Bildung aktuell 2 2023
Zeitschrift des Philologenverbandes Nordrhein-Westfalen
2/2023 Ausgabe März · 74. Jahrgang · 7108
Bildung aktuell
Wir machen Schule www.phv-nrw.de
Pädagogik & Hochschul Verlag · Graf-Adolf-Straße 84 · 40210 Düsseldorf · Foto: AdobeStock
>> Versorgung wird zum Konterbegriff zur Bildung Leitartikel von Sabine Mistler >> »Es kann nur besser werden!« Interview: Warum Lehrkräfte den Schuldienst verlassen >> »Job mit Pultstatus«? Neue Umfrage: Immer weniger junge Menschen studieren auf Lehramt
Editorial
von Lars Strotmann >> Referent für Öffentlichkeitsarbeit und Medien E-Mail: larsstrotmann@yahoo.de
Liebe Kolleginnen und Kollegen, liebe Leserinnen und Leser,
kräften in einer Art Verhältnisprävention durch Studiengangswahl (vor allem entwe der Grundschule oder Gymnasium) und bei Bestandslehrkräften im Wunsch nach beruf licher Veränderung und Entlastung nieder – bis hin zur Kündigung. Dazu finden Sie in der vorliegenden Ausgabe ein aufschlussreiches Interview mit zwei Lehrerinnen, die diesen Schritt gewagt haben, einen Blick auf eine interessante Umfrage zum Lehramtsstudium und einen Gastbeitrag des Netzwerkes Lauf bahnwechsel über Sek-II-Lehrkräfte in der beruflichen Sackgasse. Der Leitartikel unserer Landesvorsitzenden Sabine Mistler beleuchtet vor diesem Hin tergrund die paradoxe Situation, dass man die dienstrechtlichen Daumenschrauben anzuziehen gedenkt und damit die Arbeits bedingungen weiter verschlechtert und sich dann wundert, wenn qualifizierter Nach wuchs ausbleibt und qualitätsvolle Bildung durch bloße Betreuung ersetzt wird bzw. werden muss. Wir wünschen Ihnen wie immer eine anregende und abwechslungsreiche Lektüre sowie erholsame und möglichst korrekturfreie Ostertage!
der vielbeschworene Fachkräftemangel hat die Schulen längst erreicht. Das betrifft zum einen die Versorgung mit qualifiziertem und motiviertem Nachwuchs, denn es entschei den sich weniger junge Menschen für den Lehrerberuf. Zum anderen betrifft es den Output des Schulsystems, und so dämmert langsam die Erkenntnis, dass Fachkräfte gut ausgebildet sein müssen, wozu eine best mögliche Schulbildung elementare Voraus setzung wäre. Diese wiederum macht sich fest an konkreten Inhalten und weniger an der reinen Quantität vergebener Schulab schlüsse oder immer besseren Noten. Auch der allgegenwärtige Klimawandel wird am besten durch Wissenschaft, Technologie und Ingenieurskunst bewältigt und weniger durch Haltungen und Hysterie. Auch dazu ist eine bestmögliche MINT-Bildung grund legende Voraussetzung. Leider wirken – je nach Schulträger – schon die bauliche Erscheinung und Ausstattung mancher Schulgebäude oder/und die Verwandlung von Schulen in sozialtherapeutische Ver wahranstalten mit automatischer und inte grierter Zertifikatsvergabe wenig motivie rend. Das schlägt sich bei angehenden Lehr
Ihr Lars Strotmann und die Redaktion
INHALT
Editorial >> Editorial von Lars Strotmann >> 02 In eigener Sache >> Neue Mailadresse? Schulwechsel?
Schule & Beruf >> »Job mit Pultstatus«?
>> Gib Mobbing keine Chance Fortbildung des Bezirks Bonn/ Rhein-Sieg zur Gewaltprävention >> 23 >> Aus Überzeugung und mit ganzer Kraft Philologe >> 23 >> Lehrkräfte als Dienstleister? >> 24 >> Mitgliedsbeiträge Anpassung zum 2. Quartal 2023 >> 25 >> Über den Ruhestand hinaus >> 26 Recht >> Urheberrecht in der Schule: Wiedergabe von Filmen >> 27
>> 12-14 >> 15-17
>> Bilder von Bildung
>> Sackgasse Laufbahnwechsel: Über die Ungleichbehandlung von Sek-II-Lehrkräften an Ge- samt- und Sekundarschulen >> 18-20 Interna >> Premiere für die Eduregio in der Düsseldorfer Stadthalle >> 21 >> Andreas Bartsch als NRWL-Präsident bestätigt >> 21 >> Wie wollen wir in unserer Gesellschaft leben? >> 22
Neue Besoldungsstufe oder Entgeltgruppe? Neue Bankverbindung?
>> 03
Leitartikel >> Versorgung wird zum Konterbegriff zur Bildung >> 04-06 Thema >> »Es ist merkwürdig, nicht mehr jeden Morgen in die Schule zu gehen« >> 08-11
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In eigener Sache
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Leitartikel
von Sabine Mistler >> Landesvorsitzende
E-Mail: info@phv-nrw.de
Versorgung wird zum Konterbegriff zur Bildung
Kommt der Lehrermangel im Bund und in den Ländern tatsächlich plötzlich und unerwartet? Natürlich nicht. Schnelle Lösungen sind allerdings nicht zu erwarten – für ein Problem, das hausgemacht ist und Schulen und Lehrkräfte allein lässt. Wo bleibt der Aufschrei der anderen?
Die ständige Wissenschaftliche Kommission der Kultus ministerkonferenz (SWK) hat unlängst zunächst für Stau nen und anschließend für Empörung in Lehrerzimmern und Kommentarspalten gesorgt. Anlass bot die Stellung nahme mit dem Titel ‘Empfehlung zum Umgang mit dem akuten Lehrermangel’. Als Gutachten will das unabhängi ge Beratungsgremium das knapp vierzig Seiten starke Papier ausdrücklich nicht verstanden wissen. Laut SWK Empfehlung sollen Lehrkräfte sich durch Verhaltensprä vention wieder einmal am eigenen Schopfe aus dem Sumpf ziehen, statt über eine Verhältnisprävention an- gemessen attraktive Arbeitsplätze und -bedingungen zu schaffen. Dazu bräuchte man aber viel mehr Geld für Bildung. Genauso notwendig ist auch ein differenzierter Blick. Denn die Situation ist in den Landesteilen, in Städten und Kommunen, innerhalb der Schulformen und über die Schulformen hinweg höchst unterschiedlich. Die SWK liefert mit Ihrer Stellungnahme dazu keinen gro ßen Beitrag. Die einzige Prämisse scheint zu sein, mög
lichst kostenneutral zu reagieren oder günstigeres Per sonal an die Schulen zu holen – Versorgung wird zum Konterbegriff zur Bildung. Das gerade noch vorhandene Personal soll einfach ein bisschen mehr arbeiten, Pro blem gelöst! Dass damit die Attraktivität des Lehrerbe rufs noch weiter sinkt, liegt auf der Hand. Die Folgen ebenso: Junge Menschen, die gefragt werden, ob sie Lehrerin oder Lehrer werden möchten, winken ab. Das belegt eine aktuelle Studie des Bildungsforschers Rainer Dollase, über die wir auf den Seiten 12 bis 14 in dieser Ausgabe der ‘Bildung aktuell‘ berichten. Apropos differenzierter Blick: In Nordrhein-Westfalen re det kaum jemand von den Lehrkräften an den Gymna sien, Gesamtschulen und Weiterbildungskollegs. Denn gerade die Gymnasien sind gut mit Lehrpersonal ausge stattet, so die landläufige Meinung. Klagen wir also, auch als Philologenverband Nordrhein-Westfalen, auf einem reichlich hohen Niveau? Wohl kaum! Wir halten es für fragwürdig und wenig perspektivisch gedacht, dass die Arbeit der Lehrkräfte an Schulformen mit Abiturverant-
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wortung nicht differenziert gesehen wird. Allein über Quantitäten auf statistischen Grundlagen beruhend, die zudem unterschiedliche Berechnungsgrundlagen an den einzelnen Schulformen haben, kann man die Bedarfe nicht verlässlich berechnen.
