich: Trotz des Engagements vieler Lehr kräfte für Medienbildung und klug digital unterstützten Unterricht
PROFIL // DPhV-Standpunkte
den Ländern strukturell fort geschrieben.“
häufig in das Unterrichtsfach Infor matik „abgeschoben“ werde und dieses Fach die Erwartungen nicht erfülle. Dazu muss man wissen, dass die flächendeckende und verbindliche Einführung des Fachs Informatik als eigenständiges Pflichtfach mit der von der KMK empfohlenen Mindeststundenzahl von sechs Wochenstunden in den Klassen fünf bis zehn in so gut wie keinem Bundesland ermöglicht wurde! Die bildungspolitische Zielvorgabe wird strukturell nicht erfüllt. „Wir brauchen Medienbil dung als Querschnittsaufgabe in jedem Fach und wir brauchen Informatikunterricht auf hohem Niveau“, so Lin-Klitzing. Drittens: Verlässliche strukturelle Rahmen- und Nutzungsbedingun gen beispielsweise im Umgang mit KI sind eine von vielen Vorausset
zungen für schulische Medienbil dung. Der staatliche Zugang zu schu lischer KI wurde erst Ende letzten Jahres mit dem „Telli-Angebot“ ini tiiert. „Lehrkräfte wollen den Wandel zu klug digital unterstütztem Unter richt, umfassender Medienbildung und einem souveränen Umgang mit KI für ihre Schülerinnen und Schüler professionell unterstützen, doch um steigende Anforderungen zu erfül len, braucht es allem voran die nöti gen Voraussetzungen: verbindliche Standards, Zeit für Aus- und Fortbil dung sowie funktionierende IT. Aber auch beim Digitalpakt 2.0 zeigt sich der Widerspruch zwischen Wunsch und Wirklichkeit. In der Wirklichkeit will das Bundes fi nanzministerium den versprochenen Förderbeginn nun vom 1. Januar 2025 auf den 1. Januar 2026 verlegen. Damit wer den ungleiche Bedingungen für eine kluge Digitalisierung an Schulen in
Gemeinsam mit der Kommission wünschen sich Lehrkräfte die von der Expertenkommission geforderte „Struktur und Vernetzung“ für einen umfassenden Kinder- und Jugend schutz in der digitalen Welt, in dem schulische Bildung einen wesentli chen Beitrag leisten will. „Die scho nungslose Analyse des Ist-Zustands ist die erste notwendige Bedingung dafür. Wir wünschen uns den sehr klaren Blick auf die noch de fi zitären Bedingungen in der schulischen Bil dung. Mehr noch wünschen wir uns, dass es anschließend für klarere Ziele die notwendigen Ressourcen gibt, damit Lehrkräfte ihren Teil zu einem angemessenen Kinder- und Jugendschutz in der digitalen Welt leisten können“, appelliert die DPhV Vorsitzende.
Foto: AdobeStock
PROFIL // DPhV-Standpunkte
DPhV wertschätzt den Einsatz der Lehrkräfte und begrüßt die Verö ff entlichung der Aufgaben aus dem IQB-Aufgabenpool der Naturwissenschaften
Mit dem Ende der schriftlichen Abitur prüfungen 2026 in allen Bundesländern spricht der Deutsche Philologenverband allen Lehrkräften an
ordentlichen Maß an Fachkom petenz, Engagement und pädagogi scher Verantwortung beraten und begleiten sie den Übergang der Abi turientinnen und Abiturienten in die nächste Lebensphase – oftmals weit über den Unterricht hinaus. Lin-Klit zing: „Ohne dieses verlässliche und gewissenhafte Arbeiten der Gymna siallehrkräfte und ihrer Schülerin nen und Schüler gäbe es kein Abitur auf so hohem Niveau.