lehrernrw 5 2022

ANGESPITZT

Die McDonaldisierung der Bildung

WW ozu noch Lehrer? Diese Frage stellt der Autor eines mit dieser Über schrift versehenen Textes in ‘Fazit’, dem Wirtschaftsblog der FAZ. Erfreulicherwei se liefert er die Antwort auf diese uner hörte Frage gleich mit. Los geht’s mit einem Exkurs zu McDonald’s, weil der Fast-Food-Gigant es schaffe, »in der gesamten Welt begehr te Nahrungsmittel in gleichbleibender Gü te zu erschwinglichen Preisen bereitzu stellen«. Der Erfolg von McDonald’s sei umso bemerkenswerter, als dort niemand eine Kochausbildung vorweisen müsse. Die Erklärung: Die McD-Restaurants ver wenden auf der ganzen Welt weitgehend identische Vorprodukte, die nach festen, minutiös niedergelegten und peinlich ge nau einzuhaltenden Regeln sowie stets gleich bleibenden Abläufen zubereitet werden, lässt der Autor uns wissen.

Was das mit Lehrern zu tun hat? Ei gentlich nichts. Doch dem Blogger ge lingt ein atemberaubender argumentati ver Salto mortale: Standardisierung wer de in vielen Geschäftsprozessen erfolg reich praktiziert – warum also nicht in der Schule? Das jedenfalls exerzieren die ‘Bridge International Academies’, die in Kenia, Liberia, Nigeria und anderen Län dern mit hochstandardisierten Schulpro grammen erschwingliche Bildung ange boten haben und in viele arme Länder zu expandieren trachten, wie es im Blog heißt. Das Verfahren, geht so, beschreibt der Autor: »Bridge hat alle Schulstunden standardisiert, vom Kindergarten bis zur achten Klasse. Die Pläne werden auf der Grundlage aktueller Bildungsforschung zentral erstellt. Sie regeln detailliert den Ablauf einer Stunde und werden den Lehrern per Tabletcomputer übermittelt.

Der Computer schreibt vor, was heute un terrichtet wird, wie es vermittelt wird und wie viele Minuten jedes Segment be kommt. Er dirigiert die Gesten der Lehrer, er sagt ihnen, wann sie Schüler ohne Vor warnung drannehmen sollen und wie häufig bestimmte Übungen wiederholt werden sollen.« Natürlich sind schon Studien zur Hand, die den außerordentlichen Erfolg dieser Lehrmethode preisen. Höchst praktisch für den Dienstherrn: Die meisten Lehrer haben noch nicht einmal die Qualifikati on für ein Hochschulstudium. Ergo: »Ihr Gehalt entsprach einem Fünftel bis ei nem Drittel des klassischen Lehrerge halts. Dafür arbeiteten sie länger.« Sehr praktisch: Der Lehrer ist nicht mal mehr Lernbegleiter, sondern Lernauto mat. Es lebe die McDonaldisierung der Bildung! Jochen Smets

lehrer nrw · 5/2022 30

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