Blickpunkt Schule 2 2026
Zeitschrift des Hessischen Philologenverbandes
Zeitschrift des Hessischen Philologenverbandes
Ausgabe 2|2026 · D 30462
SCHULE
Werte- und Demokratiebildung in der Praxis Teil 2
SCHULE 2|2026
• Runder Tisch Dialekt
• Drei Fragen an …
• hphv unterwegs
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Foto: Maryna|AdobeStock [bearbeitet]
SCHULE 2|2026 Inhalt | Vorwort 2
Liebe Kolleginnen und Kollegen!
verband, die Deutsche Vereinigung für politische Bildung. Im Rahmen der ‘Historisch-politischen Lernorte’ wird die Gedenkstätte Point Alpha in der Rhön vorgestellt. Die ‘Drei Fragen an …’ gehen diesmal an die Vor- sitzende des Thüringer Philologenverbandes, Heike Schimke. Den Schwerpunkt der Rubrik ‘hphv in tern ’ bilden Sitzungen auf Landes- und Bezirksebene. Das vorliegende Heft enthält zudem die Einladung für die diesjährige Vertreterversammlung am 29. Oktober in Fulda. Die Rubriken ‘hphv unterwegs ’, die diesmal besonders umfangreich ausfällt, und ‘dlh intern ’ geben wieder einen guten Einblick in die reichhaltigen Aktivitäten des hphv und seiner Kooperationsverbände. So geht es zum Beispiel um ein Arbeitstreffen des Runden Tisches Dialekt auf Schloss Rauischholzhausen in der Nähe von Marburg. Wie immer danke ich allen Verfasserinnen und Verfassern der Artikel für ihre Mitarbeit an diesem Heft. Ohne sie könnte es nicht in der vorliegenden Form erscheinen. Wer auch gerne einmal einen Beitrag für Blick punkt Schule verfassen möchte, ist herzlich dazu eingeladen. Nehmen Sie Kontakt mit uns auf! Ich wünsche Ihnen eine anregende und abwechslungsreiche Lektüre sowie gutes Durchhalten im letzten Quartal des aktu ellen Schuljahres.
von BORIS KRÜGER
Vorwort Editorial
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Titelthema » Wenn Unterricht innehält
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» Was ist Demokratie?
Die Herrschaft des Verfahrens » Im Groove zur Wertevermittlung
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A ufgrund der vielen von Kolleginnen und Kollegen eingesandten Unter richtsbeispiele ist dies nun die zwei te Ausgabe von Blickpunkt Schule , die sich mit dem Thema ‘Werte- und Demokratie bildung in der Praxis’ befasst. Nach zwei grundlegenden Artikeln, die sich mit der Werteerziehung als Basis gelingenden Lernens sowie der Frage »Was ist Demo kratie?« befassen, gibt es einen reichhal tigen Strauß an praktischen Umsetzungen von Werte- und Demokratiebildung. Diese stammen zum einen aus Fächern, von de nen man es vermutet hätte, wie Deutsch, Religion sowie Politik und Wirtschaft. Doch schon bei Letzterem gibt es eine eher un gewöhnliche und sehr anregende Diskussi on darüber, ob in der Schulmensa eine Zuckersteuer eingeführt werden soll. Zum anderen kommt der kreative Bereich stark zum Tragen. Hier gibt es etwa zwei Beispiele aus dem Fach Musik, eine Theaterauffüh rung sowie der Workshop ‘Demokratie und Satire’ beim Hessischen Rundfunk. Dieser stellt zudem seinen Creator Room vor. Auch das Pro und Contra ist auf Werte- und Demokratiebildung ausgerichtet: Es geht um die Frage, ob man eine Verfassungs viertelstunde, wie sie es schon in Bayern und neuerdings in Thüringen gibt, auch in Hessen einführen sollte. Ebenfalls zum Heftthema passt der vorgestellte Fach-
» Melodies of Inclusion
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» »Das Vergangene ist nicht einmal vergangen« » »Soll unsere Schule eine Zuckersteuer in der Mensa einführen?«
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» Satire und Demokratie » Menschenwürde –
Maßstab ethischen Handelns
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» Wertebildung und Deutschunterricht » Der Hessische Rundfunk (hr) bietet Schülerinnen und Schülern ganzjährig und kostenlos Medienworkshops
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Senioren » Pensionärinnen und Pensionäre sind gefragt 19 Pro & Contra » Verfassungsviertelstunde 28 Fachverbände stellen sich vor » 60 Jahre im Dienst einer politischen Bildung für die Demokratie 30 Historisch-politische Lernorte » Point Alpha – aktueller Brennpunkt der Geschichte 32 3 Fragen an …
» Heike Schimke, Vorsitzende des Thüringer Philologenverbandes
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hphv intern » Schulen bauen Brücken
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» Der Bezirksvorstand Marburg tagte
» Die VV fest im Blick 38 » Einladung zur Vertreterversammlung 2026 39 hphv unterwegs » Zusammenarbeit im DPhV 40 » Der gfV on tour … bei der CDU-Fraktion 41 » Mitgliedergewinnung neu denken – Strategien, Strukturen und Haltung » Frühjahrstagung der Jungen Philologen » Dialekte fördern ist ein sinnvoller Schritt 42 45 46
Herzliche Grüße Ihr
Boris Krüger
» Dialekt stärken –
Schule als wichtiger Lernort
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» Rohde bei den Rotariern
Haben Sie einen Beitrag, Anregungen, Kritik oder Fragen? Schreiben Sie uns: blickpunkt-schule@hphv.de
dlh intern » dlh-Fortbildung zur Beamtenversorgung 49 Personalien » Geburtstage | Wir trauern um 50
IMPRESSUM
Der Hessische Philologenverband ist der Gesamtverband der Lehre rinnen und Lehrer an den Gymna sien in Hessen sowie an Schulen mit gymnasialem Bildungsange bot. Er ist der Fachverband im Deutschen Beamtenbund, Lan desbund Hessen (dbb), er ist dem Deutschen Lehrerverband Hessen (dlh) und durch den Deutschen Philologenverband (DPhV) dem Deutschen Lehrerverband (DL) angeschlossen. Für den Inhalt verantwortlich: Der Vorstand des Hessischen Philologenverbandes. Chefredaktion: Boris Krüger (V.i.S.d.P.) Mail: blickpunkt-schule@hphv.de Mit dem Namen der Verfasser gekennzeichnete Beiträge geben nicht unbedingt die Meinung der Redaktion wieder. Hessischer Philologenverband e.V. Geschäftsstelle: Schlichterstraße 18 Hessischen Philologenverbandes erscheint fünfmal im Jahr 2026. 76. Jahrgang | ISSN 0723-6182 Verleger: Hessischer Philologen- verband e.V. Die Zeitschrift »BLICKPUNKT SCHULE« des DE57 6609 0800 0018 4532 68 Der Verkaufspreis ist durch die Mitgliedsbeiträge abgegolten. Verlag und Anzeigenverwaltung: Pädagogik & Hochschul Verlag Graf-Adolf-Straße 84 40210 Düsseldorf Tel.: 0211 3558104 Fax: 0211 3558095 Mail: dassow@dphv-verlag.de Satz und Layout: Tel.: 0211 1795965 Fax: 0211 1795945 Mail: heinemann@dphv-verlag.de www.dphv-verlag.de Anzeigenverwaltung: 65185 Wiesbaden Tel.: 0611 307445 Fax: 0611 376905 Mail: hphv@hphv.de Web: www.hphv.de Bank: BBBank BIC: GENODE61BBB IBAN:
Editorial
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Liebe Kolleginnen und Kollegen,
in Nordamerika feiert man an ver schiedenen Orten den Murmeltiertag, auch filmisch umgesetzt in dem Klas siker ‘Und täglich grüßt das Murmel tier’ aus dem Jahr 1993. Angesichts der bangen Frage, ob die Sparmaß nahmen der Landesregierung im Be reich Bildung abgeschlossen sind, könnten vielleicht auch unkonventio nelle Methoden wie die ‘Beobachtung’ eines Murmeltiers helfen, ob im über tragenen Sinne der ‘Winter’ jetzt vor bei ist. Spaß beiseite. Haushaltspolitik ist zunächst eine Frage der verfügbaren Mittel. Und ja, der Bildungsetat steigt weiter an, von 5,8 auf 6,2 Milliarden Euro im laufenden Jahr. Nicht nur angesichts weiter steigender Steuer einnahmen auf fast 29 Milliarden in 2026 ein durchaus beachtlicher Haus haltsposten. Aber: Haushaltspolitik ist auch eine Frage der Prioritäten. Und trotz des Gesamtvolumens im Bil dungsetat ist festzuhalten, dass die Sparliste im Kultusbereich seit Monaten fortgeführt wird: Besoldungs verschiebung um vier Monate, Budget rückforderungen, Kürzung des Ausbil dungsfaktors bei der LiV-Betreuung, dazu Streichungen bei der Stellen zuweisung über den Sozialindex und zumindest temporär Kürzungen an Integrierten Gesamtschulen. Das alles so zu entscheiden wird nicht nur den Bildungspolitikern der Regierungs fraktionen schwergefallen sein – keine Frage. Letztlich ist es aber so gekom men, und die Auswirkungen auf den Bildungssektor sind als größere He rausforderung deutlich spürbar, auch wenn sie als Einzelmaßnahme immer nur Teilgruppen betreffen. Und da wäre es, um wieder an den Anfang dieser Zeilen zurückzukehren, durch aus interessant, vom Murmeltier zu erfahren, ob es jetzt endlich Sommer wird oder eine Streichung der Alters ermäßigung ab 55, das Kürzen von
von VOLKER WEIGAND Vorsitzender des Hessischen Philologenverbandes
Deputaten oder eine Pflichtstunden erhöhung den ‘Winter verlängern’. Der hphv fordert die Landesregie rung auf, die Sparmaßnahmen zu beenden und das Thema Bildung wieder darauf zu fokussieren, dass Hessen im Gegensatz zu anderen Bundesländern nicht den Rotstift an setzt. Insbesondere der Zielsetzung, ‘ein attraktiver Arbeitgeber’ zu sein, wird man mit Einsparungen nicht näherkommen, da sowohl die Repa ratur der verfassungswidrigen Alimen tation als auch die Arbeitsbedingun gen zwei Seiten einer Medaille sind, die nur gemeinsam einen attraktiven Arbeitsplatz ausmachen. Auch auf die Gefahr hin mich zu wiederholen: Bildung ist alleine schon aus ökonomischer Sicht das Funda ment für Innovation und Wohlstand. Sie ist weiterhin der Schlüssel zur Beseitigung von sozialer Ungleichheit, und ermöglicht Persönlichkeitsent wicklung und gesellschaftliche Teil habe. Die Schlussfolgerung und Forde rung kann somit nur lauten, mehr Geld für die schulische Bildung zur Verfügung zu stellen. Für kleinere Klassen und Kurse, für eine verfas sungskonforme Besoldung, für mehr Zeit für den Unterricht, für eine gute Materialausstattung, für intakte Schulgebäude. Das kostet, ist nach haltig und jeden Cent wert!
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SCHULE 2|2026
SCHULE 2|2026
Volker Weigand
Wenn Unterricht innehält Werteerziehung als Grundlage gelingenden Lernens
Titelthema
Werte- und Demokratie bildung im schulischen Alltag – ein Praxisbeispiel Zum Schuljahr 2024/2025 hat der hessische Kultusminister Armin Schwarz das Thema ‘Werte- und Demokratiebildung’ ausdrücklich in den Fokus der schulischen Bildung gestellt. Viele Lehrkräfte fühlen sich durch diese Schwerpunktsetzung ge stärkt. Bereits seit einiger Zeit werden zahlreiche Projekte, Fortbildungen und Unterstützungsangebote seitens des Hessischen Ministeriums für Kul tus, Bildung und Chancen (HMKB), der Lehrkräfteakademie sowie durch außerschulische Kooperationspartner angeboten. Diese Initiativen sind ein wichtiger Baustein, um Schulen in ihrer Bildungs- und Erziehungsarbeit zu unterstützen. Als katholische Reli gionslehrerin war mir das Thema Werteerziehung jedoch schon immer ein zentrales Anliegen. In meinem schulischen Alltag habe ich christliche Werte nicht nur thematisiert, sondern vor allem versucht, sie vorzuleben. Aus meiner Sicht sind Projekte und spezielle Unterrichtsreihen wichtig, doch das tägliche Miteinander, das konsequente Vorleben von Werten durch Lehrkräfte, Eltern, Politik und Gesellschaft insgesamt, hat aus mei ner Sicht sogar einen noch höheren Stellenwert. Ein prägendes Erlebnis im Fachunterricht Wie wichtig dieses Thema ist, wurde mir in diesem Schuljahr in meiner Ar beit mit einer 6. Klasse wieder beson ders deutlich. Seit Beginn des Schul jahres unterrichte ich diese Klasse im Fach Musik. In einer Musikstunde kam es zu einer rassistischen Beleidigung gegenüber einem Mitschüler. Der be troffene Schüler war so verletzt, dass er in Tränen ausbrach. In diesem Mo ment war klar: Fachunterricht war