“ Doch diese Leistung wird Jahr für Jahr unter Rahmenbedingungen erbracht, die von steigenden Anfor derungen, größerer Heterogenität der Schülerschaft und wachsenden administrativen Aufgaben geprägt sind. Hinzu kommt, dass in man chen Bundesländern den Lehrkräf ten und ihren Schülerinnen und Schülern die Vorbereitung auf die Abschlussprüfungen unter ver gleichbaren Bedingungen erschwert wurde. So üben Lehrkräfte bei spielsweise mit künftigen Abiturien tinnen und Abiturienten anhand der Abituraufgaben vergangener Jahre aus dem IQB-Aufgabenpool für die anstehenden Prüfungen. Der IQB Aufgabenpool dient ausdrücklich der Vergleichbarkeit und Qualitäts sicherung im Abitur und stellt damit ein wichtiges Instrument für die schulische Praxis dar. In diesem Jahr waren die Abituraufgaben aus 2025 in den Fächern Chemie, Biologie
und Physik aufgrund urheberrecht licher Fragestellungen zunächst nicht fl ächendeckend gleicherma ßen zugänglich gemacht worden. Der DPhV hatte deshalb die Amts chefs der Bildungsministerkon ferenz auf die Problematik unein heitlicher Regelungen zwischen den Ländern aufmerksam gemacht. Nun hat das Institut zur Qualitäts entwicklung im Bildungswesen (IQB) auch die Aufgaben für die Naturwis senschaften online verö ff entlicht und damit allen Ländern gleicher maßen zugänglich gemacht hat. „Das ist eine gute Nachricht für Lehrkräfte sowie Schülerinnen und Schüler und ein wichtiges Signal für faire und vergleichbare Vorberei tungsmöglichkeiten auf das Abitur“, betont Lin-Klitzing. „Wir freuen uns, dass hier eine praktikable Lösung gefunden wurde, und ho ff en, dass das IQB und die Bildungsminister konferenz diesen Weg auch künftig fortsetzen. Dies trägt dazu bei, die chancengleiche Vorbereitung auf das Abitur zu stärken.“ Abschließend wünscht der DPhV allen Schülerinnen und Schülern für die noch anstehenden mündlichen Prüfungen Kraft, Mut, Zuversicht und Erfolg und spricht allen Lehr kräften ein großes Dankeschön für ihre unverzichtbare und bildungs biogra fi sch prägende Arbeit für die jungen Menschen aus.
Pressemitteilung vom 22. Mai
10 PROFIL // 6/2026 ten Prüfungsaufgaben, die den hohen Standards des Abiturs gerecht werden. Mit einem außer Gymnasien und gymnasialen Ober stufen seinen ausdrücklichen Dank und hohe Wertschätzung für ihren professionellen und unermüdlichen Einsatz aus. Zugleich begrüßt der DPhV die inzwischen erfolgte Ver ö ff entlichung der Abituraufgaben aus dem IQB-Aufgabenpool der Naturwissenschaften und sieht darin einen weiteren Schritt für mehr Vergleichbarkeit und Chan cengerechtigkeit bei der Vorberei tung auf das Abitur. „Das Abitur ist das Ergebnis von intensiver, hochquali fi zierter Arbeit der Lehrkräfte mit ihren Schülerin nen und Schülern über mehrere Jahre“, weiß Prof. Dr. Susanne Lin Klitzing, Bundesvorsitzende des DPhV. Neben der anspruchsvollen Korrektur der schriftlichen Prüfun gen und der Durchführung der mündlichen Prüfungen bereiten Gymnasiallehrkräfte die jungen Menschen zielgerichtet auf die Anforderungen der Abiturprüfungen vor. Sie entwickeln und überarbei
Foto: SLT/ Stephan Floss
PROFIL // Titel
Plenarsitzung des Sächsischen Landtages
Im Ausschuss für Schule und Bildung des Sächsischen Landtags ist am 22. April 2026 ö ff entlich über einen Antrag der AfD-Fraktion beraten worden, der die bestehende Schulbesuchsp fl icht durch eine sogenannte „Bildungsp fl icht“ ersetzen will. Als Sach verständige nahm Prof. Dr. Susanne Lin-Klitzing, Bundesvorsitzende des Deutschen Philologenverbandes und Professorin für Schulpädagogik an der Philipps-Univer sität Marburg, Stellung und machte deutlich: Die Schulp fl icht ist kein überholtes Relikt, sondern die notwendige Voraussetzung für gleiche Bildungschancen, demo kratische Teilhabe und gesellschaftlichen Zusammenhalt.
