Profil 12/2025

PROFIL // Essay

tischen Dienst angesehenen Grafen Barby entschieden. Diese erscheint in Begleitung ihrer älteren Schwester, eben der erwähnten Grä fi n Melusine, auf dem Landgut und gewinnt die Sympathie und die Aufmerksamkeit des alten Majors und seines Freundes Pastor Lorenzen. Me lusine ihrerseits bringt, wenngleich eine urbane Persön lichkeit (Sie hat viele Jahre ihres Lebens in London ver bracht), ein au ff allendes Interesse am Dorf Stechlin, an dem gleichnamigen See und an Dubslav und Lorenzen mit. Intensive und faszinierende Gespräche voller Zeit bezüge, belebt durch den Charme und die Persönlich keit Melusines bestimmen die Handlung. Hauptthema sind Preußen und sein Adel. Man ist sich einig: So wie sich Staat und Landadel am Ende des 19. Jahrhunderts präsentieren, kommt ihnen keine Existenzberechtigung im 20. Jahrhundert mehr zu. Die Tugenden des alten Preußens, personi fi ziert durch den Soldatenkönig (ech tes Ehrgefühl, P fl ichtgefühl, Verantwortung) verdienen es aber, gep fl egt und tradiert zu werden. Man erkennt die poetische Qualität dieses Romans, wenn man den See Stechlin als symbolhaft für die Bot schaft dieser Einschätzung, die natürlich auch die des Autors Theodor Fontanes ist, ansieht. Es geht um eine „abendlich beglänzte Epoche“ und um eine Gesell schaft, die – so Fontane – aber bald anderen Lebens- und Gesellschaftsformen weichen muss. Diesen Pro zess aber revolutionär zu beschleunigen, tri ff t ebenso auf die Ablehnung des Dichters wie ein starres Festhal ten an Konventionen, Werten und Ritualen, wie sie sich unmittelbar vor der Jahrhundertwende überlebt haben. Hier ein kurzer Hinweis auf die starke Symbolik des Romans: Bei einem winterlichen Spaziergang lehnt sich die von der ländlichen Stechliner Umgebung sichtlich bewegte Melusine dagegen auf, das Eis des Sees auf zuschlagen. Von dem See gehe eine mystische Wirkung aus, heißt es im Roman, und im Falle einer spektakulä ren Veränderung irgendwo auf der Welt steige ein roter Hahn über dem See auf, … so geht die Sage. Vorgänge dieser Art will Melusine nicht verhindern, aber auch nicht unnatürlich beschleunigen. Ihre gesellschaftliche Position artikuliert sie gegenüber dem geistes- und seelenverwandten Pastor Lorenzen, wenn sie sagt: „Ich respektiere das Gegebene. Daneben aber freilich auch das Werdende, denn eben dies Werdende wird über kurz oder lang abermals ein Gegebenes sein. Alles Alte, soweit es Anspruch darauf hat, sollen wir lieben, aber für das Neue sollen wir recht eigentlich leben … Sich abschließen heißt sich einmauern, und sich Ein mauern ist Tod …“

PROFIL // 12/2025 Jenny Treibel hat die gesellschaftlichen Anforderungen und Rituale geradezu verinnerlicht und zeigt noch weni ger Veränderungsbereitschaft als die Adelsvertreterin nen und -vertreter. E ffi Briest darf aber auch nicht zur emanzipatorischen Freiheitskämpferin hochstilisiert werden, nimmt sie doch im ersten Teil der Handlung die gesellschaftlichen Privilegien ihrer Ehe mit Innstetten freudig an und gelangt erst – in bitterer, nicht unver-  37 Melusine ist dabei keine literarische Figur, die ohne Weiteres einem Milieu zuzuordnen ist. Darum geht es dem alten Fontane jetzt auch nicht mehr. Für eine Repräsentantin des preußischen Adels ist sie zu unab hängig, zu welto ff en und zu unkonventionell. Fontane spricht ihr eine andere Rolle zu: Melusine formuliert durch Haltung, Interesse und Gesprächsbeiträge das letzte große Anliegen des Dichters: die Versöhnung der Gegensätze, des Alten und Neuen. Auf die Darstellung des Kon fl ikts von Individuum und Gesellschaft, bei dem stets die Gesellschaft den Sieg davonträgt, darauf be schränkt sich der Autor am Ende seines Lebens nicht mehr, auch um die Entlarvung des falschen Scheins am Beispiel des kapitalen Großbürgertums geht es ihm nicht länger, nein, … unter Verwendung von Symbolen und Metaphern und eines für ihn so typischen Andeu tungsstils ist „Der Stechlin“ so etwas wie Fontanes Ver mächtnis, und der fast ein wenig exotisch daherkom menden Melusine kommt dabei die Aufgabe zu, Fonta nes Botschaft zu transportieren und das Stechlin-Sym bol zu deuten. – Wird der Titel „Zwischen Anpassung und Aufbruch“ den fünf Frauengestalten in Fontanes Erzählwerk über haupt gerecht? Eindeutig kann die Antwort nicht ausfallen. Es über wiegt in allen fünf Fällen, so unterschiedlich nach Cha rakter und Herkunft die weiblichen Charaktere auch sein mögen, doch letztlich die Anpassung an die realen gesellschaftlichen Verhältnisse, unter denen die Frauen leben und denen sie am Ende nicht entgehen können. Ja, man darf sogar noch weitergehen und behaupten, dass sie diesen angesichts der sonst zu erwartenden Konsequenzen auch gar nicht entgehen wollen! Lene Nimptsch fügt sich in das Unvermeidliche, die Tren nung vom geliebten Botho, Pauline Pittelkow emp fi n det kaum mehr als Verachtung für die Hybris ihrer ade ligen Freunde, von denen sie abhängig ist, doch auch hier siegt die realistische Einschätzung in die gesell schaftliche Gegebenheit, wenn Pauline die Schwester von der schier aussichtslosen Bindung an Woldemar von Haldern abhält.

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