Ein Abitur als Ausweis einer tatsächlichen Studierfähig keit wäre auch dringend wieder nötig. Ein Schulabschluss mit inflationär verteilten sehr guten und guten Durch schnittsnoten hilft dauerhaft niemandem, nicht den jungen Menschen, nicht unserer Gesellschaft und auch nicht den Lehrkräften, die gern ihren eigenen Ansprü chen genügen würden und guten Unterricht machen möchten. Die haben aber aufgrund der vielen Neben schauplätze und Zusatzaufgaben, den Nachwirkungen und Begleiterscheinungen der Coronapandemie und der Mammutaufgabe Digitalisierung mehr und mehr zu kämpfen. Woher sollen schnell gute und bodenständig ausgebil dete Lehrkräfte mit hohen Fachkenntnissen und einer fundierten pädagogisch-didaktischen Ausbildung kom men? Die vorliegenden Antworten auf diese fundamen tale Frage sind nicht schön. Expertinnen und Experten – wir schauen nach Berlin zur SWK – schlagen vor, alle Be standskräfte erst einmal mehr arbeiten zu lassen. In Sachsen-Anhalt müssen Lehrerinnen und Lehrer bald >
Die Verantwortung für Schülerinnen und Schüler kommt zu kurz
Es wird verkannt, dass die Arbeitsbedingungen und Be lastungen unterschiedlich herausfordernd und kaum zu vergleichen sind. Es ist ein großer Unterschied, ob in ein zelnen Klassen und Kursen Fachunterricht (eben nicht fach- und fächerübergreifend) erforderlich ist. Es ist auch zu bedenken, was die unterschiedlichen Herausforderun gen bei Planungen von Unterricht und Korrekturen sowie Abiturprüfungen sind. Das demotiviert unsere Lehrkräfte, lässt sie zweifeln an unserem System, an der Verantwor tung der Politik gegenüber den Schülerinnen und Schü lern, die in unserem Land nicht nur gefördert, sondern auch gefordert werden sollten.
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Leitartikel
schon verpflichtend eine Stunde je Woche mehr ar beiten. Abordnungen an andere Schulformen und in andere Städte sind eben falls im Gespräch, auf die paar Kilometer Fahrtweg kommt es schließlich auch
solventinnen und -absol venten unterrichten. So viel zum Thema Qualität. Mo netäre Anreize, die man auch in Nordrhein-Westfa len in sogenannten Brenn punkten gesetzt hat, waren überhaupt nicht erfolg
In den Lehrerzimmern aller Schul- formen ist die Verzweiflung groß, die Krankenstände steigen stetig, dem Anspruch an die eigene Arbeit laufen die Lehrkräfte schon lange hinterher.
nicht mehr an. Voraussetzungslose Teilzeit zu beantra gen, können Lehrerinnen und Lehrer am besten gleich vergessen – abgelehnt! Die Folgen all dieser Ideen sind massiv steigende Überle gungen zum Ausstieg aus dem Lehrerberuf, den viele un serer Kolleginnen und Kollegen ursprünglich mit großer Leidenschaft begonnen haben. Wir sind so weit, dass ver beamtete und tarifbeschäftigte Lehrkräfte nicht nur über Kündigungen nachdenken, sondern den Schuldienst für immer verlassen. Sinkende Studierendenzahlen, wie durch die Dollase-Untersuchung belegt, verwundern nicht. Schon während ihrer Schulzeit nehmen Schülerinnen und Schüler wahr, was da auf den Schultern der Lehrkräfte las tet. Wer will denn noch in einem solchen System arbeiten? Alles kein Problem, könnte man meinen, wenn man sich die Ideen aus der Politik anschaut. Man blickt auf andere Professionen, holt jetzt viele nichtpädagogische Mitar beitende ins System. Alltagshelfer/-innen, IT-Experten/- innen, Verwaltungskräfte, multiprofessionelle Teams, So zialarbeiter/-innen, Personen aus vielen anderen Berufs gruppen. Das ist grundsätzlich nicht schlecht, im schwarz-grünen Koalitionsvertrag versprochen und in vielerlei Hinsicht auch längst überfällig – aber bit te nicht zulasten der Lehrerstellen. Attraktivierung durch Anreize ist eine weitere Idee. In Berlin bei spielsweise will der Senat alle Lehrpersonen verbe amten; dazu muss man noch nicht einmal eine leh rerspezifische Ausbildung hinter sich gebracht ha ben. In Brandenburg dürfen bald auch Bachelorab Lehrermangel: Jetzt sollen es nichtpädagogische Mitarbeitende richten
reich. Man gibt vor, Qualität und Fachlichkeit sowie die Expertise der Lehrkraft hochzuhalten. Der PhV NRW fragt sich, wie das in Einklang zu bringen ist. Die Länder haben unterschiedliche Probleme auch im Bereich der Lehrkräfteversorgung – alle bislang vorge schlagenen Maßnahmen allerdings führen zu einem deutlichen Qualitätsverlust, sie laufen hinaus auf eine Reduzierung der Ansprüche und sind eher zu sehen als eine Lehrkräfteverhinderungskampagne. In den Lehrer zimmern aller Schulformen ist die Verzweiflung groß, die Krankenstände steigen stetig, dem Anspruch an die ei gene Arbeit laufen die Lehrkräfte schon lange hinterher. Wo bleibt der gesamtgesellschaftliche Aufschrei? Es geht hier nicht um die Partikularinteressen einer Berufs gruppe, sondern ums große Ganze, um unsere Kinder und Jugendlichen. Der PhV NRW fordert daher die Poli tik auf, endlich einmal ehrlich auf die Entwicklungen zu schauen. Wir fordern, dass alle in den Prozess mit einbe zogen werden, vor allem auch diejenigen, die Experten für Bildung und Unterricht sind, die Lehrkräfte. Wir müs sen zu einem Schulsystem stehen, das jedem Schüler und jeder Schülerin gerecht wird, ein System, das auch das Abitur wieder als Abschluss für eine echte Studierfä higkeit bietet. Der PhV NRW fordert die Politik auf, auf die Entwicklungen zu schauen und alle in den Prozess mit einzubeziehen, vor allem auch diejenigen, die Experten für Bildung und Unterricht sind: die Lehrkräfte!
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Thema
»Es ist merkwürdig, nicht mehr jeden Morgen in die Schule zu gehen« Stefanie Ewers und Christine Laßmann waren Lehrerinnen aus Leidenschaft – trotzdem haben beide ihren Beruf an den Nagel gehängt. »Es kann nur besser werden«, sagen sie mit Blick auf die Situation an unseren Schulen und die Stimmung in den Lehrerzimmern. Mit der PhV-Vorsitzenden Sabine Mistler haben sie sich über die besonderen Herausforderungen an Gymnasien unterhalten.
