Blickpunkt Schule 2 2026

KI als Werkzeug gegen Diskriminierung Melodies of Inclusion Ein Praxisbericht zur Medien- und Demokratiebildung

Titelthema

»Gehe einen Schritt vor, wenn du nicht in Deutschland geboren wur dest.« Etwa ein Drittel der Klasse bewegt sich. »Gehe einen Schritt vor, wenn mindestens ein Elternteil nicht in Deutschland geboren wurde.« Nur noch zwei Schülerinnen stehen an der Startlinie. Auch ich bin einen Schritt nach vorne gegangen. »Gehe einen Schritt vor, wenn du schon einmal wegen Herkunft, Aussehen, Religion oder Sexualität diskriminiert wurdest.« Niemand steht mehr am Ausgangs punkt.

ration, Kreativität und kritisches Den ken. Diese wurden im Projekt nicht isoliert vermittelt, sondern entwickel ten sich aus den konkreten Arbeits formen: dem Erzählen und Reflektie ren von Erfahrungen, der gemein samen Gestaltung von Text, Musik und visuellen Elementen sowie der kritischen Reflexion des KI-Einsatzes und der öffentlichen Wirkung der Ergebnisse. Ergänzend lassen sich auch die 6C Kompetenzen berücksichtigen, die die 4K um Citizenship und Character er weitern. Aspekte wie gesellschaftliche Verantwortung, demokratische Teil habe, Empathie und ethisches Urteils vermögen wurden insbesondere in der Auseinandersetzung mit Diskriminie rung sowie im bewussten Schritt, die Werke der Öffentlichkeit zu präsen tieren, berücksichtigt. Der Projektverlauf entsprach zu dem in weiten Teilen etablierten Modellen zur KI-Didaktik (vgl. Modell von Susanne Alles, Joscha Falck, Manuel Flick und Regina Schulz 2 ), die Verstehen, Anwenden, Reflektieren und Mitgestalten als zentrale Kom petenzdimensionen beschreiben. Projektverlauf Analoger Einstieg Der Einstieg, der zu Beginn bereits skizziert wurde, erfolgte bewusst außerhalb des Klassenraums und jenseits der üblichen Sitzordnung. Ziel war es, eine nicht leistungsorien tierte Atmosphäre zu schaffen. Die Schritt-vor-Übung auf dem Schulhof machte biografische Unterschiede und Gemeinsamkeiten sichtbar und bot einen sinnstiftenden, persön- lichen und somit relevanzschaffen den Einstieg ins Thema. Für die folgende Stunde brachten die Lernenden eigene Geschichten zum Thema Diskriminierung mit. Es war transparent, dass diese vorgetragen

D ieser Moment in einer ruhigen Ecke des Schulhofs war ein drucksvoll, nicht nur für mich als Lehrkraft. In meiner 12. Klasse der Fachoberschule ist Diskriminierung kein Randthema, sondern biogra fische Erfahrung. Die Lerngruppe um fasst 21 Personen, deren Familien aus elf Ländern stammen, vier Religionen angehören und sechzehn Sprachen sprechen. Aus dieser Ausgangslage heraus entstand unser Unterrichtsprojekt Melodies of Inclusion . Die Lernenden verfassten und teilten persönliche, zugetragene oder fiktionale Diskrimi nierungsgeschichten, überführten diese in englischsprachige Songtexte, setzten sie mithilfe KI-gestützter Werkzeuge musikalisch um, gestalte ten visuelle Cover und veröffentlich ten die Ergebnisse sowohl auf der Schulhomepage als auch auf gängigen Streamingplattformen: ein echtes eigenes Musikalbum. Im Zentrum stand dabei nicht der Einsatz von KI als solcher, sondern Medien- und Demokratiebildung. Ziel war es, Erfahrungen sichtbar zu ma chen, Perspektiven zu verhandeln und Verantwortung im öffentlichen Raum zu thematisieren. Zielsetzung und didaktische Verortung Das Projekt ist im curricularen The menfeld ‘Equal opportunities – equal rights (?)’ verankert und verbindet in terkulturelle, soziale und medien-

Foto: privat

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n Marina Boonyaprasop

bezogene Kompetenzen mit einem produktionsorientierten Ansatz. Die Lernenden sollten unterschied liche Formen von Diskriminierung erkennen und reflektieren, eigene Ausdrucksformen entwickeln, selbst organisiert arbeiten und Künstliche Intelligenz (KI) bewusst als unter stützendes Werkzeug einsetzen. Mediendidaktisch orientiert sich das Projekt am Dagstuhl-Dreieck, das digitale Bildung als Zusammenspiel technologischer, anwendungsbezoge ner und gesellschaftlich-kultureller Perspektiven beschreibt 1 . Die Lernen den setzten sich mit Funktionsweisen generativer KI auseinander, nutzten diese konkret zur Text- und Musik produktion und reflektierten deren persönliche und gesellschaftliche Bedeutung, insbesondere im Hinblick auf die Zukunft kreativen Arbeitens. Diese drei Ebenen wurden nicht iso liert behandelt, sondern im Projekt verlauf miteinander verschränkt. Parallel dazu zeigte sich eine klare Anschlussfähigkeit an die 4K-Kom petenzen Kommunikation, Kollabo

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