rum, ihnen bei ihren Problemen im Umgang miteinander zu helfen. Sie machten deutlich, dass sie Unterstüt zung benötigen und bereit sind, an sich und ihrer Klassengemeinschaft zu arbeiten. Seitdem nehme ich mir regelmäßig dreißig Minuten jeder Musikdoppelstunde Zeit, um gemein sam mit der Klasse über ihr soziales Miteinander zu sprechen. Wir thema tisieren Konflikte, reflektieren unser Verhalten, besprechen Regeln und su chen nach Wegen, den Umgang un tereinander zu verbessern. Damit wird Werte- und Demokratiebildung be wusst in den Fachunterricht integriert. Inhaltlich orientiere ich mich dabei am Lions-Quest-Programm, insbesonde re am Kapitel ‘Wir sind damit fertig, andere fertig zu machen’ . Die Schüle rinnen und Schüler entwickeln eigene Klassenregeln und reflektieren ge meinsam, welche positiven Verände rungen sich durch deren Einhaltung ergeben würden. Dieser Prozess stärkt soziale Kompetenzen, Selbstwirksam keit und demokratisches Denken. Ein weiterer Schwerpunkt unserer Ar beit als Lehrkräfte ist aus meiner Sicht das Erleben von Wertschätzung. Kurz vor Weihnachten schrieben sich die Kinder dieser 6. Klasse gegenseitig Freundschaftstelegramme mit positi ven und ermutigenden Rückmeldun gen. Damit jede Schülerin und jeder Schüler ein solches Telegramm erhielt und sich die Lernenden auch darin schulen konnten, jemandem, dem man nicht so nahesteht, etwas Nettes zukommen zu lassen, schrieb jedes Kind jeweils zwei Telegramme, eines an den Vorgänger und eines an den Nachfolger in der alphabetischen Klassenliste. Auch ich beteiligte mich bewusst an dieser Aktion und schrieb jedem Kind ein persönliches Freund schaftstelegramm. Die Reaktionen Wertschätzung sichtbar machen
Foto: privat
Leonore Schagen
nicht mehr möglich, pädagogisches Handeln war zwingend erforderlich. Ich habe den Unterricht unterbrochen und der Klasse in einem etwa zehnmi nütigen Vortrag unmissverständlich erklärt, dass ich ein solches Verhalten nicht dulde. Ja, Vorträge mögen auf den ersten Blick eher ‘oldschool’ da herkommen, aber manchmal sind klare Statements, deutliche Ansagen mit eindeutigen Bekenntnissen sei tens der Lehrkraft auch sehr hilfreich, weil sie die Schülerinnen und Schüler erst einmal innehalten lassen, weil sie dann ganz bewusst merken: »Halt! Stopp! Hier gibt es eine Grenze, hier bietet mir jemand Contra – und aber auch Halt.« In solchen Momenten spielt für mich vor allem das Sichbe wusstmachen der ‘Goldenen Regel’ eine Rolle: Behandle andere so, wie du selbst behandelt werden möchtest. Diese Regel bildet für mich eine un verzichtbare Grundlage des Zusam menlebens. Ohne sie ist weder Ge meinschaft noch Lernen möglich, da her nehme ich sie in Momenten, in de nen das Miteinander in einer Klasse oder Gruppe problematisch ist, immer wieder besonders in den Fokus. Wenn Schülerinnen und Schüler Verantwortung einfordern Besonders bemerkenswert war die Reaktion der Klasse im Anschluss an diesen Vorfall. Die Schülerinnen und Schüler baten mich ausdrücklich da
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waren durchweg positiv: Die Schüle rinnen und Schüler freuten sich sehr über die anerkennenden Worte und fühlten sich gesehen, wertgeschätzt und ernst genommen. Besonders be rührt hat mich, dass die Klasse dann gemeinsam ein Freundschaftstele gramm an mich schrieb. Diese Erfah rung, dass gegenseitige Wertschät zung im Schulalltag bzw. positive Rückmeldungen seitens der Lehrkraft an die Lernenden sehr wichtig sind, knüpft an eine meiner früheren Erleb nisse an: Vor zwei Jahren habe ich mich dazu entschlossen, meine Schu le zu wechseln bzw. bin ich für ein Jahr als abgeordnete Lehrkraft an das HMKB gegangen. Zum Abschied von meinen Schülerinnen und Schülern schrieb ich allen 221 eine kleine hand schriftliche Karte mit einer individuel len und positiven Rückmeldung. Auch hier zeigte sich eindrucksvoll, wie nachhaltig solche kleinen Gesten wir ken können. Manche Lernende, denen ich aus Zeitgründen die Nachricht nicht persönlich übergeben konnte, kamen später noch einmal gezielt zu mir und bedankten sich, auch Eltern schrieben mir Mails, in denen sie sich bedankten. Ein Prozess, der Zeit braucht In der 6. Klasse lassen sich bereits punktuelle positive Veränderungen beobachten. Der Umgangston ist achtsamer geworden, das Bewusst sein füreinander wächst. Gleichzeitig ist allen Beteiligten klar: Werteerzie hung ist eine tägliche Arbeit, da man zu schnell wieder in alte Gewohnhei ten abrutscht. Damit ein positives Miteinander zur Selbstverständlich keit wird, braucht es Zeit – oft über viele Wochen hinweg. Deshalb werde ich auch weiterhin ein festes Zeitfens ter meines Musikunterrichts diesem Thema widmen. Denn für mich ist klar: Nur dort, wo Wertschätzung und gegenseitige Achtsamkeit gelebt werden, ist guter und nachhaltiger Unterricht möglich. In dem Moment, in dem der Musik unterricht zugunsten des Gesprächs
über Respekt, Ausgrenzung und Ver antwortung zurücktritt, wird deutlich, worum es in Schule im Kern geht. Fachliche Inhalte müssen manchmal warten, damit menschliche Grund lagen gestärkt werden können. Erst auf dieser Basis kann Lernen gelin gen. Die Erfahrungen aus der 6. Klas se zeigen mir, dass Werte nicht durch Belehrung vermittelt werden, sondern durch Beziehung, Zeit und Konse quenz. Gespräche, gemeinsam ent wickelte Regeln, Programme wie Lions Quest und vor allem erlebte Wertschätzung – etwa in Form per sönlicher Rückmeldungen – wirken nachhaltig. Sie machen erfahrbar, was Respekt, Anerkennung und demo kratisches Miteinander bedeuten. Werteerziehung und Demokratiebil dung gelingen nicht nebenbei und nicht allein durch Konzepte oder Pro gramme. Sie entstehen dort, wo wir als Lehrkräfte Haltung zeigen, Gren zen setzen, zuhören und bereit sind, Zeit zu investieren – auch dann, wenn der Lehrplan eigentlich etwas anderes vorsieht. Die Erfahrungen aus der be schriebenen 6. Klasse machen deut lich: Schülerinnen und Schüler neh men sehr genau wahr, ob Werte nur benannt oder tatsächlich gelebt wer den. Jede bewusste Unterbrechung des Unterrichts bei einem konkreten Vorfall, jedes klärende Gespräch, jede wertschätzende Rückmeldung ist ein Schritt hin zu einem respektvolleren Miteinander und zu einer tragfähigen Lernkultur. Nicht punktuell, sondern kontinuierlich: Werte- bildung im Unterricht Inzwischen gibt es zahlreiche Anbieter mit ganz unterschiedlichen Projekten zur Werte- und Demokratieerziehung. Aus meiner Sicht ist jedoch entschei dender, diese Themen nicht punktuell, sondern kontinuierlich im Schulalltag zu verankern und im täglichen Mit einander zu leben. Aus meiner Erfah Werteerziehung den richtigen Platz geben