Frau Ewers, Sie hatten Ende Januar Ihren letzten Arbeitstag als Lehrerin. Wie fühlt sich das für Sie an? STEFANIE EWERS: Das ist für mich alles noch ein wenig surreal. Nicht, weil ich derzeit keinen Job mehr habe, son dern weil ich sehr gern Lehrerin war. Es ist merkwürdig, nicht mehr jeden Mor gen in die Schule zu gehen. Aber ich merke, wie ich von Tag zu Tag besser schlafe und mich langsam ‘entknittere’. Ich habe mich als Lehrerin zum Schluss wie ein zerknittertes, hartes Blatt Löschpapier gefühlt, das sich jetzt wie der ganz vorsichtig an den Ecken glät tet. Die Kündigung aus einer Festan stellung im Schuldienst war für mich so etwas wie ein ‘unerhörter Schritt’. Die ser war für mich lange undenkbar. Ich bin so erzogen worden, dass man nicht aufgibt, sondern die Zähne zusam menbeißt und weitermacht. Und wie geht’s jetzt für Sie weiter? EWERS: Die größte Herausforderung ist für mich tatsächlich gerade, wieder zu mir zu finden und aus diesem Tun nel herauszukommen, in dem ich mich zuletzt im Schuldienst befunden habe.
seit meine drei Kinder selbst zur Schule gehen. Für mich war ausschlaggebend, dass ich kein System mehr mittragen möchte, in dem ich vor allem den Leis tungsdruck wahrgenommen habe, der gerade am Gymnasium enorm hoch ist. Ich wollte nicht mehr die Person sein, die die ganze Zeit diesen Druck auf Kinder und Jugendliche ausübt, die ohnehin schon viel zu hohen Belastungen ausge setzt sind. Es bleibt kaum noch Zeit für Pädagogik, und das hat mich sehr frus triert. Die Arbeit ist für mich als Lehrerin viel einfacher, wenn ich Zeit habe, mich mit den Kindern und ihrer häuslichen Si tuation zu beschäftigen und auseinan derzusetzen, aber dafür ist im Schulall tag gar keine Zeit. Zumal an meiner ehe maligen Schule auch Kinder unterrichtet werden, die keine oder nur eine einge schränkte Gymnasialempfehlung mit gebracht haben. Manche haben auch nur eine Hauptschulempfehlung. Diese unterschiedlichen Voraussetzungen aufzufangen, selbst wenn man sich wirk lich stark engagiert, ist sehr schwierig.
Ich bin auch gespannt, wie es für mich beruflich bald weiter gehen wird.
Bei Ihnen ist der Abschied schon etwas länger her, Frau Laßmann. Wie sieht es bei Ihnen aus? CHRISTINE LASSMANN: Mein Abschied aus der Schule jährt sich in diesen Tagen zum ersten Mal. Zu ge hen war für mich aber ein sehr langer Prozess, so eine Entscheidung trifft man nicht von heute auf morgen. Auch wenn ich etwas jünger bin als Frau Ewers, war der Abschied aus der Schule, aus dem Beamtentum, auch für mich ein unerhörter Schritt. Ich bin aber immer noch glücklich mit meiner Entscheidung und stehe voll dahinter, ich bin mit mir im Reinen. In der aktuellen Diskussion geht es häufig um Grund- und Förderschu len und selten um Gymnasien. Was haben Sie am Gymnasium für beson dere Belastungen erlebt, die es so an anderen Schulformen nicht gibt? LASSMANN: Für mich hat sich die Per spektive auf meinen Beruf geändert,
EWERS: Ich war immer eine sehr struk turierte Lehrerin, und ich habe, wie Frau
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Zur Person
INFO
Christine Laßmann (44, verheiratet, drei Kinder) war seit 2010 verbeamtete Lehrerin für Deutsch, Englisch und Erd kunde am Gymnasium und hat den Schuldienst im März 2022 verlassen. Sie arbeitet jetzt als Fortbil dungskoordinatorin in der Erwachsenenbildung.
Laßmann, für meine Fächer gebrannt. Ich bin Philologin, Anglistin, Germanis tin; ich habe häufig Leistungskurse un terrichtet und permanent Abiturprü fungen abgenommen oder mit dem Abitur zu tun gehabt. Ich habe ge merkt, dass ich trotz all meiner Struk tur »auf die Bretter gehe«. Ich konnte so viel arbeiten, wie ich wollte, so viel korrigieren und planen, wie ich wollte, am Ende hat es zeitlich nie gereicht. Mir war klar: Mit diesen ganzen struk turellen Anforderungen und denen an mich selbst, bei zeitgleich zunehmen der Klassengröße sowie mitunter ab nehmender Lernbereitschaft der Schülerinnen und Schülern, würde ich das nicht mehr schaffen und K.o. ge hen. Diese Schlagzahl wäre nur zulas ten meiner Gesundheit gegangen und deshalb habe ich das System Schule verlassen. LASSMANN: Das ist ein wichtiger Punkt. Auch wenn man engagiert ist, wird man seinen eigenen Ansprüchen und auch denen der Eltern und der Schule häufig nicht gerecht. Es gibt bestimmt Lehrerinnen und Lehrer, die das besser kompensieren, oder viel leicht auch resignieren, aber ich wäre irgendwann an den Punkt gekommen, an dem ich in die innere Emigration ge wechselt oder krank und überbelastet geworden wäre. EWERS: Wir beide haben das System Schule ganz verlassen, das war sicher lich ein extremer Schritt, aber viele Kolleginnen und Kollegen haben den Weg in die innere Emigration gewählt. Viele landen im Burnout oder in Lang
Stefanie Ewers (56, verheiratet) war von 2007 bis Ende Januar 2023 angestellte Lehrerin (Sek I + II) für die Fächer Englisch und Deutsch an einem Berufskolleg und Gymnasium. Derzeit ist sie arbeitssuchend.
