Bildung aktuell 4/2025
Es mag in einer lärmenden, chaotischen Welt ungewohnt erscheinen, mit einem Ritual im Schweigen den Unterricht zu beginnen, aber wir tun unseren Schülerin nen und Schülern keinen Gefallen, wenn wir zulassen, dass sie ihre Erregung ein fach loswerden und nicht kontrollieren. “
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Schule & Beruf
ren und ihnen dieses Verhalten als wirksames Mittel der Leistungssteige rung und der Burnout-Prophylaxe zu vermitteln (Prof. Allmer). Sich die Bedeutung der Selbstkompetenzen be wusst machen Um fachliche, soziale und digitale Kompetenzen erwerben zu können, müssen die Schülerinnen und Schüler Selbstkompetenzen beherrschen, vor allem Stressregulation, Impulskon trolle und Konzentration. Kurz: Ohne Selbstkompetenzen keine Fachkom petenzen. Dieser grundlegende Zusammenhang findet in unserem Unterricht zu wenig Beachtung. Am Beispiel der Impulskontrolle möchte ich zeigen, dass Selbstkom petenzen nicht von selbst kommen, sondern nur nach Durchlaufen eines langen Entwicklungsprozesses er worben werden können, zu dessen Gelingen die Schülerinnen und Schü ler die Unterstützung von Eltern, Kita-Fachkräften und auch von uns Lehrkräften brauchen. Die Förderung der Impuls kontrolle gehört unverzicht bar zum Unterricht Auch sie kommt nicht von selbst. Sie ist nicht angeboren. Dagegen sind Trieb- und emotionales System schon direkt nach der Geburt voll aktiv. Die Entwicklungsaufgabe besteht nun
darin, neuronale Netzwerke im noch ‘leeren’ (dorsolateralen) PFC anzule gen, mit denen der junge Mensch ir gendwann u.a. seine emotionalen und Bewegungsimpulse sowie die Ablen kung durch Störreize situationsadä quat hemmen oder gar, falls nötig, stoppen kann. Dieser Prozess dauert rund 20 bis 25 (!) Jahre (Prof. Bauer). Da kleine Kinder nicht aus sich heraus ihre Impulse hemmen können (‘leerer’ PFC), brauchen sie ab dem 3. Lebens jahr - falls für das Zusammenleben notwendig - altersgemäße Impuls hemmung von außen (Grenzen, nein!) in einem liebevollen, aber auch biswei len klaren Erziehungsdialog. Aus die sen verinnerlichten sozialen Erfahrun gen bilden sich allmählich – auch noch während der Schulzeit - die Netzwer ke der Impulshemmung im PFC. Sie stellen quasi kondensierte soziale Er fahrungen dar. Die allseits beklagten Defizite bei der Impulskontrolle deu ten darauf hin, dass viele Schülerinnen und Schüler diese Unterstützung nicht ausreichend bekommen haben – mit gravierenden Folgen. Prof. Bauer: »Wer unter dem Vorzei chen weitgehend ungebremster Im pulsivität und ungehemmten Affekt ausdrucks heranwächst, wird einen Mangel der Fähigkeit zur Selbstkon trolle erleiden und infolgedessen Suchttendenzen oder narzisstische Störungen entwickeln. Diese Entwick lung hat auf breiter Front bereits be gonnen.« Menschen ohne eine ange messene Impulskontrolle sind fast nur zu Reiz-Reaktions-Verhalten fähig,
weil sie ihre Impulse nicht genügend kontrollieren können, um innezuhal ten, nachzudenken und bewusste Entscheidungen zu treffen. Sie leben in der Gefahr, einem starken Mann/ei ner starken Frau hinterherzulaufen und ‘fremdgesteuert’ zu werden. Da mit ist die Förderung der Impulskon trolle unverzichtbar für die Entwick lung der Lern- und Demokratiefähig keit der Schülerinnen und Schüler. Passende Erziehungstools für den Unterricht sind Regeln und Konse quenzen, das sofortige Stoppen der jeweiligen Handlung auf ein akusti sches Zeichen hin und die Faust druck-Übung. Mit ihrer Hilfe lassen sich nicht nur vegetative Erregung, sondern auch Impulse kontrollieren (»Faust in der Tasche machen«). Im Sportunterricht kann im Rahmen der Förderung exekutiver Funktionen die Impulskontrolle (Inhibition) durch ein körperlich-kognitives Training mit ge eigneten Bewegungsaufgaben geför dert werden. Mir ist wichtig: Eine gehirngerechte Erziehung ist nicht gegen die Partizi pation von Schülerinnen und Schüler gerichtet, sondern ermöglicht sie in hohem Maße. Die drei oben genannten Selbstkom petenzen sollten im Unterricht expli zit vermittelt werden. Dies ist aus neurophysiologischer Sicht – wie gezeigt - unverzichtbar. Dies belegt auch die berühmte Dunedin-Studie und dies fordern Expertinnen und Ex perten (Prof. Trautwein, Dr. Nolle).
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