rung heraus stellen Workshops und Projektangebote für Lernende zwar eine willkommene Abwechslung dar, lassen sich jedoch oft nur schwer so in den Unterricht integrieren, dass der reguläre Unterrichtsablauf nicht be einträchtigt wird. Zudem laufen sie oft nur über einen kurzen Zeitraum und können somit meistens nur ein Denk anstoß sein. Nachhaltiger wäre es, wenn Werte- und Demokratieerzie hung in allen Klassenstufen und über verschiedene Unterrichtsfächer hin weg aufgegriffen würde. Aus meiner eigenen Schulzeit weiß ich, wie prä gend eine jahrelange Beschäftigung mit einem essenziellen Thema sein kann: Die Auseinandersetzung mit der Zeit des Zweiten Weltkriegs hat mich als Schülerin tief beeinflusst. Gerade weil ich diesem dunklen Kapitel unse rer Geschichte ab der 7. Klasse bis in die Oberstufe immer wieder aus un terschiedlichen Perspektiven begeg net bin, hat sich bei mir eine Haltung entwickelt, die mich bis heute beglei tet und antreibt, Verantwortung zu übernehmen. Ein ähnlicher Ansatz wäre auch für die Werte- und Demo kratieerziehung wünschenswert. Wenn diesen Themen in den Lehrplä nen aller Jahrgangsstufen und in den unterschiedlichsten Fächern verbind lich Raum gegeben würde, müssten nicht einzelne Schulen immer wieder eigene Programme entwickeln – ein Prozess, der viele Ressourcen bindet. Diese Ressourcen wären im Schulall tag besser investiert, nämlich dort, wo Werte täglich gelebt und erfahrbar gemacht werden können. Sind wir be reit, diesen langfristigen und mitunter mühsamen Weg zu gehen, vermitteln wir unseren Schülerinnen und Schü lern nicht nur Wissen, sondern etwas weit Wertvolleres: die Erfahrung, dass ein respektvolles, demokratisches Miteinander möglich ist – jeden Tag, in jedem Unterricht. Denn letztlich geht es bei Werteerziehung in der Schule um gelebte Haltung, kon sequentes Handeln und das tägliche Vorbild der Erwachsenen. Werte las sen sich nicht verordnen – sie müssen gelebt und erlebt werden. Leonore Schagen | Gymnasium Frankfurt Süd
Titelthema
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Titelthema
Foto: ckybe|AdobeStock
Was ist Demokratie? Die Herrschaft des Verfahrens
D emokratie ist keine Gesin nung. Sie ist keine Haltung und keine Form moralischer Erziehung. Sie ist eine Herrschafts form. Ihr Kern liegt nicht in Tugend katalogen, sondern in Verfahren: Volkssouveränität, politische Gleich heit, Mehrheitsentscheidung. Demokratie entsteht dort, wo Kon flikte nicht moralisch neutralisiert, sondern institutionell entschieden werden. Interessen und Überzeugun gen konkurrieren öffentlich; am Ende steht die Abstimmung. Die Mehrheit entscheidet, die Minderheit akzeptiert das Ergebnis, weil sie die Spielregeln anerkennt. Darin liegt die eigentliche Zivilisationsleistung: die Ersetzung von Gewalt durch verbindliche Ent scheidung. Das demokratische Verfahren ist kein technokratischer Selbstzweck. Es ist das Schutzschild der Pluralität. Gerade weil es keine staatlich verord nete innere Übereinstimmung ver langt, erlaubt es radikale Verschieden heit. Es zwingt nicht zur Angleichung der Überzeugungen, sondern zur Anerkennung gemeinsamer Regeln. Diese Anerkennung ist die eigentliche moralische Leistung des Bürgers. Wer Demokratie als Ensemble er wünschter Einstellungen definiert, entpolitisiert sie. Gewiss können Selbstbegrenzung oder Sachlichkeit eine demokratische Ordnung stabili sieren. Doch sie sind nicht ihr Funda ment. Institutionen begründen Demo kratie, nicht innere Haltungen. Demo
Demokratie ist kein zeitloses Ideal, sondern das Ergebnis historischer Kämpfe und institutioneller Erfindun gen. Sie existiert in unterschiedlichen Gestalten: im parlamentarischen System Deutschlands, im präsiden tiellen System der Vereinigten Staa ten, in den direktdemokratischen Verfahren der Schweiz oder in der his torisch gewachsenen Verfassungs ordnung des Vereinigten Königreichs ohne kodifizierte Gesamtverfassung. Ihre Einheit liegt nicht in welt anschaulicher Einheit, sondern in der formalen Struktur der Selbstregie rung durch verbindliche Verfahren. Wenn von »demokratischen Werten« die Rede ist, kann damit nur die Bindung an diese Verfahrensord nung gemeint sein. Wird darüber hinaus Übereinstimmung der Über zeugungen gefordert, wird aus poli tischer Bildung moralische Diszip linierung. Für die Schule bedeutet dies: Demokratiebildung ist keine Gesin nungspflege, sondern politische Begriffsarbeit. Sie hat Verfahren zu erklären, Institutionen zu analysieren und die historische Genese demokra tischer Ordnungen freizulegen. Der politische Konflikt ist dabei als struk turelles Element demokratischer Ordnung darzustellen; er ist die Vo raussetzung legitimer Entscheidung. Demokratie ist die institutionalisierte Form des Dissenses. Wer sie auf Gesinnung reduziert, hebt sie als Herrschaftsform auf.
DER AUTOR
Foto: privat
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Dr. Christian Roos unterrichtet PoWi und Geschichte an der Carl Strehl-Schule in Marburg und ist Bezirksvorsitzender Marburg.
kratisches Bewusstsein entsteht nicht durch Belehrung, sondern durch die Erfahrung der Verlässlichkeit des Verfahrens – auch in der Minderheit. Der freiheitliche Staat lebt von Voraussetzungen, die er selbst nicht garantieren kann. Diese Vorausset zungen bestehen jedoch nicht in weltanschaulicher Gleichförmigkeit, sondern in der Bereitschaft, Legalität über Moral zu stellen. Ein Gemein wesen ruht auf seinen verfassungs mäßigen Strukturen. Wer politische Zugehörigkeit an innere Überzeugun gen bindet, ersetzt das Recht durch Charakterprüfung – und verlässt den Boden der liberalen Demokratie. Eine belastbare Demokratie funktioniert auch mit politisch dissidenten Bürgern, sofern sie die Spielregeln anerkennen.
