Blickpunkt Schule 2 2026

waren durchweg positiv: Die Schüle rinnen und Schüler freuten sich sehr über die anerkennenden Worte und fühlten sich gesehen, wertgeschätzt und ernst genommen. Besonders be rührt hat mich, dass die Klasse dann gemeinsam ein Freundschaftstele gramm an mich schrieb. Diese Erfah rung, dass gegenseitige Wertschät zung im Schulalltag bzw. positive Rückmeldungen seitens der Lehrkraft an die Lernenden sehr wichtig sind, knüpft an eine meiner früheren Erleb nisse an: Vor zwei Jahren habe ich mich dazu entschlossen, meine Schu le zu wechseln bzw. bin ich für ein Jahr als abgeordnete Lehrkraft an das HMKB gegangen. Zum Abschied von meinen Schülerinnen und Schülern schrieb ich allen 221 eine kleine hand schriftliche Karte mit einer individuel len und positiven Rückmeldung. Auch hier zeigte sich eindrucksvoll, wie nachhaltig solche kleinen Gesten wir ken können. Manche Lernende, denen ich aus Zeitgründen die Nachricht nicht persönlich übergeben konnte, kamen später noch einmal gezielt zu mir und bedankten sich, auch Eltern schrieben mir Mails, in denen sie sich bedankten. Ein Prozess, der Zeit braucht In der 6. Klasse lassen sich bereits punktuelle positive Veränderungen beobachten. Der Umgangston ist achtsamer geworden, das Bewusst sein füreinander wächst. Gleichzeitig ist allen Beteiligten klar: Werteerzie hung ist eine tägliche Arbeit, da man zu schnell wieder in alte Gewohnhei ten abrutscht. Damit ein positives Miteinander zur Selbstverständlich keit wird, braucht es Zeit – oft über viele Wochen hinweg. Deshalb werde ich auch weiterhin ein festes Zeitfens ter meines Musikunterrichts diesem Thema widmen. Denn für mich ist klar: Nur dort, wo Wertschätzung und gegenseitige Achtsamkeit gelebt werden, ist guter und nachhaltiger Unterricht möglich. In dem Moment, in dem der Musik unterricht zugunsten des Gesprächs

über Respekt, Ausgrenzung und Ver antwortung zurücktritt, wird deutlich, worum es in Schule im Kern geht. Fachliche Inhalte müssen manchmal warten, damit menschliche Grund lagen gestärkt werden können. Erst auf dieser Basis kann Lernen gelin gen. Die Erfahrungen aus der 6. Klas se zeigen mir, dass Werte nicht durch Belehrung vermittelt werden, sondern durch Beziehung, Zeit und Konse quenz. Gespräche, gemeinsam ent wickelte Regeln, Programme wie Lions Quest und vor allem erlebte Wertschätzung – etwa in Form per sönlicher Rückmeldungen – wirken nachhaltig. Sie machen erfahrbar, was Respekt, Anerkennung und demo kratisches Miteinander bedeuten. Werteerziehung und Demokratiebil dung gelingen nicht nebenbei und nicht allein durch Konzepte oder Pro gramme. Sie entstehen dort, wo wir als Lehrkräfte Haltung zeigen, Gren zen setzen, zuhören und bereit sind, Zeit zu investieren – auch dann, wenn der Lehrplan eigentlich etwas anderes vorsieht. Die Erfahrungen aus der be schriebenen 6. Klasse machen deut lich: Schülerinnen und Schüler neh men sehr genau wahr, ob Werte nur benannt oder tatsächlich gelebt wer den. Jede bewusste Unterbrechung des Unterrichts bei einem konkreten Vorfall, jedes klärende Gespräch, jede wertschätzende Rückmeldung ist ein Schritt hin zu einem respektvolleren Miteinander und zu einer tragfähigen Lernkultur. Nicht punktuell, sondern kontinuierlich: Werte- bildung im Unterricht Inzwischen gibt es zahlreiche Anbieter mit ganz unterschiedlichen Projekten zur Werte- und Demokratieerziehung. Aus meiner Sicht ist jedoch entschei dender, diese Themen nicht punktuell, sondern kontinuierlich im Schulalltag zu verankern und im täglichen Mit einander zu leben. Aus meiner Erfah Werteerziehung den richtigen Platz geben

rung heraus stellen Workshops und Projektangebote für Lernende zwar eine willkommene Abwechslung dar, lassen sich jedoch oft nur schwer so in den Unterricht integrieren, dass der reguläre Unterrichtsablauf nicht be einträchtigt wird. Zudem laufen sie oft nur über einen kurzen Zeitraum und können somit meistens nur ein Denk anstoß sein. Nachhaltiger wäre es, wenn Werte- und Demokratieerzie hung in allen Klassenstufen und über verschiedene Unterrichtsfächer hin weg aufgegriffen würde. Aus meiner eigenen Schulzeit weiß ich, wie prä gend eine jahrelange Beschäftigung mit einem essenziellen Thema sein kann: Die Auseinandersetzung mit der Zeit des Zweiten Weltkriegs hat mich als Schülerin tief beeinflusst. Gerade weil ich diesem dunklen Kapitel unse rer Geschichte ab der 7. Klasse bis in die Oberstufe immer wieder aus un terschiedlichen Perspektiven begeg net bin, hat sich bei mir eine Haltung entwickelt, die mich bis heute beglei tet und antreibt, Verantwortung zu übernehmen. Ein ähnlicher Ansatz wäre auch für die Werte- und Demo kratieerziehung wünschenswert. Wenn diesen Themen in den Lehrplä nen aller Jahrgangsstufen und in den unterschiedlichsten Fächern verbind lich Raum gegeben würde, müssten nicht einzelne Schulen immer wieder eigene Programme entwickeln – ein Prozess, der viele Ressourcen bindet. Diese Ressourcen wären im Schulall tag besser investiert, nämlich dort, wo Werte täglich gelebt und erfahrbar gemacht werden können. Sind wir be reit, diesen langfristigen und mitunter mühsamen Weg zu gehen, vermitteln wir unseren Schülerinnen und Schü lern nicht nur Wissen, sondern etwas weit Wertvolleres: die Erfahrung, dass ein respektvolles, demokratisches Miteinander möglich ist – jeden Tag, in jedem Unterricht. Denn letztlich geht es bei Werteerziehung in der Schule um gelebte Haltung, kon sequentes Handeln und das tägliche Vorbild der Erwachsenen. Werte las sen sich nicht verordnen – sie müssen gelebt und erlebt werden. Leonore Schagen | Gymnasium Frankfurt Süd

Titelthema

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SCHULE 2|2026

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