An den Ausschuss für Schule und Bildung im Sächsischen Landtag
Berlin, 22. April 2026
Stellungnahme zum Antrag der AfD-Fraktion „Bildungspflicht statt Schulbesuchspflicht – Individuelle Bildungsräume ermöglichen“ Drucks. 8/4830 für die Anhörung im Ausschuss für Schule und Bildung im Sächsischen Landtag am 22. April 2026
Sehr geehrte Frau Vorsitzende, sehr geehrte Herren und Damen Abgeordnete,
Anlass und Ziel der Stellungnahme
1.
ich danke für die Möglichkeit der Stellungnahme. Da ich als Bundesvorsitzende des Deutschen Philologen verbandes und als Professorin für Schulpädagogik angefragt bin und davon ausgehe, dass für rechtliche und insbesondere verfassungsrechtliche Einordnungen des Antrags juristische Expertise eingeholt wird, bezieht sich meine Stellungnahme im Wesentlichen auf die erziehungswissenschaftlich-bildungstheoretische Einordnung und Bewertung des Antrags .
Der Sächsische Landtag befasst sich auf Antrag der AfD Fraktion (Drs. 8/4830) mit der Forderung, die bestehende Schulp fl icht, verstanden als Schulbesuchsp fl icht, durch eine sogenannte „allgemeine Bildungsp fl icht“ zu ersetzen. Diese wird als sogenannte „Unterrichtsp fl icht“ (Dezentrali tät und Häuslichkeit als mögliche Erfüllungsformen) im Gegensatz zur deutschen Schulbesuchsp fl icht verstanden. Zur Begründung des Antrags werden unter anderem struk turelle Herausforderungen des Schulwesens angeführt.
12 PROFIL // 6/2026
PROFIL // Titel
Die vorliegende Stellungnahme zeigt, dass die im Antrag gezogene Schlussfolgerung, dass die Schul p fl icht, gemeint ist die Schulbesuchsp fl icht, durch eine „allgemeine Bildungsp fl icht“ zu ersetzen sei, insbeson dere aus bildungstheoretisch-erziehungswissenschaftli cher Perspektive nicht trägt, weil der Erwerb allgemei ner Bildung – verdeutlicht an der Bildungstheorie Wolfgang Klafkis, die u.a. auf Humboldt aufbaut – systematisch auf die Schulp fl icht, verstanden als Schulbesuchsp fl icht, angewiesen ist. Im Antrag wird eine Bildungsp fl icht bzw. eine allgemei ne Bildungsp fl icht gefordert. Die zentralen Begri ff e Bil dung bzw. allgemeine Bildung in dieser sogenannten „allgemeinen Bildungsp fl icht“ werden allerdings nicht de fi niert. Bildungstheoretisch handelt es sich um zentra le Begri ff e der Pädagogik, die über Jahrhunderte in der deutschen Bildungstradition ausbuchstabiert worden sind, im Gegensatz zu einer sogenannten „allgemeinen Bildungsp fl icht“. Dem Antrag fehlt also ein klar bestimmter Bildungsbegri ff , ihm fehlen Aussagen über Inhalte, Ziele und Formen von Bildung. Er reduziert „Bildung“ auf das Erreichen überprüfbarer Lernziele. Mein Doktorvater Wolfgang Klafki versteht Bildung als den zusammenhängenden Erwerb von Selbstbestim mungs-, Mitbestimmungs- und Solidaritätsfähigkeit auf der Basis von Fachwissen in der Auseinandersetzung mit Schlüsselproblemen. Allgemeine Bildung soll im Medium des Allgemeinen , also in Aneignung und Aus einandersetzung mit allgemein-relevanten Inhalten, zum Beispiel aus der Natur, der Kultur, der Politik, statt fi nden, und sie ist insofern allgemeine Bildung, als sie Bildung für alle sein soll . Bildung ist für ihn also nicht bloß Wissensanhäufung, sondern auf der Basis von erworbenem Wissen die Entwicklung von Fähigkeiten, mit denen Menschen ihr Leben eigenständig, demokratisch und verantwortlich gestalten können. Damit verbindet er individuelle Mündigkeit mit gesellschaftlicher Teilhabe und sozialer Verantwortung. Bildung ist hier kein „privates Gut“, sondern ihre Ermöglichung ist eine ö ff entliche Aufgabe und zielt auf demokratische Mündigkeit. Sie ist – wie gesagt – auf Allgemeinbildung für alle angelegt. Wer lernen soll, selbstbestimmt mit seinem eigenen Leben umzugehen sowie mitbestimmungs- und solida ritätsfähig in unserer Gesellschaft zu werden, braucht die Auseinandersetzung mit fachlich strukturierten 2. De fi nitorische Klärungen