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n Die Big Band der Schillerschule beim Auftritt im März 2025 im Mozartsaal der Alten Oper
Titelthema
Foto: Björn Bock
Im Groove zur Wertevermittlung Big Band als demokratischer Erfahrungsraum D er Politikdidaktiker Wolfgang Beutel betont in einem Auf satz zu Chancen und Heraus tesystems« (Standop/Schubarth 2016: 103) bei den jungen Musizierenden. In einer Big Band musizieren Jugend
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vs. Freiheit anderer (vgl. Art. 2 GG) spür- und hörbar. Man kann nur so laut spielen, dass es dem Gesamt klang nicht leidet, und man muss im gemeinsamen Tempo spielen. Gleich zeitig gibt es gerade in Big Bands die Möglichkeit der individuellen künst lerischen instrumentalen Entfaltung bei solistischen und improvisierenden Parts. Wie in der Gesellschaft der BRD findet dies aber in einem Rahmen statt, der hier durch die Harmonik, das Tempo und die Charakteristik des Stückes gesetzt ist. Das erfolgreiche Mitwirken in einer schulischen Big Band oder anderen Musikgruppen ist mit der »Übernah me von Verantwortung bzw. speziellen Pflichten, [die] nicht nur das eigene Selbst, sondern zugleich andere Per sonen […] / Kulturgüter« (Standop/ Schubarth 2016:103) betrifft. Das be deutet beispielsweise, dass ein pünkt liches und verlässliches Erscheinen bei den Proben die Basis für eine Zu sammenarbeit der Gruppe ist. Eine konzentrierte und disziplinierte Pro
forderungen von Demokratiebildung, dass Schulbands Schulen »zu einer demokratischen Erfahrungswelt« (Beutel 2025:49) werden lassen kön nen, was auf den ersten Blick mög- licherweise verwundert. Als Leiter der Big Band unserer Schule konnten wir in den vergange nen Jahren deren Wirkung für Demo kratiebildung sowie das Erlernen und Einüben von für gesellschaftliches Zusammenleben essenziellen Werten beobachten und fördern. Im Folgen den zeigen wir exemplarisch das Po tenzial von schulischen Musikgruppen am Beispiel einer Big Band für Demo kratie- und Wertebildung. Natürlich lässt sich die demokrati sche Erfahrungswelt etwa durch Mit bestimmung beim Repertoire oder der Darbietung (Welche Showelemente wollen wir nutzen?) integrieren. Rele vant erscheint uns jedoch umso mehr »die Herausbildung eines eigenen Wer
liche unterschiedlicher Jahrgangs stufen gemeinsam, kommen so in Kontakt und ins (musikfachliche) Gespräch, wobei nicht zuletzt ein respektvoller Umgang erfahren und erlernt wird (vgl. Wohne 2016) . Dies kann als innerschulische Alteritäts erfahrung und als Vorstufe genera tionenübergreifender Perspektiven Grundsteine für das spätere Leben legen. Zudem ist die Aufführung eines einstudierten Musikstücks in der Ver antwortung der gesamten Band. Alle sind für den Sound und den Groove verantwortlich: »Wenn jeder sich an strengt, entsteht ein Musikstück und jeder trägt dazu bei, dass es funktio niert« (Wohne 2016:107) . Schülerinnen und Schüler erkennen dadurch die Wertigkeit und Notwendig keit des Individuums für das (musika lische) Gesamtergebnis. Hier wird auch das Erleben des Spannungs- feldes zwischen Freiheit des Einzelnen
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benarbeit, sich selbst zurücknehmen, um Spielspaß für alle sowie eine mu sikalische Weiterentwicklung und da mit Selbstwirksamkeitserfahrungen zu garantieren, sind hier elementar. Die Verantwortungsübernahme für Kulturgüter manifestiert sich im pfleglichen und sorgsamen Umgang mit Instrumenten und Equipment, den aus unserer Beobachtung junge Men schen (oftmals) erst noch erlernen müssen. Hierzu gehört das gemein same Auf- und Abbauen bei Proben und Aufritten. Grundsatz unserer Arbeit mit der Band ist, dass alle für den Auf- und Abbau verantwortlich sind, gleich welches Instrument sie spielen. Alle helfen beispielsweise dem Schlagzeuger beim Abbau, auch wenn das eigene Saxophon eigentlich schnell verstaut ist. Denn ohne das Schlagzeug würde genauso etwas fehlen wie ohne die 2. Trompete. Alle sind für die gesamte Band und alles, was dazu gehört, verantwortlich. Das erfordert von der Leitung natürlich Transparenz, Erklärung, Vorleben und vor allem ein konsequentes Achten darauf und ein Selbstverständnis der Lehrkraft als »Werterepräsentant« (Standop/Schubart 2016:102) . Das ist durchaus eine kontinuierliche und auch fordernde Aufgabe, diese Pflich ten und das Engagement für die Band konsequent einzufordern. Durch diese »Verantwortungsübernahme unter
direkter bzw. indirekter Begleitung durch eine Lehrperson« (Standop/ Schubarth 2016:103) zeigt sich aus unserer Erfahrung mittlerweile, dass die Band selbstständig auf- und ab baut und Probleme löst. Hier wird ein deutig Verantwortung und Verläss lichkeit für Handeln für sich selbst und für andere in der Gesellschaft an gebahnt. Big Bands und natürlich alle Musikgruppen können dafür sorgen, dass Werte und soziale Regeln suk zessive erworben und im Gehirn nach haltig verankert (vgl. Roth 2016) wer den. Gerade das Erleben von Werten wie Verantwortung für mich und andere werden nachhaltiger verinnerlicht und in Handlungen überführt als die bloße theoretische Beschäftigung damit (vgl. Standop/Schubarth 2016) . Zu guter Letzt soll noch auf einen anderen integrativen Aspekt von schulischen Musikgruppen hingewie sen werden. Zugewanderte Schülerin nen und Schüler, die ein Instrument spielen, können hier integriert und gefördert werden, da sie als Teil einer jahrgangsübergreifenden Gemein schaft, bei der es nur um Musiknoten und die Gesamtleistung einer Gruppe geht, Anerkennung und Selbstwirk samkeit erfahren sowie Anschluss finden. Wenn junge Musikerinnen und Musiker Deutsch als Zweitsprache erworben haben, unterstützt eine sprachsensible Probenarbeit (vgl.
Seemann 2015) bei der Integration in die Band, die Schulgemeinschaft und letztendlich in die Gesellschaft. Während schulische Musikgruppen das Schulleben musikalisch bereichern und die Schulgemeinde erfreuen, wird an den ausgewählten Beispielen auch deren unschätzbares Potenzial für Demokratiebildung und Wertevermitt lung und damit der Big Band als »Wer tebildungsraum« (Standop/Schu barth 2016:101) sichtbar. Ein weiteres Argument, die besondere Arbeit von Musikgruppen in der Schule zu unter stützen und zu fördern. Björn Bock und Florian Seemann | Schillerschule Frankfurt am Main Literatur: Beutel, Wolfgang (2025): Demokratiebil dung. Chance und Herausforderung zu gleich. In: Friedrich Jahresheft 43/2025 – Bildung, S. 48–51. Roth, Gerhard (2016): Werte setzen sich im kindlichen Stirnhirn fest. In: Schüler. Wis sen für Lehrer. Themenheft Werte, S. 34. Seemann, Florian (2015). Sprachsensible Probenarbeit. Unterstützungshilfen für nicht muttersprachliche Musiker. In: Clarino 10/2015, S. 38–40. Standop, Jutta und Wilfried Schubarth (2016): Sind Werte ein Thema für die Schule? Möglichkeiten der Wertebildung. In: Schüler. Wissen für Lehrer. Themenheft Werte, S. 100–103. Wohne, Kerstin (2016): Martha und das Schulorchester. Von Disziplin, Gemein schaft und Musik. In: Schüler. Wissen für Lehrer. Themenheft Werte, S. 104–107.
Titelthema
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KI als Werkzeug gegen Diskriminierung Melodies of Inclusion Ein Praxisbericht zur Medien- und Demokratiebildung
Titelthema
»Gehe einen Schritt vor, wenn du nicht in Deutschland geboren wur dest.« Etwa ein Drittel der Klasse bewegt sich. »Gehe einen Schritt vor, wenn mindestens ein Elternteil nicht in Deutschland geboren wurde.« Nur noch zwei Schülerinnen stehen an der Startlinie. Auch ich bin einen Schritt nach vorne gegangen. »Gehe einen Schritt vor, wenn du schon einmal wegen Herkunft, Aussehen, Religion oder Sexualität diskriminiert wurdest.« Niemand steht mehr am Ausgangs punkt.
