Profil 12/2025
PROFIL // Essay
te. Briest re fl ektiert die Entwicklung, die die Ehe seiner Tochter nimmt, aufmerksam, kommentiert sie gele gentlich, ohne die Vorgänge allerdings theoretisch so auf den Punkt zu bringen, wie Innstetten und Wüllers dorf es tun. Seine wiederholt vorgebrachte kommentie rende Bemerkung lautet nur: „Luise, das ist ein weites Feld“, wobei Fontane den Roman mit Briests Variante enden lässt: „Ach, Luise, lass …das ist ein zu weites Feld.“ Doch wenden wir den Blick zurück auf die Haupt fi gur E ffi selbst. Wie keine andere literarische Figur Fontanes ist sie Identi fi kations fi gur für Leserinnen und Leser. Die emotionale Anteilnahme an ihrem Unglück (Von Schick sal sollte hier nicht gesprochen werden), dürfte 1895 und in den folgenden Jahren des Kaiserreichs in vielen Fällen für eine klare Anti-Haltung gegenüber dem ana chronistischen, menschliches Glück zerstörenden Eh renkult, wie er besonders in Preußen ausgeprägt war, sorgen. Brie fl iche Reaktionen, die der alte Fontane erhielt, beweisen dies durchaus. Dennoch: Die literari sche Figur E ffi darf nicht darauf reduziert werden, nur auslösende Kraft für eine – berechtigte – gesellschaftli che Protestbewegung zu sein. Einige Facetten der Per sönlichkeit E ffi s sprechen dagegen. Zum Einen ist sie selbst keineswegs ohne gesellschaftlichen Ehrgeiz und willigt in die so früh zu schließende Ehe ein, ohne sich überhaupt darüber klar zu werden, ob sie den Verlob ten liebt. Der Glanz, Ehefrau eines arrivierten Entscheidungsträ gers und angesehenen Barons zu sein, betört sie an fänglich durchaus und macht sie gänzlich ungeeignet für die Rolle der Vorkämpferin einer Gesellschaft ohne Standesunterschiede. Die Normen der Gesellschaft, die sie schließlich zugrunde gehen lässt, übernimmt sie ebenfalls anfänglich fraglos – zwei Feststellungen, die keineswegs im Widerspruch zu meiner Einschätzung stehen, wonach E ffi Briest zu den großartigsten literari schen Frauen fi guren der deutschen Literatur zählt. Man sollte sein Augenmerk auf die letzte der fünf von mir vorgestellten Frauen fi guren Fontanes lenken. Die Grä fi n Melusine Ghiberti ist keine proletarische Vertre terin des Berliner Kleinbürgertums mit der sprichwörtli chen Kodderschnauze, sie ist auch keine verliebte, an den Standesunterschieden verzweifelnde junge Frau, noch weniger ist sie eine neureiche Bourgeoise oder eine angesehene Gattin, die aus fehlender Geborgen heit heraus Ehebruch begeht. Nein, Melusine kann man als literarische Figur nur begreifen, wenn man die Aussage des großen fontaneschen Altersroman „Der
Stechlin“ verstanden hat. Der Roman zeigt drei Beson derheiten auf: 1. ist er der längste der Fontaneschen Romane, 2. ist er der handlungsärmste und 3. ist er der Roman, mit dem Theodor Fontane am Ende seines Lebens 1898 den bürgerlichen Realis mus überwindet und hinausblickt in das 20. Jahrhun dert, in eine Zeit, die er selbst nicht mehr miterleben darf. Noch vor der Verö ff entlichung des großen und schönen Romans stirbt der Autor. Worum geht es im „Stechlin“? Der Erzähler selbst ist es, der die spärliche erzählerische Handlung knapp und halb ironisch zusammenfasst: „Zum Schluss stirbt ein Alter, und zwei Junge heiraten sich. Das ist so ziemlich alles, was auf 500 Seiten geschieht. Von Verwicklungen und Lösungen, von Herzenskon fl ikten oder Kon fl ikten überhaupt, von Spannungen und Überraschungen fi ndet sich nichts. Einerseits auf einem altmodischen märkischen Gut, andererseits in einem neumodischen grä fl ichen Hause (Berlin) tre ff en sich verschiedene Personen und sprechen da Gott und die Welt durch …“ Selten hat ein deutscher Schriftsteller sein eigenes Werk so charakterisiert und so trivialisiert! Die Bedeu tung des großen Altersromans kann man erst ermes sen, wenn man sich selbst die Mühe der Lektüre macht und / oder die Einschätzung der Fontane-Forschung kennen lernt. Sie sieht den Roman neben „E ffi Briest“ als die größte Leistung des Berliner Autors an. Der Ro man kann auch dadurch aufgewertet werden, dass eine äußerst gelungene Fernsehver fi lmung des „Stech lin“ entstanden ist: 1975, als ARD und ZDF noch Gebüh rengelder dafür verwendeten, literarische Werke aus Sturm und Drang, Klassik, Romantik, Realismus, Natu ralismus und Romane von Thomas Mann zu zum Teil mehrteiligen Fernseh fi lmen umzugestalten, machte sich der Norddeutsche Rundfunk die Mühe, Fontanes „Stechlin“ als Dreiteiler zu ver fi lmen. Die lohnenswerte Inszenierung besticht besonders durch die schauspie lerischen Leistungen von Arno Assmann als Dubslav von Stechlin und der großartigen Franziska Bronnen als Grä fi n Melusine. Ein paar ergänzende Bemerkungen zur Handlung: Der ältere verwitwete Major a. D. Dubslav von Stechlin, lebt allein mit seinem Diener und wenig Personal auf seinem Gut im Brandenburgischen und freut sich über die gele gentlichen Besuche seines Sohnes Woldemar, der ihm eines Tages ankündigt, er wolle heiraten und habe sich für die jüngere Tochter des welterfahrenen im diploma-
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