Inhalten im Unterricht, die mit didaktisch tragfähigen Begründungen ausgewählt wurden, professionelle Begleitung durch ausgebildete Lehrkräfte sowie gemeinsame Lerngelegenheiten mit anderen Schülerin nen und Schülern, um in sprachlicher Ausdrucksfähig keit, in Urteilskraft, Kon fl iktfähigkeit und Perspektiv wechsel altersangemessen zu wachsen. Gerade der Erwerb von Mitbestimmungs- und Solidari tätsfähigkeit macht deutlich, dass Bildung über indivi duelle Optimierung hinausgeht. Der junge Mensch soll lernen, zunehmend Verantwortung für sich, für andere und für die Gesellschaft zu übernehmen. Schule hat dementsprechend auch eine integrative Funktion: Sie ist der Ort, an dem gemeinsame kulturelle und politi sche Grundlagen vermittelt werden. Für das Gymnasium gilt noch einmal in besonderer Weise die Aufgabe der Vermittlung vertiefter Allgemein bildung, von Wissenschaftspropädeutik und allgemei ner Studierfähigkeit. Auf der Basis eines solchermaßen gestalteten anspruchsvollen Fachunterrichts sollen die Schülerinnen und Schüler mit den gegenwärtigen und zukünftigen gesellschaftlichen Herausforderungen vertraut gemacht werden, Problembewusstsein ent wickeln und lernen, mehrperspektivisch an komplexe Probleme und Situationen unserer Welt heranzugehen. Eine anspruchsvolle Aufgabe – für die Heranwachsen den wie für ihre Lehrkräfte. Aus diesem Bildungsverständnis folgt die Schulp fl icht logisch in mehreren Schritten. Erstens: Wenn Bildung als Allgemeine Bildung für alle verstanden wird ist, darf sie nicht vom Elternhaus, von sozialer Herkunft oder von freiwilliger Teilnahme abhängen. Zweitens: Wenn Bildung Selbstbestimmung, Mit bestimmung und Solidarität fördern soll, braucht es eine institutionelle Form, die alle Kinder und Jugend lichen erreicht und gemeinsame Lernprozesse ermög licht. Drittens: Diese gemeinsamen Lernprozesse sind nur in einer verp fl ichtenden ö ff entlichen Schule verlässlich sicherzustellen, weil dort demokratische Erfahrung, soziale Integration und systematische Allgemeinbil dung zusammenkommen. Die Schulp fl icht ist damit 3. Schulp fl icht, verstanden als Schulbesuchs p fl icht, als systematische Konsequenz aus dem Bildungsbegri ff
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PROFIL // Titel
nicht bloß „Zwang“, sondern die rechtliche Vorausset zung dafür, dass diese Bildungsziele überhaupt reali sierbar werden können. Die Schulp fl icht schützt den Anspruch auf Bildung gegen soziale Selektivität und stellt sicher, dass Schule als Ort gemeinsamer Welt aneignung für alle o ff ensteht. Im hier exemplarisch dargelegten Bildungsverständnis von Wolfgang Klafki lässt sich die Schulp fl icht also nicht nur als rechtliche Ordnung, sondern als Konsequenz des Bildungsbegri ff s begründen. Aus bildungstheoretischer Perspektive ist die Schul p fl icht die institutionelle Konsequenz des Bildungs begri ff s: Wenn Bildung auf Mündigkeit, demokratische Teilhabe und Solidarität zielt, dann muss der Staat den Zugang zu gemeinsamer Allgemeinbildung verp fl ich tend sichern. Die Schulp fl icht ist daher kein Gegensatz zu allgemeiner Bildung, sondern ihre gesellschaftliche Ermöglichungsbedingung. Erziehungswissenschaftlich lässt sich die Schulp fl icht in Deutschland also als Ergebnis einer theoretischen Bil dungsdebatte verstehen, weil sie nicht nur eine Verwal tungsregel ist, sondern eine Antwort auf die Frage, was dieses Bildungsverständnis für den Einzelnen und den Staat leisten soll: individuelle Entfaltung, gesellschaftli che Integration und Herstellung von Chancengleichheit. Die Schulp fl icht ist also nicht der Ursprung der Bil dungsdebatte, sondern ihre rechtlich-institutionelle Konkretisierung. Erst die theoretische Frage, wie der Staat Bildung sichern und Freiheit begrenzen darf, führt zur normativen Begründung von Schulbesuch als P fl icht. In diesem Sinn ist die Schulp fl icht der prakti sche Ausdruck einer bildungstheoretischen Entschei dung zugunsten ö ff entlicher, gemeinsamer und staat lich garantierter Bildung. Die Schulp fl icht ist in Deutschland also nicht primär ein tech nisches Organisationsmittel, sondern die Folge eines norma tiven Bildungsverständnisses, das die Ermöglichung von all gemeiner Bildung als gesellschaftlich verantwortetes Recht und als Voraussetzung demokratischer Teilhabe begreift. Schulp fl icht dient der Sicherung des Bildungsrechts aller Kinder, der Gewährleistung gemeinsamer Lern prozesse und der staatlichen Verantwortung durch professionelle Lehrkräfte, didaktische Qualität, pädago gische Diagnostik, ebenso wie dem Kinderschutz durch 4. Schulp fl icht als Konsequenz Allgemeiner Bildung
seine Präventionsfunktion bei Kindeswohlgefährdung sowie der Integration in Gesellschaft und Demokratie durch politische Bildung und Wertevermittlung.