ration, Kreativität und kritisches Den ken. Diese wurden im Projekt nicht isoliert vermittelt, sondern entwickel ten sich aus den konkreten Arbeits formen: dem Erzählen und Reflektie ren von Erfahrungen, der gemein samen Gestaltung von Text, Musik und visuellen Elementen sowie der kritischen Reflexion des KI-Einsatzes und der öffentlichen Wirkung der Ergebnisse. Ergänzend lassen sich auch die 6C Kompetenzen berücksichtigen, die die 4K um Citizenship und Character er weitern. Aspekte wie gesellschaftliche Verantwortung, demokratische Teil habe, Empathie und ethisches Urteils vermögen wurden insbesondere in der Auseinandersetzung mit Diskriminie rung sowie im bewussten Schritt, die Werke der Öffentlichkeit zu präsen tieren, berücksichtigt. Der Projektverlauf entsprach zu dem in weiten Teilen etablierten Modellen zur KI-Didaktik (vgl. Modell von Susanne Alles, Joscha Falck, Manuel Flick und Regina Schulz 2 ), die Verstehen, Anwenden, Reflektieren und Mitgestalten als zentrale Kom petenzdimensionen beschreiben. Projektverlauf Analoger Einstieg Der Einstieg, der zu Beginn bereits skizziert wurde, erfolgte bewusst außerhalb des Klassenraums und jenseits der üblichen Sitzordnung. Ziel war es, eine nicht leistungsorien tierte Atmosphäre zu schaffen. Die Schritt-vor-Übung auf dem Schulhof machte biografische Unterschiede und Gemeinsamkeiten sichtbar und bot einen sinnstiftenden, persön- lichen und somit relevanzschaffen den Einstieg ins Thema. Für die folgende Stunde brachten die Lernenden eigene Geschichten zum Thema Diskriminierung mit. Es war transparent, dass diese vorgetragen
D ieser Moment in einer ruhigen Ecke des Schulhofs war ein drucksvoll, nicht nur für mich als Lehrkraft. In meiner 12. Klasse der Fachoberschule ist Diskriminierung kein Randthema, sondern biogra fische Erfahrung. Die Lerngruppe um fasst 21 Personen, deren Familien aus elf Ländern stammen, vier Religionen angehören und sechzehn Sprachen sprechen. Aus dieser Ausgangslage heraus entstand unser Unterrichtsprojekt Melodies of Inclusion . Die Lernenden verfassten und teilten persönliche, zugetragene oder fiktionale Diskrimi nierungsgeschichten, überführten diese in englischsprachige Songtexte, setzten sie mithilfe KI-gestützter Werkzeuge musikalisch um, gestalte ten visuelle Cover und veröffentlich ten die Ergebnisse sowohl auf der Schulhomepage als auch auf gängigen Streamingplattformen: ein echtes eigenes Musikalbum. Im Zentrum stand dabei nicht der Einsatz von KI als solcher, sondern Medien- und Demokratiebildung. Ziel war es, Erfahrungen sichtbar zu ma chen, Perspektiven zu verhandeln und Verantwortung im öffentlichen Raum zu thematisieren. Zielsetzung und didaktische Verortung Das Projekt ist im curricularen The menfeld ‘Equal opportunities – equal rights (?)’ verankert und verbindet in terkulturelle, soziale und medien-
Foto: privat
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n Marina Boonyaprasop
bezogene Kompetenzen mit einem produktionsorientierten Ansatz. Die Lernenden sollten unterschied liche Formen von Diskriminierung erkennen und reflektieren, eigene Ausdrucksformen entwickeln, selbst organisiert arbeiten und Künstliche Intelligenz (KI) bewusst als unter stützendes Werkzeug einsetzen. Mediendidaktisch orientiert sich das Projekt am Dagstuhl-Dreieck, das digitale Bildung als Zusammenspiel technologischer, anwendungsbezoge ner und gesellschaftlich-kultureller Perspektiven beschreibt 1 . Die Lernen den setzten sich mit Funktionsweisen generativer KI auseinander, nutzten diese konkret zur Text- und Musik produktion und reflektierten deren persönliche und gesellschaftliche Bedeutung, insbesondere im Hinblick auf die Zukunft kreativen Arbeitens. Diese drei Ebenen wurden nicht iso liert behandelt, sondern im Projekt verlauf miteinander verschränkt. Parallel dazu zeigte sich eine klare Anschlussfähigkeit an die 4K-Kom petenzen Kommunikation, Kollabo
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Titelthema
n Klasse 12 der Fachoberschule
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würden, ebenso, dass niemand nach Herkunft oder Wahrheitsgehalt fragen würde. Die Geschichten wurden ge sammelt, geclustert und in einer ge meinsamen Mindmap strukturiert. Digitale Transformation Die Organisation des Projekts erfolgte über eine vorstrukturierte Edumap, die als Advance Organizer diente und alle Arbeitsschritte sichtbar machte. In einem ersten Schritt nutzten die Lernenden über fobizz einen DSGVO konformen Zugang zu ChatGPT, um ihre Geschichten in englischsprachige Songtexte zu überführen. Persönliche Daten durften nicht verwendet wer den. Die Lernenden formulierten und überarbeiteten ihre Prompts eigen ständig und iterativ. Die musikalische Umsetzung mit hilfe einer Musik-KI konnte aus da tenschutzrechtlichen Gründen nur durch mich erfolgen. Die Lernenden lieferten Lyrics und Musikstilbeschrei bung über die Edumap. Für jede Per son wurden zwei Versionen generiert, aus denen die bevorzugte ebenfalls über die Funktionen der Edumap aus gewählt wurde. Anschließend gestalteten die Lernenden mit Canva Cover und Titel
ihrer Songs. Albumtitel und Gesamt design wurden gemeinsam abge stimmt. Reflexion und Veröffentlichung In der Reflexionsphase analysierten die Lernenden Inhalt, emotionale Wir kung und Aussage ihrer Songs. Sie setzten sich schriftlich mit der Frage auseinander, wie Musik Denken und Verhalten beeinflussen kann, ins besondere im Zusammenhang mit Diskriminierung. In der abschließenden Stunde wur den die Texte vorgelesen, die Lieder gehört und im Plenum über Chancen und Grenzen von KI in kreativen Pro zessen diskutiert. Mit Zustimmung der Lernenden und gegebenenfalls der Erziehungs berechtigten wurden die Ergebnisse auf der Schulhomepage sowie auf ausgewählten Streamingplattformen veröffentlicht. Erfahrungen und Einordnung Als besonders tragfähig erwies sich die analoge Einstiegsphase, die eine vertrauensvolle Grundlage für das gesamte Projekt schuf. Die Motivation
der Lernenden war hoch. Viele erlebten die KI-gestützte Umsetzung als wert schätzend, da kreative Ergebnisse un abhängig von sprachlicher oder musi kalischer Vorerfahrung möglich waren. Gleichzeitig traten bekannte struktu relle Grenzen zutage. Der zeitliche Rah men regulärer Unterrichtsstunden er wies sich für kreative Prozesse als eng. Die Arbeit mit Design-Tools führte zu sehr unterschiedlichen Arbeitstempi. Fazit Melodies of Inclusion zeigt, wie Medien bildung dann wirksam wird, wenn sie nicht bei der Nutzung digitaler Werk zeuge stehen bleibt, sondern Inhalte, Prozesse und gesellschaftliche Frage stellungen miteinander verbindet. Die Lernenden erlebten Künstliche Intelli genz nicht als Abkürzung, sondern als Werkzeug innerhalb eines sinnstiften den kreativen Prozesses. Zugleich wurde Demokratiebildung konkret erfahrbar, indem Entscheidungen geteilt, Perspektiven ernst genommen und Ergebnisse öffentlich gemacht wurden. Marina Boonyaprasop | Richard-Müller-Schule Fulda
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1 https://dagstuhl.gi.de/dagstuhl-erklaerung 2 https://joschafalck.de/ki-kompetenzen/
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ÜBERSICHT
Melodies of Inclusion
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Strukturierung über Edumap als Advance Organizer Reflexion der Wirkung von Musik und KI Veröffentlichung der Ergebnisse
Titelthema
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Eingesetzte Tools ChatGPT →
(DSGVO-konform über fobizz) Musik-KI (bedient durch die Lehrkraft) Canva Edumap etwa acht bis zehn Unterrichts stunden im Regelunterricht (ideal: Durchführung als Projekt tag) Besondere Stärken des Projekts Hohe Motivation und Identifi kation der Lernenden Verbindung von Medienbildung und Demokratieerziehung Produktionsorientierter Ansatz mit realer Öffentlichkeit Niedrige Einstiegshürden bei hoher Wirksamkeit Herausforderungen Begrenzter Zeitrahmen im 90-Minuten-Takt Unterschiedliche Arbeitstempi bei kreativen Aufgaben Begrenzte Möglichkeiten zur inhaltlichen Vertiefung aufgrund zeitlicher und curricularer Vor gaben Transferpotenzial → → → → → → → → → → → Zeitlicher Rahmen
Schulform/Jahrgang Fachoberschule, Jahrgangsstufe 12 →
(übertragbar auf gymnasiale Mittel- und Oberstufe)
Fachlicher Kontext Englisch →
Themenfeld: Equal opportunities – equal rights (?)
