lehrernrw 2/2025
SCHULE & POLITIK
DER AUTOR
Die Allgemeine Dienstordnung (ADO) in Nordrhein-Westfalen versucht, beide Pole zu verbinden; es gehöre nämlich zum Lehrberuf, »in eigener Verantwortung und pädagogi scher Freiheit die Schülerinnen und Schüler zu erziehen, zu unterrichten, zu beraten, zu beurteilen, zu beaufsichtigen und zu betreu en«. Zwar seien die Lehrkräfte an Vorgaben gebunden (wie Rechts- und Verwaltungsvor schriften, Richtlinien und Lehrpläne, Konfe renzbeschlüsse und Anordnungen der Schul aufsicht). Indes dürften Letztere »die Freiheit und Verantwortung der Lehrerinnen und Leh rer bei der Gestaltung des Unterrichts und der Erziehung nicht unzumutbar einschrän ken«. Auch Schulleitungen könnten in diese »nur im Einzelfall eingreifen«, nämlich bei Verstößen gegen sie »oder wenn eine geord nete Unterrichts- und Erziehungsarbeit nicht gewährleistet ist«. Durchaus ein Spannungs verhältnis also. Aber vor klarer Grundlage: Denn Unterrichten und Erziehen verlangen persönliches Eingehen auf jeden Schüler, in wechselnden Situationen und bei vielschich tigen Problemlagen. Lehrkräfte müssen spon tan entscheiden und gestalten können, des halb wäre jede schablonenartige Normierung ein Unding (vgl. Däschler-Seiler 2018). Und die Forschung? Bemerkenswerterweise gibt es in der weiter geführten XXL-Metastudie von John Hattie einen noch zu wenig diskutierten Faktor, dem eine herausragend hohe Effektstärke auf den Lernfortschritt von Schülern attes tiert wird: die ‘kollektive Wirksamkeitserwar tung’ (d = 1,3). Was sich leicht missverste hen ließe als »Alle müssen das Gleiche tun« meint de facto die Überzeugtheit von Kolle gien, dass man gemeinsam Herausforderun gen überwinden und beabsichtigte Ergeb nisse erzielen könne (Hattie 2024, S. 185f.). Es geht also nicht darum, individuelle Leh rertypen zu normieren oder ihr ‘Handeln’ schematisch zu reglementieren, sondern da rum, eine gemeinsame ‘Denkweise’ über Lernen und Entwicklung anzustreben, bei spielsweise die forschende Debatte darüber, was die Kinder der konkreten Schule nach weislich voranbringe. Dieses Gemeinsame
– ob das wirklich sinnvoll ist, darf bezwei felt werden. Die eine Kollegin braucht sie nämlich gar nicht, weil sie das auf der Be ziehungsebene viel dynamischer regelt, für eine andere ist der formale Rahmen hinge gen eine große Hilfe. Und wenn Vorgesetzte schulpädagogische Moden gar wider alle Evidenz propagieren, dann wäre es merk würdig, wenn erfahrene Lehrkräfte dies wi derspruchslos hinnähmen oder die Schule wechseln müssten. Denn der von Kant ge adelte Imperativ endet ja nicht an der Leh rerzimmertüre: »Habe Mut, dich deines ei genen Verstandes zu bedienen!« Was leich ter gesagt als getan ist – wer möchte schon in Debatten und Konflikten gerne als Miese peter dastehen oder um seinen guten Stun denplan bangen? Wenn Innovationen langfristig allzu auf wendig sind, steht Lehrkräften übrigens auch ein offizieller Schritt zu: Überlastungs anzeige stellen. Wobei diese besser ‘Gefähr dungsanzeige’ hieße – der Arbeitgeber soll nämlich auf Gefahren hingewiesen werden, die durch Überlastung des oder der Bediens teten entstehen können. Und im Falle recht licher Bedenken ist man geradezu verpflich tet zu widersprechen, das Beamtenstatusge setz nennt das ‘Remonstration’ (§ 36). Erinnern wir uns an die Lehrkräfte der Modellschule im Eingangsbeispiel: Sie hät ten an Beispielen belegen müssen, dass schwächere Schülerinnen und Schüler mit der projektierten Eigenständigkeit grund sätzlich überfordert seien und dass deren verringerte pädagogische Bindung an Lehr kräfte prinzipiell ungünstig für ihre Lernent wicklung sei. Dafür hätte es durchaus einige Evidenz gegeben. »Der erste Schritt zum Lernen ist die Liebe zum Lehrer« formulierte schon Erasmus von Rotterdam. Und in aktu eller Diktion (Joachim Bauer) heißt es: »Der Mensch ist für den Menschen die Motivati onsdroge Nummer eins.«
dürfe nur nicht »konstruiert, unauthentisch, gezwungen« sein; wichtig sei, die Lehr-Lern Wirklichkeit im Kollegium vorbehaltlos mit einander zu diskutieren und auch divergen te Stimmen zuzulassen. Dieser Befund ver dient auch deshalb breitere Würdigung, weil er ein Mehr an sinnvoller kollegialer Koope ration geradezu herausfordert – und diese ist ja im Sekundarbereich mit ihrem Fach lehrerprinzip vielfach noch ein Stiefkind. In meinen Weiterbildungstagen für Lehrerkol legien erlebe ich immer wieder, wie ergiebig engerer Austausch und kluge Arbeitsteilung in fachlicher wie pädagogischer Hinsicht sein kann. Was heißt das jetzt für den Schulalltag? Grundsätzlich ist festzuhalten: Nur weil eine Veränderung vorübergehend zusätzlich Ar beit macht, dürfen Lehrkräfte sie nicht ein fach abweisen. Es gibt vielerlei zweckmäßi ge Innovationen, die es verdienen, vom ge samten Kollegium getragen zu werden – für deren Implementierung müssen Schulleitun gen allerdings werben, statt sie ungeprüft durchzusetzen. Aber innerschulische Festlegungen kön nen auch zu weit gehen. So wurden in einer Schule allen Klassen Lärmampeln verordnet ‘Lernwirksam unterrichten’ (mit Elsbeth Stern, 2014) oder ‘Unterricht ist Bezie hungssache’ (Reclam 2020) Michael Felten arbeitet nach langem Lehrerleben als freier Schulentwick lungsberater und beantwortet Fragen unter www.eltern-lehrer-fragen.de. Er war Kolumnist der ‘Schulfrage’ (ZEIT online) und ist Autor zahlreicher pädagogischer Sachbücher, etwa
HINWEIS Dieser Fachbeitrag ist als Erstveröffentlichung auf dem Deutschen Schulportal erschienen https://deutsches-schulportal.de
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2/2025 · lehrer nrw
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