Profil 12/2025

PROFIL // Essay

So redet sie sich und anderen permanent ein, sie sei ei gentlich unglücklich und führe ein entbehrungsreiches Leben. Grund für diese Selbsteinschätzung: Ihr angeb lich so poetisches Wesen fi nde in dem praktisch ver anlagten Gatten Kommerzienrat Treibel so gar keinen Gegenpart, ja, dieser sei zu prosaisch und tue ihrer nach Zuwendung und poetischer Schönheit dürstenden Seele nicht gut. Ein triviales Liedchen, das sie gern auf Feiern in ihrem Hause singt, gibt darüber Aufschluss und sagt viel über Jenny Treibel aus: „Glück, von allen deinen Losen Eines nur erwähl ich mir.

Und das zeigt sich im weiteren Verlauf der Handlung in einer Deutlichkeit, die die Lektüre dieses Romans wirk lich spannend macht: Während einer der Feiern im Hau se Treibel gelingt es der selbstbewussten Tochter des Witwers Schmidt, Corinna, über eine kokette Flirtattacke die Aufmerksamkeit des nicht gerade draufgängeri schen, eher sogar etwas tumpigen Treibelsohns Leopold zu erringen. Das Ergebnis ist eine etwas voreilige Ver lobung, bei der sich Corinna als treibende Kraft zeigt. Man kann sich vorstellen, dass dies zuviel für Leopolds Mutter, den Emporkömmling, ist. Mit einer Härte, die nun in einem eklatanten Gegensatz zu ihrer vorgegebe nen Sentimentalität und ihren angeblich so unerfüllten Sehnsüchten steht, weiß sie die angebahnte Ehe zu ver hindern. Diesmal sind es aber nicht die Standesgegen sätze und die Unterwerfung unter einen damit zusam menhängenden Ehrenkult, sondern schlicht die unter schiedliche materielle Ausstattung der kurzzeitig Verlob ten. Und alle Beteiligten ordnen sich unter – ohne er kennbare Anzeichen von Liebeskummer. Professor Schmidt unterstützt seinen Ne ff en zweiten Grades, Marcell Wedderkopp, bei seinen Bemühungen um Corinna – mit Erfolg, wie sich bald erweist, Corinna und Leopold lassen bald voneinander ab, und der phlegmati sche Leopold tut das, was er immer getan hat, und ge horcht seiner Mutter. Die hat auch eine geeignete Braut für ihn, nämlich die Schwester ihrer ungeliebten, aber reichen Hamburger Schwiegertochter. Der Ausklang der Handlung geht einher mit dem Ausklang der Hochzeits feier Corinnas und Marcells, und alle scheinen zufrieden. Ist die so charakterisierte Jenny Treibel nun komplett zur Karikatur geraten, zu einer literarischen Figur, der allenfalls der ganze Spott des Autors gehört? Man könn te zu diesem Schluss kommen, wenn man zwei weitere Textstellen aus dem Roman hinzuzieht. Wieder ist es hier Gymnasialprofessor Schmidt, an den sich Jenny mit ihrem sentimentalen Rede fl uss wendet: „Und ein paar Gedichte waren an mich gerichtet, die hab ich mir aufgehoben bis an diesen Tag, und wenn mir schwer ums Herz ist, dann nehme ich das kleine Buch, das ursprünglich einen blauen Deckel hatte (Jetzt habe ich es in grünen Maroquin binden lassen …)“ Spricht diese letztere Bemerkung für sich, indem sie Jennys Fixierung auf Äußerlichkeiten unterstreicht und ihren angeblichen Sinn für Poesie fragwürdig werden lässt, so zeigt die jetzt folgende Textstelle ihr Standes bewusstsein und ihre damit verbundene radikale Ablehnung neuer gesellschaftlicher Entwicklungen in Richtung sozialer Gerechtigkeit. Sie klagt: 

Was soll Gold? Ich liebe Rosen und der Blumen schlichte Zier.“ „Geben nehmen, nehmen geben, Und dein Haar umspielt der Wind, Ach, nur das, nur das ist Leben, Wo sich Herz zum Herzen fi ndt’ “

Die Qualität dieses großen Fontane-Romans von 1892 ergibt sich aber noch nicht aus Jennys falschem Selbst bild, sondern aus ihrem Versuch, sich die in ihrem Leben unterrepräsentierte Poesie bei einem platonischen Verehrer zu besorgen, dem Gymnasiallehrer Professor Wilibald Schmidt. Der – immerhin dem Bildungsbürger tum zuzuordnende – akademisch gebildete Schmidt hat te vor langer Zeit schon ‘mal ein Auge auf Jenny gewor fen, die dann aber mit einer Mischung aus Ehrgeiz, Insze nierungsvermögen und Koketterie die Gunst (und den Ehering) des schon erwähnten Treibel erwarb. Bei Begeg nungen mit Schmidt kann Jenny gar nicht genug über prosaische Zeiten lamentieren und die Seelenverwandt schaft mit dem Jugendfreund betonen. „Das war noch anders, als wir jung waren. Da lebte man noch in Phan tasie und Dichtung.“ Mit einer gehörigen Prise Ironie stimmt Schmidt dieser Einschätzung zu – zuweilen beglei tet von einem nicht ganz ernst zu nehmenden Seufzen. Der Germanist Walter Müller-Seidel, wohl der größte Fontane-Kenner der alten Bundesrepublik, fasst Jennys Lebenslüge wie kein anderer zusammen, wenn er fest stellt, sie tue so, „… als sei sie schmerzvollerweise von diesem Glück ausgeschlossen, von dem das Gedicht handelt. Damit wird eine Verachtung der Realität – der am Gold hängenden Welt – vorgetäuscht, die nicht den Tatsachen entspricht, und die poetischen Dinge ent sprechen ihrerseits nicht den Tatsachen. Eine Unange messenheit von Geld und Kunst wird sichtbar, die uns den Zusammenhang von Sentimentalität und Bourgeoi sie in Erinnerung bringt.“

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