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Zielsetzung
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Sensibilisierung für Diskriminierungserfahrungen Förderung von Medienkompetenz und digitaler Selbstorganisation Kreativer Ausdruck durch Musik und visuelles Design Reflektierter Einsatz Künstlicher Intelligenz Stärkung demokratischer Teil habe und Selbstwirksamkeit Dagstuhl-Dreieck (technolo- gische, anwendungsbezogene und gesellschaftlich-kulturelle Perspektive) 4K/6C-Kompetenzen: Kommunikation, Kollaboration, Kreativität, kritisches Denken, Citizenship, Character KI-Didaktik: verstehen, anwenden, reflektieren, mitgestalten Analoger Einstieg mit biografi scher Reflexion Digitale Transformation von Ge schichten in Songtexte mithilfe KI Musikalische Umsetzung und visuelle Gestaltung
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Didaktische Verortung
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Hohe Übertragbarkeit auf gym nasiale Mittel- und Oberstufe Eignung für fächerübergreifende Projekte (zum Beispiel Politik, Kunst, Musik) Anknüpfungspunkt für schulische Medienbildungskonzepte
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Zentrale Projektbausteine
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https://www.rims-fulda.de/ menue/aktuelles/news-1?tx_ news_pi1%5Baction%5 D=
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detail&tx_news_pi1%5B controller%5D=News&tx_ news_pi1%5Bnews%5D=699&c Hash=726d05d62f4c3f9c22d5852930a3d454
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Titelthema
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»Das Vergangene ist nicht einmal vergangen« Ein Erinnerungskonzert als außerschulischer Impuls für die Demokratie- und Wertebildung
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Ein Geigentorso ohne Saiten, mit einer löwenkopf förmigen Schnecke, und die verblassten Spuren einer gefeierten Frankfurter Künstlerin: Die Frank furter Aufführung »Magda Spiegel – vor der Zeit verstummt« am 5. September 2025 bot Lehrerin nen und Lehrern der gymnasialen Oberstufe eine außergewöhnliche Chance, Geschichte mit sonst schwer in den Unterricht zu integrierenden Medien greifbar zu machen. Ein Bericht über die Verknüp fung von lokaler Spurensuche und curricularer Werteerziehung, während einer Vorstellung kurz vor dem Europäischen Tag der jüdischen Kultur am 7. September 2025. Pressemitteilung des hphv vom 5. September 2025 D er Ausgangspunkt dieses besonderen Projekts gleicht einer historischen Detektivarbeit. In einer Ausstellung des Historischen Museums Frankfurt über das Thema »Frankfurt zur Zeit des Nationalsozialis mus« fiel der Historikerin und Cellistin Karin Allihn 2022 eine Geige auf, die 1944 aus der zerbombten Alten Oper
gerettet worden war. Die Suche nach der Herkunft des Instruments weitete sich schnell zu einer umfassenden Recherche über die Alte Oper und ihr Ensemble in den 1930er-Jahren aus. Im Zentrum stand dabei die Altistin Magda Spiegel, deren Schicksal nun in einer dokumenta rischmusikalischen Performance im Spielort »Depot« des Schauspiels Frankfurt präsentiert wurde. Die Absicht, ‘Grautöne‘ abzubilden Für die pädagogische Arbeit in der Oberstufe ist der me thodische Ansatz der Autorin Karin Allihn in ihrer ge schichtswissenschaftlichen Arbeit, die zugleich ihr Drama turgiedebüt ist, von besonderem Wert. Die recherchierende Historikerin und gestaltende Dramaturgin charakterisiert ihr Produkt als »Dokumentarkonzert«. Sie verzichtet darin bewusst darauf, die verfolgte Sängerin zu heroisieren oder ihre Ermordung im Jahr 1944 in den Fokus zu rücken. Viel mehr zeichnet sie schlaglichtartig ein facettenreiches Le bensbild, das im Sinne von Peter Sloterdijks »Farbenlehre« eine ‘graue‘ Materie bietet: Dieses Bild lässt Zwischentöne der ablaufenden Geschichte in Originalwortlauten aus drücklich zu. >>
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Titelthema
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Magda Spiegel wird als ehrgeizige, erfolgreiche, aner kannte Künstlerin gezeigt, die lange an ihre Rettung durch ihre Popularität glaubte. Im Jahr 1932 hatte Theodor W. Adorno sie in einer der zahlreichen Besprechungen ihrer Arbeit den bedeutendsten Altistinnen des deutschsprachi gen Raumes zugeordnet. Die Sängerin Spiegel war für ihr tiefes Timbre und ihren Stimmumfang auf den europäi schen Bühnen und an der Oper Frankfurt geschätzt. Während sie noch im April 1934 mit der Oper Frankfurt auf Tournee durch Holland gegangen war, erfuhr sie kurz da rauf aus dem gleichen Hause, dass ihr Vertrag nicht über das laufende Jahr hinaus verlängert werden würde. Es kam nun nicht mehr auf ihre gesanglichen Qualitäten und ihre politische Unauffälligkeit an als vielmehr auf ihre jüdische Herkunft. Die zum Vortrag kommenden archivischen Quellen, Zeitungsberichte und -kommentare, Liedtexte, Auszüge aus der Personalakte, der Bericht einer Zeitgenossin aus Theresienstadt, konkret ausgestaltete Gesprächstexte von Nachbarn Spiegels über die Deportationsbeobachtungen im Frankfurter Stadtgebiet und immer wieder auch einord nende Erzähltexte, verdeutlichen die Schwierigkeiten Spiegels, mit dem Regime zu koexistieren, trotz äußerer Zwänge Wirkungsspielräume – agency – zu erhalten. Einen Brief, in dem sie fordert, weiterhin ihrer Erfahrung angemessen bedeutende Rollen zugeordnet zu bekom men, unterschreibt sie »mit deutschem Gruß«. Zu diesem Zeitpunkt hoffte sie offenbar noch, ihre Existenzgrundlage durch Annäherung, Dialog und Verständigung sichern zu können, aber ihre Position war nicht mehr zu erhalten. Die Frau im Rampenlicht war zu einer Randfigur geworden, die inzwischen einem Unrechtsregime mit der elementaren
