Blickpunkt Schule 2 2026
Titelthema
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Wertebildung und Deutschunterricht W erteorientierung und Demo kratiebildung wurden lange Zeit nur im Politik- und setzung mit der NS-Zeit, besonders in der heterogenen Schullandschaft, zu DIE AUTOREN
sichern. Sie weist auch darauf hin, dass mit dem Ende der Zeitzeugen schaft des Holocaust eine verbindli che ‘Verankerung’ der Erinnerung im schulischen Bildungsplan nötig werde, wodurch Holocaust Education zentra ler Teil einer allgemeinen Menschen rechts- oder auch Demokratiepäda gogik werden könnte. Im Unterrichtsalltag finden sich ne ben der Literaturvermittlung elemen tare Anknüpfungspunkte für werteori entierte Lernprozesse im Bereich der Argumentation. Der klassische Weg der schulischen Argumentation erfolgt in der Form, dass Lernende ‘dafür’ oder ‘dagegen’ sind oder abwägen müssen. Dieses Vorgehen birgt die große Ge fahr, dass die Lernenden nur Positionen einnehmen und keine Haltungen ent wickeln. Argumente werden hinsicht lich ihrer Tauglichkeit als Pro- oder Contra-Argument betrachtet. Die ei gene Positionierung hängt immer wie der von der Menge der gefundenen Ar gumente ab. Aspekte der eigenen Hal tung zum Thema und der praktischen Wertigkeit von Argumenten haben da durch nur eine untergeordnete Rolle. Wenn es aber in den Geistes- und Ge sellschaftswissenschaften darum geht, sich mit anderen Überzeugungen zu
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Dr. Torsten Mergen ist Bundes vorsitzender des Fachverbands Deutsch im Deutschen Germa nistenverband e.V.
Geschichtsunterricht verortet, doch in den letzten Jahren werden Lehrkräfte aller Schulfächer verstärkt in die Pflicht genommen, aktiv einzutreten »für die Unverhandelbarkeit der frei heitlich-demokratischen Grundord nung und der ihr zugrunde liegenden Werte, insbesondere in politischen, religiösen und weltanschaulichen Fragen«. (KMK 2020) Dafür ist der Beitrag des Deutsch unterrichts unverzichtbar: Denn dieser vermittelt in der Auseinandersetzung mit Texten und Medien sowie mit Sprache grundlegende Verstehens- und Verständigungskompetenzen, um die Welt zu erfassen bzw. eigene Posi tionen und Werthaltungen begründet einzunehmen und zu artikulieren. Seit 2022 hat der Fachverband Deutsch im Deutschen Germanisten verband einen Arbeitsschwerpunkt im Bereich ‘Werte und Demokratie lernen im Deutschunterricht’. Für die Felder Erinnerungskultur, Wertebildung sowie praktische Fragen der Unter richtsgestaltung wurden vielfältige Anregungen und Publikationen ent wickelt, um Grundlagen demokrati scher Werte und Handlungsmaximen in allen Bereichen des Deutschunter
richts zu vermitteln. Auf diese Weise soll ein Beitrag zur gesamtgesell schaftlich herausfordernden Aufgabe geleistet werden. Die österreichische Deutschdidaktikerin Sabine Zelger hat einen Leitgedanken der Anstren gungen markant formuliert: »Wenn der Kompetenzerwerb darauf abzielt, handeln, mitreden und urteilen zu können und zu wollen, kann [der Lite raturunterricht] zweifellos auch als Empowerment angesehen werden.« (Zelger 2015) Dies gilt gerade für den Bereich des erinnerungskulturellen Lernens: Die ‘Paderborner Erklärung’ (Dezember 2022) des Fachverbands Deutsch for dert die verbindliche Aufnahme von Holocaust- und Lagerliteratur in die Lehrpläne des Deutschunterrichts, um eine obligatorische Auseinander Philipp Mohm ist hessischer Landesvorsitzender des Fach verbands Deutsch im Deutschen Germanistenverband.
SCHULE 2|2026
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