dazu aus- und fortgebildet worden. Häufig hängt das Gelingen dann an persönlichem Engagement. Das kann nicht sein, dazu braucht es die erwähn ten multiprofessionellen Teams, Son derpädagogen, Psychologinnen und Schulbegleitungen. Die Einstellung von nichtpädagogi schen Kräften ist versprochen, gleich zeitig werden die Möglichkeiten für anlasslose Teilzeit und Frühpensionie rungen nach dem Willen des Schulmi nisteriums massiv eingeschränkt. Was halten Sie davon? EWERS: Ich will nicht zynisch klingen, aber das wird zwangsläufig dazu führen, dass Kolleginnen und Kollegen sich dennoch einen Weg in den Ausstieg su chen werden. Wenn es keine Möglich keit mehr zur Teilzeit gibt, werden viele längerfristig erkranken. In Teilzeit gehen die wenigsten, weil sie in der freien Zeit schöne Dinge unternehmen oder sich Zeit für Wellness nehmen. Sie können schlichtweg nicht mehr. Eigentlich müsste man ganz anders an das Thema ran. Wenn man sagt, wir wollen weniger Teilzeit, muss man die Rahmenbedin gungen so gestalten, dass kaum noch jemand in Teilzeit gehen möchte. Mehr Stunden bedeuten in meinen Fä >
zeiterkrankungen oder gehen – wie viele aus der Generation der Babyboo mer/innen – wesentlich früher in Pen sion oder Rente. Die haben gar nicht vor, bis 67 Lehrerin oder Lehrer zu sein. Wir reden über eine große Gruppe, die immer noch nicht gesehen wird, die man vielleicht auch nicht sehen will. Es ist doch auch nicht so, dass Kolle ginnen und Kollegen in Teilzeit gehen, weil sie genug Geld verdienen. Ich ha be mir es als tarifangestellte Lehrerin dreimal überlegt, ob ich auf Teile mei nes Gehalts verzichten kann, wenn ich meine Stundenzahl reduziere. Ich ha be aber zum Schluss ganz einfach kei ne volle Stelle mehr mit Deutsch und Englisch – mitsamt all der Korrekturen – geschafft. Hinzu kommt, dass die Schülerinnen und Schüler mit ihren Bedürfnissen und Anforderungen viel mehr Aufmerksamkeit benötigen als noch vor 15 oder 20 Jahren. Deshalb kommt ja der Ruf nach multiprofessio nellen Teams - auch für die Gymna sien. Im Moment werden Lehrerinnen und Lehrer mit viel zu vielen Themen allein gelassen. LASSMANN: Mittlerweile wird auch an Gymnasien inklusiv gearbeitet. Vie le Lehrerinnen und Lehrer sind darauf nicht vorbereitet, geschweige denn
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EWERS: Wenn mehr Entlastungen im täglichen Geschäft da wären, für Pau senaufsichten, Mensaaufsichten, Ord nungsmaßnahmen, Klassenbuchein träge, Fehlzeitenerfassung oder das Vorbereiten von Schulfesten, dann könnten sich Lehrerinnen und Lehrer wieder mehr auf die Kinder und Ju gendlichen konzentrieren. Das würde auch dazu führen, dass wir wieder mehr Zeit für Teambesprechungen haben, die zwar notwendig sind, aber häufig ausfallen. Dazu ist oftmals keine Luft mehr vorhanden. So geht viel Qualität verloren. Für Projekte mit bienen freundlichen Samenbomben muss halt auch die Zeit da sein und Schulausflü ge sind gut und schön, aber wie soll das funktionieren, wenn zu Hause drei Sta pel Klausuren liegen, die noch korri giert werden müssen? Für viele Kolle ginnen und Kollegen beginnt die ei gentliche Arbeit doch erst, wenn sie nachmittags nach Hause kommen. Was würden Sie noch ändern, damit Lehrkräfte wieder Lehrkräfte sein können? LASSMANN: Eine Klassenarbeit reiht sich an die nächste, das hat nichts mehr mit individueller Förderung zu tun, zu der wir verpflichtet sind. Das ist mit 33 und mehr Kinder in einer Klasse schwer umzusetzen. Aber mit alternativen Prü fungsformaten könnte man da viel leicht schon etwas bewegen. Im Mo ment ist es von allem »zu viel«. Zu viele Schüler in einer Klasse, zu viel Lärm, zu viel Leistungsdruck und das »zu viel« trifft auf ein »zu wenig« an Ausstattung, an Unterstützung und Innovation.
EWERS: Ich weiß, dass das derzeit nicht geht, jedoch wären viele Lehrerinnen und Lehrer schon glücklich, wenn sie drei Stunden weniger arbeiten müssten. Drei Stunden können bedeuten, in ei nem Schuljahr 150 weniger Klausuren korrigieren zu müssen. Das bedeutet in manchen Fächerkombinationen – wie zum Beispiel Deutsch und Englisch – 150 Stunden weniger bzw. mehr Le benszeit. In der Sek II brauchen Sie für eine Klausurkorrektur im Leistungskurs bis zu 1,5 Stunden. Mit Wohlfühltipps und Yoga unter dem Deckmantel des Betrieblichen Gesundheitsmanage ments kommen Sie da nicht weiter. So lange die Gruppen so groß sind, sind die Kolleginnen und Kollegen mit den Kor rekturen zeitlich überfordert. Von der Unterrichtsvorbereitung – häufig erst nach 17 Uhr – ganz zu schweigen. Anderes Thema: Wir stoßen auf ei nen Finanzminister, der für A13 für alle rund neunhundert Millionen Euro ausgibt. Mehr Geld bedeutet aber nicht automatisch mehr Lehrkräfte. Wie würden Sie ihn überzeugen, dass für unsere Schulform auch Geld da sein muss? EWERS: In den Anfang und das Ende des Lebens muss meiner Meinung nach das meiste Geld investiert wer den. Wäre ich Ministerin, würde ich mit der Gießkanne ganz viel Geld über die Kitas, Grundschulen und weiterführen den Schulen gießen. Ich glaube aber auch, dass Geld allein noch keine gu ten Lehrkräfte schafft. Es geht um die Arbeitsbedingungen. Mich persönlich hätte auch mehr Geld nicht von der
chern automatisch wesentlich mehr Korrekturgruppen und zu betreuende Kinder und Jugendliche. LASSMANN: Schon als ich 2008 im Referendariat war, hat an meiner da maligen Schule kaum noch jemand in Vollzeit gearbeitet. Selbst die jungen Kolleginnen und Kollegen haben fast alle Teilzeit gemacht. Das ist sympto matisch und ein Zeichen dafür, dass das Stundendeputat für eine Vollzeit stelle zu hoch ist. Jetzt etwas gegen den Lehrkräftemangel unternehmen zu wollen, in dem man die Stunden zahl vergrößert, ist der falsche Weg und auch das falsche Signal. LASSMANN: Es wäre schon gut, die Belastungen von Lehrerinnen und Lehrern überhaupt anzuerkennen. Es ist wichtig, die Pflichtstundenzahl bei einer vollen Stelle zu reduzieren. Wertschätzend wäre es auch, wenn man kleinere Klassen hinbekäme. Wir brauchen Entlastungen an vielen Stellen. Im europäischen Ausland muss keine Lehrerin das Geld für die Klassenfahrt einsammeln und am Kopierer stehen. Eine Wertschätzung wäre auch, wenn der Staat mehr in Kinder, Jugendliche und in Bildung allgemein investieren würde. Wir müssen Schulen Geld geben für eine bessere Ausstattung, es würde sich kein Arbeitnehmer und keine Arbeit nehmerin gefallen lassen, in einem nicht vorhandenen Büro arbeiten zu müssen. Was wäre für Sie ein Zeichen der Wertschätzung?