Konsequenzen aus der Corona-Pandemie
5.
Empirische Studien zeigen Lernverluste, wachsende Bildungsungleichheit und steigende psychosoziale Belastungen infolge des Wegfalls schulischer Struktu ren während der Corona-Zeit. Bildungserfolg war in dieser Zeit stärker denn je vom Elternhaus abhängig. Untersuchungen vom Robert-Koch-Institut zeigen deut liche Belastungen der psychischen Gesundheit von Kin dern und Jugendlichen. – Schule erweist sich also als zentraler Ort sozialer Stabilität und der Ermöglichung von Chancengleichheit. In diesem Sinne hat das Bun desverfassungsgericht 2021 das Recht auf Bildung im Beschluss zur „Bundesnotbremse“ (19. November 2021) bestätigt: Aus Art 2 Abs. 1 i.V. m. Art. 7 Abs. 1 GG folgt ein Recht der Kinder und Jugendlichen gegenüber dem Staat, ihre Entwicklung zu einer eigenverantwort lichen Persönlichkeit auch in der Gemeinschaft durch schulische Bildung zu unterstützen und zu fördern (Recht auf schulische Bildung). Aus bildungstheoretisch-erziehungswissenschaftlicher Perspektive ist die Schulp fl icht die institutionelle Kon sequenz eines normativen Bildungsbegri ff s: Wenn Bil dung auf Mündigkeit, demokratische Teilhabe und Soli darität zielt, dann muss der Staat den Zugang zu gemeinsamer Allgemeinbildung verp fl ichtend sichern. Die Schulp fl icht, verstanden als Schulbesuchsp fl icht, ist also die staatlich-gesellschaftliche Ermöglichungsbedin gung allgemeiner Bildung. Der Antrag ist abzulehnen, denn die Schulp fl icht sollte also gerade nicht ersetzt werden wie im Antrag gefordert, sondern die schu lischen Gelingensvoraussetzungen für den Erwerb All gemeiner Bildung gestärkt werden. Dazu brauchen Sachsens Schulen aus verbandspoliti scher Sicht vor allem gut ausgebildete Lehrkräfte, gute Arbeitsbedingungen, verlässliche Personalplanung, didaktisch passende Lernformen, psycho-sozial unter stützendes Personal und eine zeitgerechte Ausstattung. Ich danke Ihnen für Ihre Aufmerksamkeit. 6. Abschließende Bewertung des Antrags aus bildungstheoretischer Sicht
Gez. Susanne Lin-Klitzing Bundesvorsitzende des Deutschen Philologenverbandes
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PROFIL // Aktuell
Drei zukünftige Gesprächspartner für DPhV und Landesverbände In Baden-Württemberg, Rheinland-Pfalz und Brandenburg wurden neue Kultusminister ernannt
von Walter Tetzloff
ter) erwarb. Als Mitglied des Aus schusses für Bildung und Kultus im Freistaat hat sie sich schulpolitische Kompetenz erworben, die ihr im neuen Regierungsamt in Mainz sicherlich nützlich sein wird. Eine Regierungsumbildung hat es in Brandenburg gegeben. Der langjäh rige Ministerpräsident Woidke (SPD) sah keine Grundlage mehr für eine Zusammenarbeit mit der zerstritte nen Linken und beendete deshalb die Koalition mit diesen in Potsdam. Neuer Koalitionspartner wurde die CDU, die dann auch das Ministerium für Bildung, Jugend und Sport erhielt. Minister wurde Gordon Ho ff mann (47), ein ausgebildeter Erzie her, der umfangreiche Kenntnisse in der Sozialpädagogik hat und über dies über Parlamentserfahrung in Wittenberge und Potsdam verfügt. In der Landtagsfraktion war Ho ff mann mehr als ein Jahrzehnt Spre cher für Bildungspolitik. Der Deutsche Philologenverband gratuliert der neuen Ministerin in Mainz und ihren beiden neuen Kol legen in Stuttgart und Potsdam und freut sich auf einen konstruktiven Dialog.
