Profil 6/2026
PROFIL // Begegnungen
18 PROFIL // 6/2026 Wie ist in diesem Kontext die Rolle des Praxissemesters – dieser etwa einsemestrigen, praxisorientierten Schulphase im Lehramtsstudium – im Gesamtkonzept der Lehrerausbil dung zu sehen? Hier fi ndet faktisch eine Vorverlagerung von Praxisantei führt dazu, dass Ausbildung oft nur noch im „Abarbeitungsmodus“ statt fi ndet, statt echte professionelle Entwicklung zu ermöglichen. Wir fordern daher eine klare Neuaus richtung: Referendarinnen und Refe rendare brauchen mehr Raum, um Unterricht auf hohem Niveau zu ent wickeln, zu erproben und re fl ektiert weiterzuentwickeln. Zusätzlich müs sen Fachlichkeit und Fachdidaktik wie der stärker in den Mittelpunkt rücken. Gerade in einem vielfältigen und heterogenen Bildungssystem wie in Nordrhein-Westfalen ist eine intensi vere Vorbereitung auf die Berufspra xis von besonderer Bedeutung: Wer besser vorbereitet in den Beruf star tet, bleibt langfristig motivierter und stabiler im System. Warum setzen sich die Jun gen Philologen konkret für ein 24-monatiges Referendariat ein? Für mich ist das nicht nur eine bil dungspolitische Position, sondern ein persönliches Anliegen. Ich habe selbst ein 24-monatiges Referenda riat in Bayern absolviert und konnte unmittelbar erleben, welchen Unter schied diese zusätzliche Zeit macht. Der zentrale Punkt ist: Derzeit ver suchen wir, eine hochkomplexe und verantwortungsvolle Profession in nur achtzehn Monaten zu kompri mieren – mit Unterricht, Seminar p fl ichten, Prüfungen, Zusatzaufgaben und oft langen Anfahrtswegen. All das trägt nicht zur Steigerung der Ausbildungsqualität bei. 3.
len in die erste Phase der Lehreraus bildung statt, während das Referen dariat selbst verkürzt und strukturell überlastet wird. Das Praxissemester ist zwar ein wichtiger Zugang zur schulischen Realität, aber es kann die Qualität und Tiefe eines 24 ‑ monati gen Referendariats nicht ersetzen. Ein verlängertes Referendariat scha ff t hingegen genau die notwen dige Zeit für das, was exzellente Leh rerausbildung ausmacht: sorgfältiges Planen, selbstbewusstes Durchfüh ren und tiefgehendes Re fl ektieren von Unterricht – alles in einer der zunehmenden Komplexität ange messenen Zeit und mit intensiver, professioneller Begleitung. Wir könn ten Hospitationen ausbauen, geziel te Fortbildungen integrieren und die angehenden Lehrkräfte schrittweise an wachsende Unterrichtsverantwor tung heranführen. Darüber hinaus bietet die Verlänge rung erhebliche organisatorische Vorteile für die Schulen. Derzeit beginnen und enden Referendariate mitten im Schuljahr, was zu erhebli chem Planungsaufwand führt. Mit 24 Monaten ließen sich die Ausbil dungsphasen sinnvoll an die Schul jahresstruktur anpassen – ein klarer Gewinn für alle Beteiligten. Ein 24-monatiges Referendariat ist deshalb kein Luxus, sondern eine notwendige Investition in Qualität, Stabilität und Zukunftsfähigkeit unseres Bildungssystems.
aus dem Lehrberuf nach. Manche ent scheiden sich sogar bewusst gegen eine Verbeamtung auf Lebenszeit und wollen zunächst mit befristeten Ver trägen fl exibel bleiben und abwarten, wie sich die Lage entwickelt. Der Grund hierfür liegt auf der Hand: Sie beginnen in der Regel ohne jegli che Einarbeitungsphase und Beglei tung ihre feste Stelle. Neben Unter richt, Korrekturen, Projekten sowie obligatorischen Verwaltungsauf gaben kommen meist noch weitere schulische Zusatzaufgaben hinzu. Wer so in seine beru fl iche Laufbahn startet, arbeitet schnell am Limit. Deshalb muss der Berufseinstieg endlich als das verstanden werden, was er ist: Eine entscheidende Auf bauphase. Wir als Junge Philologen fordern deshalb erstens verbindliche Entlas tungsstunden im Deputat für die ers ten Jahre, die gezielt für Unterrichts vorbereitung, Hospitationen und Fortbildung genutzt werden können. Zweitens braucht es ein strukturier tes Mentoring durch speziell ge- schulte und entsprechend entlastete Mentorinnen und Mentoren für jede Berufseinsteigerin und jeden Berufs einsteiger. Nicht zuletzt ist aus unserer Sicht ein klarer Fokus auf die Kernaufgabe von Lehrkräften nötig: Guter Unterricht. Das bedeutet: Keine großen Projekte oder Zusatzaufgaben und nur eine sehr zurückhaltende Einbindung in die Gremienarbeit in den ersten Jahren. Nur wenn wir diese Bedingungen scha ff en, gelingt es uns, junge Lehr kräfte nicht nur im System zu halten, sondern ihnen die Möglichkeit zu geben, sich zu exzellenten Expertin nen und Experten zu entwickeln, die für ihre Fächer brennen.
Welche Entlastungsmaßnah men halten Sie in den ersten
4.
Berufsjahren für notwendig?
Die Rückmeldungen, die wir als Junge Philologen erhalten, sind zum Teil besorgniserregend: Viele junge Lehr kräfte stehen bereits in den ersten Berufsjahren unter enormem Druck und denken früh über einen Ausstieg
Die Fragen stellte Walter Tetzlo ff .
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