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»Eine Klassenarbeit reiht sich an die nächste, das hat nichts mehr mit individu eller Förderung zu tun, zu der wir ver pflichtet sind. Das ist mit 33 und mehr Kin der in einer Klasse schwer umzusetzen.«
LASSMANN: Ich kann mich da an schließen. Ich finde, dass Lehrerin nach wie vor ein toller Beruf ist. Man begleitet Kinder und Jugendliche in ganz wichtigen Lebensjahren. Ich weiß aber nicht, ob ich so optimistisch bin. Aber ich will niemanden desillusionie ren. Ich würde niemandem von dem Beruf abraten, aber einen guten Rat mitgeben: Achtet auf euch. EWERS: Ich rate jungen Kolleginnen und Kollegen dazu, mehr Mut zu haben. Auch Kolleginnen und Kollegen können dazu beitragen, dass sich die Arbeitsbe dingungen verbessern, wenn sie hin und wieder »mal den Mund aufmachen«. Aufgezeichnet von Olaf Steinacker Pressereferent
Kündigung abgehalten. Es ist nicht das Gehalt, das mir gegen den Strich ging, sondern das System, das krank macht. Den Kolleginnen und Kollegen an Grundschulen sei das Geld gegönnt. Aber was nützt es denn, wenn die Kin der dort von fortan besser bezahlten Lehrkräften unterrichtet werden und die Kolleginnen und Kollegen an den weiterführenden Schulen weiterhin in die Knie gehen? Also muss man den Fokus doch auch auf die Lehrkräfte an Gymnasien und Gesamtschulen legen. Jetzt muss etwas passieren, vor allem für die Lehrkräfte, die schon im System sind und auch dortbleiben wollen. Wir können nicht auf die nächste Genera tion von Referendarinnen und Refe rendaren warten. Wir müssen aufpas sen, dass uns jetzt nicht noch mehr ge standene Frauen und Männer von Bord gehen - so wie wir beide. LASSMANN: Wir brauchen dringend ein gesellschaftliches und politisches Umdenken, damit Bildung endlich wie der mehr Wert erhält. Es müssen jetzt Ressourcen locker gemacht werden in diesem trägen System. Es geht um die Wertschätzung von uns Lehrkräften, aber auch um die Wertschätzung von jungen Menschen. Lernen funktioniert nur mit einer gesunden Beziehung zwi schen Lehrenden und Lernenden. EWERS: Ich bin auch Lehrerin gewor den, weil mich während meiner Schul zeit einige meiner Lehrerinnen und Lehrer stark geprägt haben. Das waren mitunter echte Vorbilder für mich. Aber Prägen braucht Zeit und Raum und Kraft und Passion. Ich habe in meinen
Abiturklassen häufiger gefragt, wer später einmal Lehrerin oder Lehrer werden möchte. Da hat sich in den letz ten Jahren niemand mehr gemeldet. Was würden Sie jungen Kolleginnen und Kollegen raten, die gerade im Beruf starten. Sollen sie sich auf das Schlimmste vorbereiten? EWERS: Ich bin immer noch davon überzeugt, dass der Lehrberuf ein schöner Beruf ist. Ich habe noch Hoff nung, dass sich nun etwas zum Besse ren bewegt – zumindest in der Zeit, die noch vor den jungen Lehrkräften liegt. Obschon ich viel kritisiere, bin ich op timistisch.
Zahlen, bitte! Teilzeit: Laut Statistischem Bundesamt ist im Vergleich zu anderen abhängig Beschäftigten die Teilzeitquote bei Lehr-
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kräften mit 40,6 Prozent überdurchschnittlich hoch. Zum Vergleich: 2021 arbeiteten 29,9 Prozent der abhängig Beschäftigten in Teilzeit. Ein Grund für die höhere Teilzeitquote von Lehrerinnen und Lehrern ist der vergleichsweise hohe Frauenanteil: Während Frauen im Schuljahr 2021/2022 fast drei Viertel (73,0 Prozent) des Lehrpersonals an allgemeinbildenden Schulen ausmachten, lag der Frauenanteil in der Wirtschaft bei 48,0 Prozent. Altersstruktur: Gut ein Viertel (25,7 Prozent) der Lehrkräfte im Schuljahr 2021/2022 war zwischen 50 und 59 Jahre alt, 10,9 Prozent waren 60 Jahre und älter. Mehr als jede dritte Lehrkraft (36,6 Prozent) war demnach 50 Jahre und älter. Die unter 35-Jährigen machten 21,1 Prozent des Lehrpersonals an allge meinbildenden Schulen aus. Anteilig die meisten jüngeren Lehrkräfte im Alter von unter 35 Jahren gab es im Saarland (25,6 Prozent), gefolgt von Nordrhein Westfalen (23,1 Prozent) und Bremen (22,4 Prozent). Nachwuchs: Im Wintersemester 2022/23 lag die Zahl der Studienanfänge rinnen und Studienanfänger für ein Lehramt an den nordrhein-westfälischen Hochschulen um 1,4 Prozent niedriger als ein Jahr zuvor. Wie das Statistische Landesamt anhand vorläufiger Ergebnisse mitteilt, sind im laufenden Winter- semester 8.703 Personen im ersten Hochschulsemester in einen Lehramts- studiengang eingeschrieben. Ein Jahr zuvor waren es 8.826 gewesen.
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»Job mit Pultstatus«? Lehrerinnen und Lehrer fehlen bereits jetzt an allen Ecken und Kanten – und immer weniger junge Menschen entscheiden sich laut einer aktuellen Umfrage für ein Lehramtsstudium. Das liegt vor allem an den Arbeitsbedingungen.
von Carsten Hütter >> Bezirksvorsitzender Düsseldorf E-Mail: carsten.huetter@schule.duesseldorf.de
Es ist unbestritten, dass der demo grafische Wandel und die in den nächsten zehn Jahren zu erwarten den Pensionierungen den Lehrkräf temangel weiter verschärfen wer den. Gleichzeitig rücken nicht aus reichend Lehrkräfte nach: Die Zahl der Staatsexamina und Masterab schlüsse im Lehramt ist binnen zehn Jahren um 13,8 Prozent gesunken, wie das Statistische Bundesamt mit teilt. Die meisten Abschlüsse zum Master oder 1. Staatsexamen im Lehramt wurden 2021 in den Studienfächern Germanistik (21 Prozent), Erzie hungswissenschaften (17,4 Prozent), Anglistik und Amerikanistik (9,7 Pro zent), Mathematik (8,2 Prozent), Biologie (5,5 Prozent), Geschichte (4,5 Prozent) und Sport, Sportwis senschaft (je 3,8 Prozent) erreicht. Daraus wird deutlich, dass sich auch an der Schulform Gymnasium der fächerspezifische Lehrkräftemangel, besonders im MINT-Bereich, weiter verschärfen wird.
Lehrer oder Lehrerin beschäftigt, stellt die Frage: »Warum werden sie nicht Lehrer oder Lehrerin?«. Diese Umfrage wurde von der Landesel ternschaft der Gymnasien NRW im Herbst und Winter 2021 unter stützt. Zu jenem Zeitpunkt waren Berichte über Lehrkräftemangel in allen Medien. Bereits 2018 hatte das nordrhein-westfälische Schul ministerium mit einer Postkartenak tion bei Jugendlichen und jungen Erwachsenen für das Lehramt ge worben.
