Profil 12/2025

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22 PROFIL // 12/2025 dungsidee, die er in die neukonzipier te Gesamtschule implantieren wollte. Als dies scheiterte, schrieb er verbit tert, das Humboldtsche Gymnasium habe Revolutionäre hervorgebracht, die fehlkonstruierte Gesamtschule werde Duckmäuser produzieren. schaftswunder, die Ö ff nung höherer Bildung für breite Volksschichten und die Erschließung von Bega bungsreserven sowie der Siegeszug der Mädchenbildung verbunden. Aufstieg durch Bildung,- heute ist das Gymnasium auch die große Chance für Integration und gesell schaftlichen Aufstieg für immer mehr Kinder und Jugendliche mit Mi grationshintergrund. Die Ausweitung der Gymnasialquoten sollte dabei nicht auf Kosten der Leistung gehen, was auch lange Zeit funktionierte. Der Bildungsforscher Olaf Köller hat bei der Auswertung von PISA-Ergeb nissen vor einigen Jahren in Bezug auf das Gymnasium festgestellt, dass „die Institution in ihrem Ein fl uss die Komposition übertri ff t.“ Übersetzt heißt das, so Köller, dass es etwas an der Schule- und Unter richtskultur des Gymnasiums geben muss, was andere Schulformen in dieser Art nicht haben, mit dem E ff ekt, dass am Gymnasium mehr gelernt wird. Nur wer Schülerinnen und Schülern viel zutraut und sie deshalb auch stark fordert, fördert sie und ihren Bildungsweg. Nicht zuletzt zielt gymnasiale Bil dung mit der Verleihung des Abiturs auf die Studierfähigkeit ab, und zwar wegen der im Vergleich zu anderen Ländern fehlenden Spezia lisierung in der Oberstufe auf die allgemeine Studierfähigkeit. Der große Pädagoge Heinz-Joachim Heydorn war vor sechs Jahrzehnten einer der aktivsten Verfechter der Gesamtschule, aber gleichzeitig ein großer Fan der gymnasialen Bil

Aus dem humanistischen Bildungs auftrag ergibt sich übrigens auch die Verp fl ichtung des Gymnasiums, der Werte- und Demokratieerziehung einen besonders hohen Stellenwert einzuräumen, was angesichts der zunehmenden Polarisierung der Gesellschaft unverzichtbar ist.

ist auch Gymnasium drin. In die sem Zusammenhang besorgen auch die steigenden Studien abbruchsquoten, die allerdings nur teilweise dem gymnasialen Abitur anzulasten sind.  Eine grundständige gymnasiale Lehrkräftebildung bildet das qua litative Rückgrat anspruchsvollen Gymnasialunterrichts. Vereinheit lichungen, Nivellierungen und Kürzungen im Bereich der gymna sialen Lehrkräftebildung höhlen den Qualitätsanspruch des Gym nasiums dauerhaft von innen aus.  Die unzureichende Nachquali fi zierung einer hohen Anzahl von Quereinsteigerinnen und Quer einsteigern mindert nach Fächern und Regionen unterschiedlich zusätzlich die Unterrichtsqualität.  In den letzten Jahren hat sich auch der Trend zur Gründung von elitären Privatgymnasien deutlich verstärkt, weil manchen Eltern die Unterrichtsangebote von staatlichen Gymnasien nicht mehr ausreichen.  Dazu kommt, dass es nach wie vor Landesregierungen gibt, die Gymnasien bei Unterrichtsversor gung und Klassenteilern schlech ter stellen als andere Schularten. Anders als noch vor einigen Jahr zehnten ist das Gymnasium heute weniger von außen als mehr von in nen bedroht. Das Gymnasium kann aber sein Aufstiegsversprechen nur einlösen, wenn dieses mit Qualität und Leistung hinterlegt wird und der humanistische Bildungsauftrag um fassend ernst genommen wird. Oder um abschließend nochmals Heinz-Joachim Heydorn zu zitieren: „Das Gymnasium täte gut daran, sich uneingeschränkt zu seinem Bildungsauftrag zu bekennen, es repräsentiert ein Stück bester deut scher Geschichte!“ 

Foto: Deutscher Lehrerverband

Heinz-Peter Meidinger, Ehrenvorsitzender des DPhV

Wenn man heute trotz dieser beein druckenden Erfolgsgeschichte mit einigen Sorgenfalten auf die Zukunft des Gymnasiums blicken muss, dann hat dies folgende Ursachen:  In einem gegliederten Schul- system ist jede Schulart nur so stark, wie das schwächste Glied des Bildungswesens. Die Ab scha ff ung der Hauptschule und die neue Zweigliedrigkeit haben in vielen Bundesländern nicht zu einer Stabilisierung der Schul struktur, sondern zu einem ver mehrten Zustrom nicht geeig neter Kinder an die Gymnasien geführt. Dass es auch anders geht, zeigen Bundesländer wie Bayern, die eine klare Pro fi lie rung aller Schularten mit eindeu tigen Eignungskriterien kennen.  Die Leistungsergebnisse der letz ten Bildungsstudien zeigen, dass das Gymnasium als bislang so zial heterogenste, aber leistungs mäßig homogenste Schulart in einigen Bundesländern von zu nehmenden Leistungsde fi ziten geprägt ist. Nicht mehr in jeder Schule, die Gymnasium heißt,

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