Das Gymnasium in Rheinland-Pfalz 2025-1A
Personalratswahlen 2025
Philologenverband oder GEW? von Jochen Ring D ie Personalratswahlen im Jahr 2025 sind bildungs- und berufspolitisch von höchster Relevanz, da mit ihnen ent schieden wird, welche Grundvorstellungen insbesondere
des längeren gemeinsamen Lernens gegenüber dem differenzier teren Schulsystem eindeutig dokumentieren, werden entweder ignoriert oder unsachlich im eigenen Sinne uminterpretiert. Andere Studien werden von vornherein wissenschaftlich äußerst fragwür dig angelegt, um die Öffentlichkeit zu täuschen. Reaktionäre Gymnasiallobby? Dabei ist die bundesweite Diskussion um die Umsetzung der Inklu sion, die immer wieder aufflammt, wenn zum Beispiel internatio nale Arbeitsgruppen über den Stand der Umsetzung der UN-Be hindertenrechtskonvention in den Staaten der Welt berichten, als Vehikel für die Propagierung der eigenen Vorstellungen sehr will kommen. Folgerichtig nimmt die Forderung nach Auflösung der international hochgeschätzten deutschen Förderschulen immer wieder breiten Raum in den Publikationen der GEW ein, und dies, obwohl auch die Eltern von Förderschulkindern betonen, wie zu frieden sie mit den betreffenden Bildungseinrichtungen sind. Dem entsprechend lautet die Kritik der GEW an der »Neue[n] Förder schulordnung und Schulordnung für den inklusiven Unterricht«: »Aus der nun vorliegenden Fassung der Förderschulordnung wird ersichtlich, dass auch weiterhin ein Nebeneinander eines voll aus gebauten Förderschulsystems und eine weiter steigende Zahl an Schwerpunktschulen vorgesehen sind. […] ,Inklusion braucht mu tige Schritte, auch im Hinblick auf eine echte Reform des Schul systems für längeres gemeinsames Lernen‘» (Stefan Jakobs, GEW-Zeitung Rheinland-Pfalz 07+08/2023). Im Gleichklang zeigt sich GEW-Autor Frieder Bechberger-Derscheidt darüber ent täuscht, dass sich die Hoffnung, »mit Hilfe der neuen Inklusions verordnung das bestehende separierende System überwinden zu können« (GEW-Zeitung Rheinland-Pfalz 09/2023, S. 4) nicht er füllt habe. An anderer Stelle beschimpft der genannte Autor die »reaktionäre[…] Gymnasiallobby, die Inklusion bis heute nicht als Menschenrechtsforderung achtet, sondern als Zumutung für ihre ausgelesene Schüler- und Elternschaft« (GEW-Zeitung Rhein land-Pfalz 05+06/2022, S. 15). Eine solche Aussage darf m. E. jede an einem Gymnasium unterrichtende Lehrkraft durchaus auch als Angriff auf die eigene mit Ethos und Leidenschaft ver richtete berufliche Tätigkeit werten. Darüber hinaus ist zu beden ken, dass das von der GEW kritisierte »Nebeneinander« für die El tern eine wichtige Entscheidungsfreiheit bedeutet. In eine ähnliche Richtung, in der die Grenzen zwischen Systemkri tik und Beleidigung von Lehrkräften aller Schularten verschwim men, zielt eine Invektive der regelmäßig in der GEW-Zeitung pu blizierenden Brigitte Schumann: »Für die Art, wie in Schulen gelernt wird, sind die selektiven Schulstrukturen besonders wir kungsmächtig und stellen den heimlichen Lehrplan dar […] Einge pauktes Wissen wird abgeprüft, benotet und schnell wieder ver gessen. Auch wichtige Inhalte werden allzu oft zu Prüfungsgegen-
auf Bezirks- und Hauptpersonalratsebene künftig vertreten werden. Bei Erörterungen, Anhörungen, Stellungnahmen und Mit bestimmungstatbeständen bilden diese grundsätzlichen Über zeugungen die Basis für die Haltung, die in BPR und HPR gegen über den sich in Planung befindlichen oder zur Entscheidung anstehenden ministeriellen Vorlagen eingenommen wird. Als pro minentes Beispiel wäre hier das von der Landesregierung forcierte Projekt der »Schule der Zukunft« zu nennen, das den Weg in die notenfreie Schule eröffnet, den Lehrer zum »Lernbegleiter« degradiert, das die Möglichkeit der Nichtversetzung abzuschaffen droht und mit seinem Sammelsurium von vermeintlich progressi ven Werkzeugen aus der pädagogischen Mottenkiste auf strikte Ablehnung seitens des Philologenverbandes, dagegen auf die prinzipielle Zustimmung der GEW trifft. Was auch immer die Landesregierung ausheckt: Während der Philologenverband ernste Bedenken äußert, wirft die GEW dem Bildungsministerium vor, es sei nicht weit genug gegangen, sei auf halbem Wege stehengeblieben und habe noch nicht den vollständigen Umbau des Bildungssystems in Angriff genommen. Aus Gründen der Systematik sollen nun einmal die bildungs- und berufspolitischen Grundvorstellungen der konkurrierenden Be rufsvertretungen einander gegenübergestellt werden. Dabei geht es um programmatische Unterschiede; mit ihrer Benennung will ich nicht in Abrede stellen, dass es in den Kollegien und Gremien pragmatisch denkende GEW-Mitglieder gibt, mit denen man gu ten, ja freundschaftlichen Umgang pflegt und mit denen man in Einzelfragen durchaus an einem Strang ziehen kann. Einheitsschule versus leistungsfähiges differenziertes Schulsystem! Das Fernziel der GEW ist die Einführung einer Einheitsschule für alle, unter welchem Namen auch immer – und dies mit allen Kon sequenzen für Schüler und Lehrkräfte. Dieses Ansinnen kann in vie len Ausgaben der landeseigenen Gewerkschaftspublikation und in denen der Bundesebene immer wieder nachgelesen werden. In ver schiedenen Bundesländern wurden und werden bewährte Schul strukturen aus rein ideologischen Gründen zerstört und die Kinder zweifelhaften pädagogischen Experimenten ausgeliefert. Dabei wird von Vertretern dieser Bildungs- und Gesellschaftstheorie der Öffentlichkeit immer wieder die Heilsbotschaft des längeren ge meinsamen Lernens verkündet und zum Dogma erhoben, mit dem Ziel, die Einheitsschule für alle einzuführen. Empirische Studien von TIMSS über PISA bis zur ELEMENT-Studie, die den Qualitätsverlust
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Das Gymnasium in Rheinland-Pfalz · Heft 2025-1A
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