50jährige stammt von der Insel Rei chenau. Er pro fi lierte sich bisher als Bundestagsabgeordneter primär in der Klimapolitik, beide Eltern waren allerdings Lehrkräfte am Gymnasi um. Die Einarbeitung in das neue Amt wird für den gelernten Juristen Jung eine Herausforderung sein, aber keine unüberwindliche. Er lässt sich zitieren mit dem Satz: „Schule ist nicht der Ort für Kulturkämpfe, sondern der Ort für Wissensvermitt lung und Herzensbildung“. In Rheinland-Pfalz gewann die CDU jüngst die Landtagswahl. Der neue Ministerpräsident Gordon Schnieder bildete ein Kabinett aus Union und Sozialdemokraten, wobei aber die CDU mit Erfolg das Kultusministeri um für sich reklamierte. Zur Über raschung vieler in Mainz fi el dies an eine bayerische Politikerin, die drei zehn Jahre lang Mitglied des dorti gen Landtags und überdies in der oberbayerischen Kommunalpolitik fest verankert war, die CSU-Politike rin Dr. Ute Eiling-Hütig. Ursprünglich allerdings stammt diese aus West falen, wo die Münsterländerin einen Magisterabschluss in Geschichte und Archäologie (Universität Müns
16 PROFIL // 6/2026 präsident angekündigt hatte, mit Cem Özdemir den neuen Regie rungschef zu stellen. Dieser ent schied sich, die im Südwesten ins gesamt erfolgreiche Koalition mit der CDU fortzusetzen. Da diese aber den Grünen an Wählerstimmen sehr nah und an Mandaten sogar gleich kam, konnten die Christdemokraten auf eine stärkere Präsenz im Landes kabinett pochen. Ein Ergebnis der Koalitionsverhandlungen: Die bishe rige Kultusministerin Teresa Schop per (Bündnis 90/Die Grünen) verlor dieses Amt, wurde stattdessen Mi nisterin für Landesentwicklung und Wohnen, und an ihre Stelle im Kul tusbereich tritt Andreas Jung. Der Zur Verbandsarbeit gehören seit jeher der Dialog und die kritische Begleitung der Bildungs- und Kultusminister in den 16 Bundes ländern. Obwohl diese primär Ansprechpartner der Landesver bände sind, sind die intensiven persönlichen Begegnungen der DPhV-Führung gemeinsam mit den jeweiligen PhV-Landesvorsit zenden mit den Regierenden in den Ländern und Stadtstaaten unentbehrlich und von letzteren auch immer wieder gewünscht. I n drei Ländern hat es kürzlich ei nen Regierungswechsel gegeben. In Baden-Württemberg gelang es den regierenden Bündnis-Grünen knapp, ihre Vorrangstellung zu hal ten und, nachdem Winfried Kretsch mann seinen Rückzug als Minister
Foto: CDURLP
Gordon Ho ff man, neuer Bildungsminister in Brandenburg Foto: CDU Brandenburg/Babic
Andreas Jung, neuer Kultusminister von Baden-Württemberg Foto: Weißbrod
Dr. Ute Eiling-Hütig, neue Bildungsministerin in Rheinland-Pfalz
PROFIL // Begegnungen
Foto: Akhtar
Maximilian Schmieding:
In der Lehrkräfte- ausbildung gibt es
Verbesserungsbedarf
Interview mit dem stellvertretenden Vorsitzenden der Jungen Philologen im Deutschen Philologenverband
de Hängepartie, die hochquali fi zier te Fachkräfte abschreckt und das System nachhaltig schwächt. Für mich folgt daraus klar die Forde rung: Es braucht eine landesweite mobile Reserve, wodurch jede Schu le zusätzliche Stundenkontingente erhält, um kurzfristige Unterrichts ausfälle auszugleichen. Diese mobile Reserve bietet jungen Kolleginnen und Kollegen die Mög lichkeit, Erfahrungen zu sammeln und Unterrichtspraxis zu erlangen und das mit der verbindlichen Zu- sage einer Planstelle an einer SII Schule. Dies scha ff t Klarheit – sowohl für die betro ff enen Kolleginnen und Kollegen als auch für die Schulen. Unser Ziel als Junge Philologen ist es, dass die Kolleginnen und Kolle gen wie auch die Schulen Planungs sicherheit erhalten und das Bil dungsangebot den hohen Ansprü chen der Schülerinnen und Schüler sowie ihrer Erziehungsberechtigten durch exzellenten Unterricht gerecht wird. Dies gelingt nur mit motivierten und verlässlichen Lehrerinnen und Lehrern.