Nun dauert ein Lehramtsstudium für Gymnasium/Gesamtschule mindes tens fünf Jahre. Umso wichtiger ist es daher, bereits heute junge Men schen kurz nach Ihrem Abitur für den Lehrberuf, also für ein Lehr amtsstudium, zu gewinnen. Was Abiturienten über die Option Lehramtsstudium sagen Eine Umfrage des Bildungsfor schers Rainer Dollase, Universität Bielefeld, die sich mit den Ursachen für die Abstinenz der Berufswahl
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Bestandene Abschlussprüfungen im Lehramt Staatsexamen und Masterabschlüsse in Tausend
40
30
20
10
0
2011
2013
2015
2017
2019
2021
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Quelle: Statitisches Bundesamt (Destatis), 2023
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Ein Plakat der Werbeaktion des MSB 2018
auch die Besoldung positiv. Gleich zeitig sehen sie die zukünftigen Entwicklungen des Schulsystems als problematisch an. Sie stimmen den Aussagen zu, dass »die Zahl der ‘schwierigen‘ und den Unterricht stö renden Schüler zunehmen« werde und dass die Eltern »in Zukunft den Lehrern wegen der Notengebung Schwierigkeiten machen« würden. Diese Einschätzungen der befragten Abiturientinnen und Abiturienten ha ben weitreichende Konsequenzen für die Schulformen, an denen sie als zu künftige Lehrkräfte arbeiten wollen. Wahl der zukünftigen Schulform als individuelle Verhältnisprävention? Eine weitere Frage in der Umfrage ist bemerkenswert für die mittelfristige Personalplanung, nämlich wenn man die Teilnehmer, die sich für ein Lehr amtsstudium entscheiden, nach der angestrebten Schulform der zukünfti gen Lehrkräfte fragt. Die Teilnehmer der Umfrage, die sich für ein Lehr
Bildquelle: https://www.schulministerium.nrw/sites/default/files/styles/ slider_main_16_9_1280/public/images/Job-mit-Pultstatus.JPG?h=a01f61f4&itok=bKknQSmu
Wie wenig die Impulse dieser Werbe aktion, die 2018 viel Kritik hervorrief, verfangen haben, zeigt auch die aktu elle Dollase-Umfrage, an der 2499 Abiturientinnen und Abiturienten mit einem Durchschnittsalter von 17 Jah ren teilnahmen. Auf die Frage »Wel chen Studiengang wollen Sie studie ren?« antworten elf Prozent der Be fragten, dass sie ein Lehramtsstudium aufnehmen wollen (vgl. Tab. 2, Seite 14). Abiturienten durchaus zugänglich für Werbung für das Lehramt Mit der komplexeren Frage »Wie ste hen Sie persönlich - auch wenn Sie etwas anderes jetzt zu Studieren vor haben bzw. schon tun - zum Lehrer
beruf?« erhöht sich das Interesse für das Lehramtstudium auf 14 Prozent. 26 Prozent der Befragten finden ei nen anderen Beruf zwar besser, kön nen sich aber auch den Lehrberuf vorstellen. Diese Gruppe ist vermut lich auch zugänglich für gezielte Werbung, das heißt, man könnte diesen Personenkreis mit Anreizen möglicherweise für ein Lehramtsstu dium gewinnen (vgl. Tab. 3, Seite 14) . Alle Teilnehmenden der Umfrage, unabhängig von ihrer Haltung dem Lehramtsstudium gegenüber, bewer ten den Beamtenstatus und die damit verbundene Unkündbarkeit, aber
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Schule & Beruf
Tabelle 2
amtstudium entscheiden, wollen fast ausschließlich an Gymnasien und Grundschulen tätig sein (vgl. Tab. 4). »Lehrer wird nicht, wer die eigene Schulzeit negativ erlebt.« Dollase fasst die Ergebnisse prägnant so zusammen: »Lehrer wird nicht, wer die eigene Schulzeit negativ erlebt.« Da der öffentliche Dienst und die Privat wirtschaft durch demografischen Wan del in zunehmendem Maße in Konkur renz um die ‘besten Köpfe’ treten wer den, sind gute Arbeitsbedingungen ne ben dem Beamtenstatus und der Be soldung das beste Argument für den Lehrberuf. Dazu gehört die Umsetzung der Forderungen, die der Philologen verband schon seit Jahren erhebt: ■ Kleinere Klassen ■ Mehr Anrechnungsstunden, besonders für Korrekturen ■ Reduzierung des Deputats auf 23 Wochenstunden ■ Für zusätzlichen Aufgaben mehr Ressourcen in das System bringen u.v.a. Die nun jedoch von der Ständigen Wis senschaftlichen Kommission der Kul tusministerkonferenz (KMK) empfoh lenen Maßnahmen zur (kurzfristigen) Sicherung der Versorgung mit Lehr kräften wie etwa Deputatserhöhungen als sogenannte ‘Vorgriffsstunden’ oder Reduzierung der Teilzeitmöglichkeiten dürften vermutlich wenig attraktiv auf den oben genannten Personenkreis wirken. Bekanntlich ist aus den ‘Vor Vorschläge der SWK der KMK kontraproduktiv für Nachwuchsgewinnung
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werde nicht studieren
11
ich will Lehramt studieren ich will ein anderes Fach studieren nicht sicher, was ich studieren möchte
46
28
5
Frage übergangen
0 5 10 152025 3035404550
Quelle: https://bildung-nrw-da-geht-doch-mehr.info/wp-content/uploads/ 2022/05/Dollase-Untersuchung-Lehrermangel-2022.pdf
Tabelle 3
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strikte Ablehnung Lehramt
41
Lehramt nicht gut – im Notfall ja
anderer Beruf besser – Lehramt möglich Lehramt bester Beruf – Notfall polyvalent unbedingt Lehramt
26
10
4
0 5 10 152025 30354045
Prozent
Tabelle 4
Realschule
4
0
Hauptschule
58
Gymnasium
36
Grundschule Gesamtschule (Sekundarschule, Primusschule)
0
2
Förderschule
0 10 20 3040 50 60 70
Prozent am liebsten arbeiten
griffsstunden’, die zwischen 1998 und 2004 in Nordrhein-Westfalen an Gym nasien und Gesamtschulen geleistet
werden mussten, die letzte Deputatser höhung von 23,5 auf 25,5 Wochen stunden für Lehrkräfte erwachsen.
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Schule & Beruf
Bilder von Bildung Der Bildungsbegriff unterliegt stetiger Veränderung, vor allem im Zeitalter digitalen Wandels. Worauf kommt es an bei der Erziehung Jugendlicher heutzutage? Wel che Transformationen vollziehen sich in der Pädagogik angesichts des gesellschaftlichen Diskurses? Über diese grundlegenden Fragen interviewte Redaktionsmitglied Meik Bruns, Regionalbeisitzer Westfalen im Landesvor stand, Professor Dr. Jochen Krautz (Bild), Lehrstuhlin haber für Kunstpädagogik an der Universität Wuppertal.
Wie ist es um die schulische Bildung und das pädagogische Denken bestellt, Herr Prof. Krautz? PROF. JOCHEN KRAUTZ: Allseits wird beklagt, dass es um die schuli sche Bildung nicht zum Besten steht. Aber: Dass dies in einem en gen Zusammenhang zur Verunkla rung des pädagogischen und didak tischen Denkens steht, ist kaum im Bewusstsein. Am Beispiel: Wer ei nerseits mangelndes Können und Wissen beklagt, kann nicht anderer seits auf vermeintlich ‘innovative‘ Arbeitsformen wie das selbstgesteu erte Lernen in all seinen Spielarten setzen. Zeitgenössische Pädagogik und Bildungstradition korrespondieren oftmals nicht mehr miteinander, so konstatieren Sie. Sie fordern eine ‘Wiederbesinnung auf grund legende Prinzipien’ hierbei. Was bedeutet dies konkret? KRAUTZ: Tradition muss ihre Rele vanz für die Gegenwart ja immer neu zeigen. Dazu muss man sie aber aktiv befragen und nicht einfach verges
sen. Am obigen Beispiel: Dass das sogenannte selbstgesteuerte Lernen nicht funktionieren kann, hat einen anthropologischen Grund: Seit der frühesten Menschheitsentwicklung wird die Weitergabe und Innovie rung von Wissen und Können durch Zeigen und Nachahmen ermöglicht. Kulturelle Errungenschaften wie Schrift, mathematisches Denken, sprachliche Ausdrucks- und künstle rische Darstellungsformen kann man nicht ‘selbst entdecken’. Sie müssen strukturiert gezeigt, verstanden und geübt werden. Mit diesem Können kann man dann selbst etwas ma chen. Daraus kann sich Selbststän digkeit entwickeln. Somit verwech
selt man heute Ziel und Weg. Warum halten wir es aber für ‘modern‘, gegen die menschliche Natur zu unterrichten? Verlangen wir Kindern und Jugendlichen heutzutage im schulischen Kontext zu viel ab? KRAUTZ: Ja und nein. Zu viel an kleinteiligen Kompetenzen und de ren Überprüfung. Zu wenig an Bil dungsangeboten mit Herausforde rungen und Sinn. Zu viel Fokussie rung auf Noten bei Kindern, Lehr kräften und Eltern. Zugleich bei allen zu wenig Nachdruck auf reales Wis sen und Können, sachliche Urteilsfä higkeit und damit einhergehende >
Seit der frühesten Menschheitsentwick lung wird die Weiter gabe und Innovierung von Wissen und Kön
nen durch Zeigen und Nachahmen ermöglicht.
