Profil 12/2025

PROFIL // Essay

Zwischen Anpassung und Aufbruch:

Die Frauen fi guren in Theodor Fontanes Erzählungen und Romanen

2. und letzter Teil des Essays

Theodor Fontane, Gemälde von Carl Breitbach

von Walter Tetzlo ff I n dem vier Jahre später verö ff entlichten Roman „Frau Jenny Treibel“ nimmt der Autor erstmalig nicht Adel und Militär aufs Korn, sondern das in der Gründer zeit entstandene kapitale Großbürgertum und – etwas vereinfacht formuliert – den Typus des neureichen Selbstständigen. Bald wird den Leserinnen und Lesern klar, dass der Dichter diesem Typus mehr Verachtung entgegenbringt als den Adelsvertretern, bei denen er „entzückende Einzelexemplare“ ausmacht (so den char manten Baron von Rienäcker oder den guten alten Dubslav von Stechlin in Fontanes gleichnamigem Al tersroman), auf den ich noch zu sprechen komme, deren Standesgebundenheit und deren Unterwerfung unter hohl gewordene, sinnentleerte und dünkelhafte Normen er aber heftig kritisiert (in seiner Korrespon denz übrigens weit schärfer als in seiner Prosa).

Das Musterbeispiel einer Bourgeoise ist Jenny Treibel, die Ehefrau eines wohlhabenden Berliner Farbrikanten, die durch Eheschließung zu einem Wohlstand gekom men ist, den sie sich als kleinbürgerliche Jenny Bürsten binder und Tochter eines einfachen Apfelsinenhändlers sicherlich nicht hätte vorstellen können. So einen Sta tus gibt man so schnell nicht auf, eher legt man es da rauf an, das eigene Vermögen durch eine geschickte Verheiratung der beiden nicht eben dynamischen und eigenständigen Söhne noch zu vergrößern. Eine so ori entierte neureiche Großbürgerin, die sich gesellschaftli che Gep fl ogenheiten und Sinn für Repräsentation durchaus bis zur Perfektion angeeignet hat, – sie böte für sich immer noch keinen hinreichenden Sto ff für einen ganzen Roman, wäre diese Jenny Treibel nicht auch ein Musterbeispiel der Selbsttäuschung.

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