Profil 6/2026
PROFIL // Titel
Die vorliegende Stellungnahme zeigt, dass die im Antrag gezogene Schlussfolgerung, dass die Schul p fl icht, gemeint ist die Schulbesuchsp fl icht, durch eine „allgemeine Bildungsp fl icht“ zu ersetzen sei, insbeson dere aus bildungstheoretisch-erziehungswissenschaftli cher Perspektive nicht trägt, weil der Erwerb allgemei ner Bildung – verdeutlicht an der Bildungstheorie Wolfgang Klafkis, die u.a. auf Humboldt aufbaut – systematisch auf die Schulp fl icht, verstanden als Schulbesuchsp fl icht, angewiesen ist. Im Antrag wird eine Bildungsp fl icht bzw. eine allgemei ne Bildungsp fl icht gefordert. Die zentralen Begri ff e Bil dung bzw. allgemeine Bildung in dieser sogenannten „allgemeinen Bildungsp fl icht“ werden allerdings nicht de fi niert. Bildungstheoretisch handelt es sich um zentra le Begri ff e der Pädagogik, die über Jahrhunderte in der deutschen Bildungstradition ausbuchstabiert worden sind, im Gegensatz zu einer sogenannten „allgemeinen Bildungsp fl icht“. Dem Antrag fehlt also ein klar bestimmter Bildungsbegri ff , ihm fehlen Aussagen über Inhalte, Ziele und Formen von Bildung. Er reduziert „Bildung“ auf das Erreichen überprüfbarer Lernziele. Mein Doktorvater Wolfgang Klafki versteht Bildung als den zusammenhängenden Erwerb von Selbstbestim mungs-, Mitbestimmungs- und Solidaritätsfähigkeit auf der Basis von Fachwissen in der Auseinandersetzung mit Schlüsselproblemen. Allgemeine Bildung soll im Medium des Allgemeinen , also in Aneignung und Aus einandersetzung mit allgemein-relevanten Inhalten, zum Beispiel aus der Natur, der Kultur, der Politik, statt fi nden, und sie ist insofern allgemeine Bildung, als sie Bildung für alle sein soll . Bildung ist für ihn also nicht bloß Wissensanhäufung, sondern auf der Basis von erworbenem Wissen die Entwicklung von Fähigkeiten, mit denen Menschen ihr Leben eigenständig, demokratisch und verantwortlich gestalten können. Damit verbindet er individuelle Mündigkeit mit gesellschaftlicher Teilhabe und sozialer Verantwortung. Bildung ist hier kein „privates Gut“, sondern ihre Ermöglichung ist eine ö ff entliche Aufgabe und zielt auf demokratische Mündigkeit. Sie ist – wie gesagt – auf Allgemeinbildung für alle angelegt. Wer lernen soll, selbstbestimmt mit seinem eigenen Leben umzugehen sowie mitbestimmungs- und solida ritätsfähig in unserer Gesellschaft zu werden, braucht die Auseinandersetzung mit fachlich strukturierten 2. De fi nitorische Klärungen
Inhalten im Unterricht, die mit didaktisch tragfähigen Begründungen ausgewählt wurden, professionelle Begleitung durch ausgebildete Lehrkräfte sowie gemeinsame Lerngelegenheiten mit anderen Schülerin nen und Schülern, um in sprachlicher Ausdrucksfähig keit, in Urteilskraft, Kon fl iktfähigkeit und Perspektiv wechsel altersangemessen zu wachsen. Gerade der Erwerb von Mitbestimmungs- und Solidari tätsfähigkeit macht deutlich, dass Bildung über indivi duelle Optimierung hinausgeht. Der junge Mensch soll lernen, zunehmend Verantwortung für sich, für andere und für die Gesellschaft zu übernehmen. Schule hat dementsprechend auch eine integrative Funktion: Sie ist der Ort, an dem gemeinsame kulturelle und politi sche Grundlagen vermittelt werden. Für das Gymnasium gilt noch einmal in besonderer Weise die Aufgabe der Vermittlung vertiefter Allgemein bildung, von Wissenschaftspropädeutik und allgemei ner Studierfähigkeit. Auf der Basis eines solchermaßen gestalteten anspruchsvollen Fachunterrichts sollen die Schülerinnen und Schüler mit den gegenwärtigen und zukünftigen gesellschaftlichen Herausforderungen vertraut gemacht werden, Problembewusstsein ent wickeln und lernen, mehrperspektivisch an komplexe Probleme und Situationen unserer Welt heranzugehen. Eine anspruchsvolle Aufgabe – für die Heranwachsen den wie für ihre Lehrkräfte. Aus diesem Bildungsverständnis folgt die Schulp fl icht logisch in mehreren Schritten. Erstens: Wenn Bildung als Allgemeine Bildung für alle verstanden wird ist, darf sie nicht vom Elternhaus, von sozialer Herkunft oder von freiwilliger Teilnahme abhängen. Zweitens: Wenn Bildung Selbstbestimmung, Mit bestimmung und Solidarität fördern soll, braucht es eine institutionelle Form, die alle Kinder und Jugend lichen erreicht und gemeinsame Lernprozesse ermög licht. Drittens: Diese gemeinsamen Lernprozesse sind nur in einer verp fl ichtenden ö ff entlichen Schule verlässlich sicherzustellen, weil dort demokratische Erfahrung, soziale Integration und systematische Allgemeinbil dung zusammenkommen. Die Schulp fl icht ist damit 3. Schulp fl icht, verstanden als Schulbesuchs p fl icht, als systematische Konsequenz aus dem Bildungsbegri ff
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