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zung und konstruktiven Könnens- und Wissenserwerbs. Ob und wie dazu digitale Medien nötig sind, ist eine ganz andere Frage. Hier muss man fachdidaktische, lern- und ent wicklungspsychologische sowie me dienpädagogische Aspekte sorgfäl tig abwägen. Womöglich verzichtet man gerade in frühen Jahrgangsstu fen auf digitale Medien, um über haupt die kognitiven, seelischen und motorischen Voraussetzungen bei den Kindern zu schaffen, damit sie mit digitalen Medien einmal halbwegs mündig umgehen kön nen. Das aber müssen Lehrpersonen abwägen, entscheiden und umset zen. Schnee von gestern? Anstrengung, Forderungen, Leistung müssen sich lohnen! KRAUTZ: Hm, schwierig: Was soll der ‘Lohn‘ von ‘Leistung’ sein? Gute Noten? Ein Ausbildungsplatz? Ho wissermaßen ‘outgesourct‘. Emanzipatorische Pädago gik versteht solche Schwie rigkeiten gerade nicht als Schicksal oder gar als ‘Krank heit‘, sondern als in Erziehung und Entwicklung entstandene Probleme, die sich psychologisch verstehen und pädagogisch bear beiten lassen. Wir haben keine Probleme, Kin dern mit speziellen Schwierigkei ten von Ärzten und Psychiatern ICD-10-basierte Labels verpassen zu lassen – von ADHS bis Dyskal kulie. Die Bewältigung pädagogi scher Probleme – jemand ist unru hig und nervös, hat Lernprobleme, ist sozial auffällig usw. – wird ge
Verantwortung. Also insgesamt zu viel Orientierung an Äußerlichkeiten und zu wenig an innerer Persönlich keitsbildung, die den Kindern und Jugendlichen ja sehr viel abverlan gen würde.
»Ich liebe mein Fach« versus »Ich unterrichte Kinder!« – ein Widerspruch?
KRAUTZ: Nein. Ohne eine grund sätzlich positiv zugewandte Haltung zu und Freude an den Kindern und Jugendlichen ist alle Pädagogik sinnlos. Zugleich muss die Lehrper son aber auch einen fachlichen Weltzugang verkörpern. Ja, sie muss ihre Sache lieben. Sonst bleibt sie für die Lernenden wertlos. Beides ist al so untrennbar: Die Liebe zum Fach zeigt sich in der zugewandten Ver mittlung; pädagogische Liebe wird Gefühligkeit, wenn sie nicht auch ei ner Sache dient. Auf die Lehrerin oder den Lehrer kommt es an! Wann ist Pädagogik aus Ihrer Sicht ‘erfolgreich’ in Zeiten zunehmender Digitali- sierung? KRAUTZ: Diese zentrale Einsicht der genannten Tradition geistert zwar durch den pädagogischen Blät ter- und Twitterwald, gern auch mit Bezug auf Hattie. Sobald es um Digi talisierung geht, scheint aber alles vergessen. Digitalisierung kann und muss Ge genstand von Unterricht sein, also Thema kritischer Auseinanderset
hes Einkommen? Das wäre wieder Output-Logik oder schlechte Moti vationspsychologie. Eher gilt: Anfor
INFO
Das aktuelle Werk von Prof. Jochen Krautz ‘Bilder von Bildung. Für eine Renaissance der Schule’ ist erhältlich im Claudius Verlag, München
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derungen zu stellen und Anstren gung zu verlangen sind pädagogisch unabdingbar, um junge Menschen zu selbstständigen und urteilsfähi gen Zeitgenossen zu bilden. An Herausforderungen zu wachsen und Krisen zu bewältigen, ist Persönlich keitsbildung. Das wäre ein lohnender Lohn. Sie schreiben über ‘verhängnis- vollen Biologismus’. Was verstehen Sie darunter? KRAUTZ: Wir bemühen uns einer seits zurecht um eine diskriminie rungssensible und -kritische Sicht weise. Andererseits haben wir keine Probleme, Kindern mit speziellen Schwierigkeiten von Ärzten und Psychiatern ICD-10-basierte Labels verpassen zu lassen – von ADHS bis Dyskalkulie. Die Bewältigung päda gogischer Probleme – jemand ist un ruhig und nervös, hat Lernprobleme, ist sozial auffällig usw. – wird gewis sermaßen ‘outgesourct‘ und einer therapeutischen oder medikamen tösen Behandlung zugeführt. Eman zipatorische Pädagogik versteht sol che Schwierigkeiten gerade nicht als Schicksal oder gar als ‘Krankheit‘, sondern als in Erziehung und Ent wicklung entstandene Probleme, die sich psychologisch verstehen und pädagogisch bearbeiten lassen. Die Überbetonung biologischer Mecha nismen und die Entpädagogisierung der Schule halte ich für eine letztlich reaktionäre Wendung. Wir müssen dringend die Möglichkeiten einer tiefenpsychologisch verstehenden
und helfenden Pädagogik wiederent decken.
Alle Wege führen nach Pisa … KRAUTZ: Mich wundert, dass die Stadt Pisa nicht längst das PISA-Kon sortium wegen Image-Schädigung verklagt hat … Aber Spaß beiseite: PISA hat die Bildungskatastrophe nicht festgestellt, sondern selbst mit verursacht. Die Krise des pädagogi schen Denkens beruht ganz wesent lich auf der seit PISA herrschende Output-Logik und der entsprechen den Orientierung der Bildungswissen schaft: Was sich nicht messen lässt – und das sind in der Pädagogik die größten und wichtigsten Teile – exis tiert schlicht nicht. Meine Argumenta tion hier gilt als ‘nicht evidenzbasiert‘, daher als gegenstandlos. Noch nie hat aber ein empirischer Bildungsforscher vorgemacht, wie Unterricht denn bes ser gehen soll. Wir müssen also raus aus PISA und weg von der ‘evidenzba sierten‘ Bildungspolitik, wenn wir vorwärts kommen wollen. Warum ‘Bilder von Bildung’? KRAUTZ: Weil diese Zusammenhän ge so fern von der schulischen Reali tät erscheinen. Bilder helfen, nicht nur mit dem Verstand einzusehen, son dern auch ästhetisch zu erleben, wo rum es in der Schule eigentlich geht. Weil Unterrichten und Erziehen ei gentlich schöne Aufgaben sind, sind wir doch alle mal Lehrerin oder Lehrer geworden. Diesen inneren Kern möchte ich auch bildhaft stärken.