Absicht gegenübersteht, ihren Beruf weiter auszuüben. Am Beispiel von Magda Spiegel wird der sonst anonymisierte Prozess des Ausschlusses aus der Gesellschaft und des Entzugs der Bürger- und Menschenrechte individualisiert vor Augen gestellt. Die Schüler vollziehen die schrumpfen den Perspektiven nach, wenn nur noch darauf gewartet werden kann, deportiert zu werden. Ihr Blick wird darauf gerichtet, wie Opfer, Zuschauer, Helfer und Täter die Vor gänge begleiten und vorantreiben. Im Jahr 1942 tritt sie dann im Rahmen einer – in der damaligen Verwaltungssprache sogenannten – »Freizeit maßnahme« als Internierte im Lager Theresienstadt auf. Der letzte Quellenbeleg zum Leben Magda Spiegels stammt aus dem Jahr 1944; er dokumentiert ihre Depor tation nach Auschwitz. Indem das Dokumentarkonzert das Handeln der Künst lerin mithilfe diverser Zugangsweisen darstellt, ermöglicht es Schülern, die Komplexität menschlichen Handelns in to talitären Systemen zu diskutieren, ohne eine möglicher weise flüchtige Betroffenheit zu stiften, die die Vorgänge auch abgrenzbar und weiter weg erscheinen lassen könnte. In der präsentierten Form geht Geschichte den Schülern in reflektierter Form und mit nachhaltigen Eindrücken nah. Curriculare Anknüpfungspunkte Die Vorstellung bietet Anknüpfungspunkte für zentrale In haltsfelder der gymnasialen Oberstufe in Hessen: Das Fach Geschichte: Im Fokus steht die ‘Schrittigkeit‘ des historischen Veränderungsprozesses im NS-Staat und wie er sich in den Leben der Zeitgenossen erfahr bar gemacht hat. Anstatt abstrakter Jahreszahlen er- →
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fahren die Lernenden durch Quellengattungen wie ei nen verzweifelten Brief Magda Spiegels an den Frank- furter Bürgermeister oder Rezensionen, wie der Prozess des Ausgrenzens einsetzte und wie das Mitläufertum im Alltag ablief. Es wird deutlich, dass Kennzeichnun gen wie »verfolgt vom Nationalsozialismus« oft nicht die Tiefe der individuellen Tragik erfassen. An diesem Abend erleben die Schüler, was es bedeutet haben muss, wenn Spiegel 1941 ihre Wohnung in der Holzhau senstraße 16 unerwartet gekündigt wird und sie nur in verschiedene – damals als »Judenhäuser« diffamierte - Quartiere ausweichen kann. Das Fach Deutsch: Die Vielfalt der Textsorten und die dramaturgische Struktur – ein dialogischer Vortrag zweier Sprecher im Wechsel mit Musikaufnahmen und Vorspielen – schulen die Analysefähigkeit. Die authen tische Multiperspektivität ist zugleich interpretations bedürftig und interpretationswürdig. Ein Zitat aus Christa Wolfs Roman Kindheitsmuster (»Das Vergan gene ist nicht tot, es ist nicht einmal vergangen«) könnte als literarischer Leitfaden dienen, um die Verbindung von Vergangenheit und Gegenwart zu reflektieren. Das Fach Ethik: Durch die Gegenüberstellung von Magda Spiegels künstlerischem Glanz und ihrer spä teren schrittweisen Entrechtung werden moralische Fragen nach Verantwortung und Zivilcourage aufge worfen. Die Schülerinnen und Schüler erkennen am personalisierten Einzelschicksal, welche Rollen Täter und Opfer in der Gesellschaft spielen, wie die Vergan genheit ihre Gegenwart beeinflusst. Das vermittelt ih nen das fachübergreifend zu vermittelnde Ziel, den Wert der freiheitlich-demokratischen Grundordnung (fdGO) vor dem Hintergrund ihres Gewordenseins und dem Schrecken ihrer Vorgeschichte zu verstehen und zu schätzen. Der außerschulische Lernort als Erfahrungsraum Die Wahl des »Depot« des Schauspiels Frankfurt als Auf führungsort ist außerordentlich passend für das Dokumen tarkonzert. Die in kaiserzeitlichem gelbem Backstein, »Greppiner Klinker«, 1900 erbaute, lichtarme Hauptwerk statthalle der Frankfurter Straßenbahn ist von der Gebäu defunktion her gekennzeichnet; schon die riesigen Tore zeugen von der mechanischen Kälte des Schienenverkehrs. Diese Atmosphäre lässt die weit in der Vergangenheit lie genden Ereignisse unmittelbar empfinden. In diesem Vorstellungsraum hören die Jugendlichen Adressen der vorübergehenden Wohnungen Spiegels in der Hansaallee, der Mainzer Landstraße oder in der Holzhau senstraße. Daran, wie auch an der wiederaufgebauten Alten Oper, der Wirkungsstätte von Magda Spiegel, führen die Schulwege vieler Schüler vorbei. Spuren der Deporta- → →
tion auch Magda Spiegels sind nah der Europäischen Zentralbank – wo sommers Sportunterricht im nahe gele genen Calisthenics-Park stattfindet – zu besichtigen. Dort berichten Gleise, ein Tunnel und in den Boden eingelassene Zitate von der Deportation. All diese Elemente schaffen einen Kontext für die knappen Vermerke auf Magda Spiegels Stolperstein vor ihrer Wohnung in der Holzhausenstraße. Für die Schüler verwandelt sich die Stadt Frankfurt so in einen begehbaren Raum der Erinnerungsarbeit. Plädoyer für eine lebendige Erinnerungskultur – Schule als Ort der Demokratiebildung Die Oper Frankfurt hat durch diese Vorstellung im Schul programm »JETZT! Junge Oper« eine emotional erfahr bare Erkenntnissituation ermöglicht, die die Nachhaltigkeit der schulischen Werte- und Demokratiebildung unter stützt. Die vorgetragene Musik, die vielfältigen Erzähltexte und dokumentarischen Wortlaute, die Gesten und Symbole ermöglichen es den Schülern, Geschichte nicht durch Geschichte, sondern durch dokumentierte »Geschichten« zu erfahren. Abschließend verklingen im Knistern einer Schellack platte Töne einer 1923 von Magda Spiegel gesungenen Arie aus Guiseppe Verdis Oper »Don Carlos« (1867). Angesichts der in der dunklen Halle verklingenden Töne wirft der Er zähler die Frage auf, was der Nachwelt von diesem Men schenleben bleibt. Das Dokumentarkonzert verleiht Magda Spiegels Stimme auch nach ihrem Verstummen und Pha sen des Vergessens eine eindringliche werte- und demo kratiebildende Präsenz. Eine Wiederholung oder Publikati on ist bislang leider nicht geplant. Informationen zum Schulprogramm der Oper Frankfurt, insbesondere für rabattierte Karten für Schüler im Klassen verband, Schülerworkshop und Lehrkräfteinformationen sind erhältlich unter opernprojekt@buehnen-frankfurt.de. Dr. Christian Kuhn | Klingerschule Frankfurt/Main, christian.kuhn2@schule.hessen.de
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