Profil 12/2025
PROFIL // Essay
PROFIL
schuldeter Not – zu einer fl ammenden Verurteilung der sie als Individuum zerstörenden Gesellschaftsmacht. Anders Grä fi n Melusine: Sie sieht die Notwendigkeit einer gesellschaftlichen Veränderung durchaus, und deutlicher und klarer als die vier anderen weiblichen Figuren will sie den Übergang in eine neue – und man darf wohl vermuten – demokratische Zeit begleiten, aber nicht energisch vorantreiben. Diese Haltung kann am ehesten als Aufbruch im Sinne Fontanes angesehen werden. Zumindest wird man Melusine nicht gerecht, wenn man ihr unkritische Anpassung unterstellt. Die vier erstgenannten Frauengestalten mögen also für sich – und ohne gesellschaftliche Fragen übermäßig zu re fl ektieren – nicht für einen Aufbruch stehen (Jenny Treibel schon gar nicht …), ihre Lebenssituation aber legt für die Leserinnen und Leser fraglos die Notwen digkeit einer entscheidenden gesellschaftlichen Ver änderung nahe. Nur in diesem Sinne kann und darf man im Sinne Fontanes von Aufbruch sprechen. Inwieweit sind nun die vorgestellten weiblichen Ro man fi guren typisch bzw. repräsentativ für die preußi sche Gesellschaft der Gründerzeit? Die vier erstgenann ten und vorgestellten sind es in hohem Maße. Ganz be sonders gilt es für Pauline Pittelkow, die wie viele junge Berliner Kleinbürgerinnen notgedrungen ein Verhältnis mit einem wohlhabenden Adeligen einging. Der Typus der neureichen Bourgoise wird dagegen – nach realen Vorbildern – von Fontane überzeugend literarisch in Gestalt der Jenny verewigt. Einzig Melusine kann als ein Figur sui generis, also besonderer Art, gesehen werden. Sie entzieht sich der soziologischen Zuordnung, ja man darf sagen, sie ent zieht sich beinahe jeglicher Zuordnung und ist damit im Sinne des alten Fontane recht eigentlich frei. Zur letzten Frage: Sind Fontanes weibliche Haupt fi gu ren richtungweisend für die demokratische Entwick lung im 20. Jahrhundert oder für die Frauenbewegung? Hier dürfen wir die Charaktere nicht überbewerten, doch darf man die These vertreten, dass die Kon fl ikte, die Nöte und die Lebensbedingungen eben dieser Frauen durchaus zu einem Bewusstseinsprozess ge führt haben. Mehr können und wollen wir in Fontane nicht hineininterpretieren. Halten wir uns lieber an sei nen eigenen Anspruch: Er will Missstände aufzeigen, Kon fl ikte glaubhaft machen, die Verhältnisse „darstel len, so wie sie sind“. Der ideologisch erhobene Zeige- fi nger war seine Sache nicht. Thomas Mann aber dür fen wir gern zustimmen, wenn er dem alten Fontane eine „tapfere Modernität“ bescheinigte.
Ägypten:
Meine Pilgerreise der Gegensätze von Constantin Schreiber
eine Buchrezension von Rolf Knieling A ls der aktuelle Auslandsschul referent des DPhV vor über 35 Jahren als noch abiturunerfahre ner Studienrat sein erstes Protokoll einer Hochschulreifeprüfung an der Deutschen Evangelischen Oberschule
Kairo unter dem Vorsitz des damaligen Prüfungsbeauf tragten der KMK verfasste, konnte man noch von Tel Aviv über Jerusalem und den Gaza Streifen nach Kairo und zurück mit dem Bus fahren. Man konnte zu Ostern mal schnell von Kairo nach Damas kus fl iegen, dort im Ba zaar Teppiche und wun
derschöne Seidensto ff e (Damast!) erstehen und in den Herbstferien in der Oase El Arisch am Mittelmeer un mittelbar westlich des Gaza-Streifens schwimmen gehen. Jassir Arafat, Jitz chak Rabin und Shimon Peres erhiel ten 1994 gemeinsam den Friedens nobelpreis für ihre Bemühungen um den israelisch-palästinensischen Friedensprozess und ihre Arbeit zur Scha ff ung autonomer palästinensi scher Gebiete ausgezeichnet. Die Aus zeichnung war umstritten, da einige Arafat als unwürdigen Preisträger ansahen. Jitzchak Rabin wurde später von einem jüdischen Extremisten ermordet. Constantin Schreiber ver
Foto: HOFFMANN UND CAMPE VERLAG
38 PROFIL // 12/2025
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