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Schule & Beruf
Sackgasse Laufbahnwechsel: Über die Ungleichbehandlung von Sek-II- Lehrkräften an Gesamt- und Sekundarschulen In einem Gastbeitrag beschreibt Nadine Kohnen, wie sie in ihrer Karriereplanung ausgebremst wurde. Sie hat ein Netzwerk gegründet, um gegen die aus ihrer Sicht unfaire Behandlung vorzugehen. So wie ihr gehe es rund 1400 Lehrerinnen und Lehrern in Nordrhein-Westfalen.
Als ich vor rund zehn Jahren mein Referendariat an einem Bochumer Gymnasium beendet hatte, hätte ich mir nicht träumen lassen, dass ich in einer beruflichen Sackgasse enden würde. Nach neun befristeten Verträ gen an einer Wittener Gesamtschule wurde mir als Sek-II-Lehrkraft eine Sek-I-Stelle angeboten. Zu dieser Zeit ließ ich mich von der für die Schule zuständigen Personalrätin beraten, die mir eindringlich riet, diese Stelle anzunehmen, da ein Laufbahnwech sel (LBW) ohne Probleme möglich sei. Damals waren auch sehr viele LBW-Stellen im Onlineportal OLIVER ausgeschrieben und mein damaliger Schulleiter versprach mir, innerhalb von drei Jahren eine solche Stelle für mich auszuschreiben. Mit dieser Perspektive nahm ich dann die Stelle an.
gen, statt für LBW-Stellen zu verwen den. Laut LBW-Erlass trifft die Schul leitung die Entscheidung, ob eine zu gewiesene A 13Z-Stelle für eine Neu einstellung oder für einen LBW aus geschrieben wird. Da die Dezernate aber die Schulleitungen in der Regel unter Druck setzen, sich im Sinne der Unterrichtsversorgung zu entschei den, kommt es dazu, dass Ausschrei bungen für LBW-Stellen die absolute Ausnahme darstellen. Haben Schul leitungen da überhaupt eine Wahl, wenn das Dezernat über das Druck mittel der Stellenzuweisung verfügt?
Nach mehreren Gesprächen mit der Schulleitung wurde klar, dass mein Schulleiter keine LBW-Stelle für mich ausschreiben würde. Auch über OLIVER wurden kaum noch LBW Stellen zur Verfügung gestellt. Trotz gleicher Ausbildung und umfangrei chen Einsatzes in der Oberstufe ver dienen diese Kolleginnen und Kolle gen im Monat über vierhundert Euro weniger als Lehrkräfte der Laufbahn gruppe 2.2. Besonders dramatisch stellt sich die Situation für tarifbe schäftigte Sek-II-Lehrkräfte dar, da diese nur nach EG 11 bezahlt werden,
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Das Netzwerk Laufbahnwechsel hat sich zur Aufgabe gemacht,
gegen die aus ihrer Sicht unfaire Behandlung von Sek-II-Lehrkräften anzugehen.
Unterrichtsversorgung versus Laufbahnwechsel
Nach mehreren Monaten ordnete das Dezernat hingegen an, mit Blick auf die Unterrichtsversorgung, zugewie sene A 13Z-Stellen für Neueinstellun
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Schule & Beruf
Sek-II-Lehrkräfte mit einer Sek-I-Stelle haben stark eingeschränkte Karriere möglichkeiten. Sie können sich nicht auf Oberstudienrats-, Oberstufenlei tungs- oder Fachleitungsstellen bewer ben. Viele Lehrkräfte, die sich in diesem Dilemma befinden, denken nicht selten an die Aufgabe ihres Berufs.
was etwa achthundert Euro weniger Gehalt im Monat bedeutet. Immer häufiger bewerben sich diese Lehr kräfte auf ein erstes Beförderungs amt (A 13) mit einer meist umfangrei chen Zusatztätigkeit, um nur annä hernd das Geld zu verdienen, das sie in der richtigen Laufbahn bekämen. Sek-II-Lehrkräfte mit einer Sek-I Stelle haben stark eingeschränkte Karrieremöglichkeiten. Sie können sich nicht auf Oberstudienrats-, Oberstufenleitungs- oder Fachlei tungsstellen bewerben. Wenn man bedenkt, dass A 14-Stellen der Lauf bahn 2.2 an Gesamt- und Sekundar schulen aufgrund von Bewerber mangel zuweilen nicht besetzt wer den können, so ist die Sachlage ein fach nur grotesk. Viele Lehrkräfte, die sich in diesem Dilemma befin den, denken nicht selten an die Auf gabe ihres Berufs. Die mangelnde Wertschätzung hat auch schon zu einer Abwanderung von Lehrkräften in andere Branchen geführt. Kegelstellen in der Bezirksregierung Köln Einen Sonderfall stellte die Bezirks regierung Köln dar, die bis vor etwa einem Jahr sogenannte Kegelstellen anbot. Als Lehrkraft mit der Sek-II Fakultas hatte man demzufolge das Recht, sich auf eine A 14-Stelle der Laufbahn 2.2 zu bewerben und da durch den LBW zu vollziehen. Doch vor einem Jahr wurden die Kegel stellen plötzlich kommentarlos ab geschafft. Die betroffenen Lehrkräf te sind angesichts dieser eklatanten
Einschränkung der Karrieremöglich keiten verständlicherweise fas sungslos und erbost. Wieso werden die Beförderungsstellen des höhe ren Dienstes nicht für alle Lehrkräfte mit Sek-II-Fakultas geöffnet? Das wäre angesichts gleicher Qualifikati on und Tätigkeit nur gerecht. Meist wird das Argument angeführt, man habe sich bewusst für die Sek-I Stelle entschieden. Da die Voraus setzungen damals aber völlig andere waren (es gab beispielsweise deut lich mehr LBW- und Kegelstellen im RB Köln), so ist dieses Argument hinfällig. Hätte man uns damals ge sagt, dass wir die gleiche Arbeit wie unsere A 13Z-Kollegen auf Dauer für weniger Geld und mit eingeschränk ten Karrieremöglichkeiten leisten werden, dann hätten wir diese Stelle ganz bestimmt nicht angenommen! Im Oktober 2021 schrieb ich alle 430 Gesamt- und Sekundarschulen in Nordrhein-Westfalen mit der Bitte an, Sek-II-Lehrkräfte mit einer Sek-I Stelle (so genannte ‘Laufbahn wechsler’) auf uns aufmerksam zu machen. Das war die Geburtsstunde unserer Interessenvertretung, die wir ‘Netzwerk Laufbahnwechsel’ nen nen. Mittlerweile haben sich uns in Nordrhein-Westfalen mehr als 120 Laufbahnwechsler angeschlossen. Da wir aber auch wissen wollten, wie viele Sek-II-Lehrkräfte sich in dieser misslichen Lage befinden, hat ein Mitglied unseres Netzwerkes im Jahr 2021/22 zwei Landtagsanfragen (6257 und 6493) in die Wege ge
Steckbrief Nadine Kohnen ■ 1981 geboren und
INFO
aufgewachsen in Bochum ■ Studium der Fächer Erdkunde und Pädagogik (M.Ed) an der Ruhr-Universität Bochum ■ 2012-2013 Referendariat am Goethe-Gymnasium in Bochum ■ 2016 Annahme einer SI-Stelle
an der Hardenstein- Gesamtschule Witten
■ seit 2021 A13-Beförderungsstelle an der Erich-Fried-Gesamtschule Herne Kontaktaufnahme möglich unter www.laufbahnwechsel.de
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