Wie beurteilen Sie die Praxis der Lehrerausbildung im Verhältnis zum Lehrkräftebedarf? Als stellvertretender Vorsitzender der Jungen Philologen in Nordrhein Westfalen sehe ich ein eklatantes Missverhältnis zwischen der aktuel len Zahl der Lehramtsabsolventen, ihren Fächern und dem realen Be- darf an quali fi zierten Lehrkräften in Nordrhein-Westfalen – besonders deutlich an Gymnasien und Gesamt schulen. Landesweit sind derzeit rund 8.800 Stellen unbesetzt, und eine voraus schauende, bedarfsgerechte Pla nung fehlt nach wie vor. Insbeson dere in MINT-Fächern kla ff en massive Lücken, während viele hervorragend ausgebildete Kollegin nen und Kollegen mit anderen Fächern keine Planstelle an Schulen mit Sekundarstufe II fi nden. Statt dessen verharren sie jahrelang als Vertretungslehrkräfte in Kettenver trägen auch an Schulformen, für die sie eigentlich nicht ausgebildet sind. Aus meiner Sicht eine demotivieren 1.
Welche Verbesserungs- vorschläge haben Sie für die zweite Ausbildungsphase (Referendariat)? Das Referendariat in Nordrhein Westfalen ist aus unserer Sicht der zeit eine extrem verdichtete und sehr anstrengende Phase. Viele angehende Lehrkräfte arbeiten am Limit – nicht, weil sie dem Beruf nicht gewachsen wären, sondern weil die strukturellen Rahmenbedingungen den gestiegenen Anforderungen nicht mehr gerecht werden. So hat sich die Unterrichtspraxis in den letz ten Jahren erheblich verändert: Neben der Verbindung von analogen und digitalen Unterrichtsformen müssen Lehrkräfte mit einer deutlich gewachsenen Heterogenität in der Schülerschaft umgehen und sich zugleich mit neuen Entwicklungen wie dem Einsatz künstlicher Intel ligenz auseinandersetzen. Die Anforderungen sind in den letz ten Jahren kontinuierlich gestiegen, die zur Verfügung stehende Zeit jedoch nicht. Diese Schie fl age 2.
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PROFIL // 6/2026
PROFIL // Begegnungen
18 PROFIL // 6/2026 Wie ist in diesem Kontext die Rolle des Praxissemesters – dieser etwa einsemestrigen, praxisorientierten Schulphase im Lehramtsstudium – im Gesamtkonzept der Lehrerausbil dung zu sehen? Hier fi ndet faktisch eine Vorverlagerung von Praxisantei führt dazu, dass Ausbildung oft nur noch im „Abarbeitungsmodus“ statt fi ndet, statt echte professionelle Entwicklung zu ermöglichen. Wir fordern daher eine klare Neuaus richtung: Referendarinnen und Refe rendare brauchen mehr Raum, um Unterricht auf hohem Niveau zu ent wickeln, zu erproben und re fl ektiert weiterzuentwickeln. Zusätzlich müs sen Fachlichkeit und Fachdidaktik wie der stärker in den Mittelpunkt rücken. Gerade in einem vielfältigen und heterogenen Bildungssystem wie in Nordrhein-Westfalen ist eine intensi vere Vorbereitung auf die Berufspra xis von besonderer Bedeutung: Wer besser vorbereitet in den Beruf star tet, bleibt langfristig motivierter und stabiler im System. Warum setzen sich die Jun gen Philologen konkret für ein 24-monatiges Referendariat ein? Für mich ist das nicht nur eine bil dungspolitische Position, sondern ein persönliches Anliegen. Ich habe selbst ein 24-monatiges Referenda riat in Bayern absolviert und konnte unmittelbar erleben, welchen Unter schied diese zusätzliche Zeit macht. Der zentrale Punkt ist: Derzeit ver suchen wir, eine hochkomplexe und verantwortungsvolle Profession in nur achtzehn Monaten zu kompri mieren – mit Unterricht, Seminar p fl ichten, Prüfungen, Zusatzaufgaben und oft langen Anfahrtswegen. All das trägt nicht zur Steigerung der Ausbildungsqualität bei. 3.
len in die erste Phase der Lehreraus bildung statt, während das Referen dariat selbst verkürzt und strukturell überlastet wird. Das Praxissemester ist zwar ein wichtiger Zugang zur schulischen Realität, aber es kann die Qualität und Tiefe eines 24 ‑ monati gen Referendariats nicht ersetzen. Ein verlängertes Referendariat scha ff t hingegen genau die notwen dige Zeit für das, was exzellente Leh rerausbildung ausmacht: sorgfältiges Planen, selbstbewusstes Durchfüh ren und tiefgehendes Re fl ektieren von Unterricht – alles in einer der zunehmenden Komplexität ange messenen Zeit und mit intensiver, professioneller Begleitung. Wir könn ten Hospitationen ausbauen, geziel te Fortbildungen integrieren und die angehenden Lehrkräfte schrittweise an wachsende Unterrichtsverantwor tung heranführen. Darüber hinaus bietet die Verlänge rung erhebliche organisatorische Vorteile für die Schulen. Derzeit beginnen und enden Referendariate mitten im Schuljahr, was zu erhebli chem Planungsaufwand führt. Mit 24 Monaten ließen sich die Ausbil dungsphasen sinnvoll an die Schul jahresstruktur anpassen – ein klarer Gewinn für alle Beteiligten. Ein 24-monatiges Referendariat ist deshalb kein Luxus, sondern eine notwendige Investition in Qualität, Stabilität und Zukunftsfähigkeit unseres Bildungssystems.
aus dem Lehrberuf nach. Manche ent scheiden sich sogar bewusst gegen eine Verbeamtung auf Lebenszeit und wollen zunächst mit befristeten Ver trägen fl exibel bleiben und abwarten, wie sich die Lage entwickelt. Der Grund hierfür liegt auf der Hand: Sie beginnen in der Regel ohne jegli che Einarbeitungsphase und Beglei tung ihre feste Stelle. Neben Unter richt, Korrekturen, Projekten sowie obligatorischen Verwaltungsauf gaben kommen meist noch weitere schulische Zusatzaufgaben hinzu. Wer so in seine beru fl iche Laufbahn startet, arbeitet schnell am Limit. Deshalb muss der Berufseinstieg endlich als das verstanden werden, was er ist: Eine entscheidende Auf bauphase. Wir als Junge Philologen fordern deshalb erstens verbindliche Entlas tungsstunden im Deputat für die ers ten Jahre, die gezielt für Unterrichts vorbereitung, Hospitationen und Fortbildung genutzt werden können. Zweitens braucht es ein strukturier tes Mentoring durch speziell ge- schulte und entsprechend entlastete Mentorinnen und Mentoren für jede Berufseinsteigerin und jeden Berufs einsteiger. Nicht zuletzt ist aus unserer Sicht ein klarer Fokus auf die Kernaufgabe von Lehrkräften nötig: Guter Unterricht. Das bedeutet: Keine großen Projekte oder Zusatzaufgaben und nur eine sehr zurückhaltende Einbindung in die Gremienarbeit in den ersten Jahren. Nur wenn wir diese Bedingungen scha ff en, gelingt es uns, junge Lehr kräfte nicht nur im System zu halten, sondern ihnen die Möglichkeit zu geben, sich zu exzellenten Expertin nen und Experten zu entwickeln, die für ihre Fächer brennen.
Welche Entlastungsmaßnah men halten Sie in den ersten
4.
Berufsjahren für notwendig?
Die Rückmeldungen, die wir als Junge Philologen erhalten, sind zum Teil besorgniserregend: Viele junge Lehr kräfte stehen bereits in den ersten Berufsjahren unter enormem Druck und denken früh über einen Ausstieg
Die Fragen stellte Walter Tetzlo ff .
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