Profil 6/2024

Die Profil Ausgabe 6/2024 mit dem Leitthema "Sternwarte in München" Jetzt lesen!

6 2024

DEUTSCHER PHILOLOGENVERBAND

DAS MAGAZIN FÜR GYMNASIUM UND GESELLSCHAFT

Sternwarte

in München

Gri ff in die Mottenkiste! H.P. Meidinger zu ifo-Studie

Emitheteacher: Eine In fl uencerin stellt sich vor

Interview mit Hessens Kultusminister Armin Schwarz

PROFIL // Auf ein Wort

– und daran gilt es, sich zu erinnern, inmitten der vielen „Baustellen“, die uns leider auch in das nächste Schuljahr begleiten werden, allen voran der Lehrkräftemangel und die Gefähr dung der zweiphasigen Lehrkräftebildung durch eine einphasige duale Ausbildung. Auch als Philologenverband können wir dank bar auf das vergangene Schuljahr zurückbli cken: 120 Jahre Deutscher Philologenverband liegen hinter uns, 120 Jahre Interessenvertre tung der bildungs- und berufspolitischen Anlie gen der Gymnasiallehrkräfte! Wir werden nicht müde, gymnasiale Leistungs ansprüche zu vertreten. Es lohnt sich nach wie vor, sich insbesondere in unserer Schulart an hohen kognitiven Leistungsansprüchen zu ori entieren - für den Einzelnen, für die Entfaltung seines individuellen Leistungs- und Bildungs potentials, für seine Persönlichkeitsentfaltung wie für unsere gesamte Gesellschaft, die in die ser zunehmend komplexeren und damit kom plizierter zu gestaltenden Welt Menschen braucht, die bereit und in der Lage sind, auf der Basis unserer Verfassung, durch profundes Wis sen, Können und entsprechende Einstellungen und Haltungen motiviert, Verantwortung für sich selbst, ihre Nächsten und die Welt zu über nehmen! Wir tragen mit unserem gymnasialen Erzie hungs- und Bildungsauftrag dazu bei. Für die Umsetzung gibt es viele gute Beispiele. Das lässt uns nicht erlahmen – gestern nicht, heute nicht und auch morgen nicht. Weil wir gemeinsam dafür einstehen! Ihnen wünsche ich nun die dafür nötige Kraft aus der Erholung in den kommenden Sommer ferien! Mit herzlichen Grüßen!

Prof. Dr. Susanne Lin-Klitzing, Bundesvorsitzende des Deutschen Philologenverbandes

Die Abituranstrengungen nähern sich dem Ende – die Sommerferien nahen!

Liebe Kollegen und Kolleginnen, seien Sie herzlich zum (nahenden) Ende aller Abituranstrengungen in diesem Jahr gegrüßt! Die einen haben es schon hinter sich, inklusive der mündlichen Prüfungen, für die anderen kommen sie noch – aber schon jetzt lässt sich wieder einmal sagen: Auf die Gymnasiallehrkräfte ist Verlass – auch in Zeiten des Lehrkräftemangels und trotz vieler Belastungen. Insbesondere der Abiturzeitraum ist vollgepackt mit besonderen Prüfungsvor bereitungen, - durchführungen und zusätzli chen Klausurkorrekturen, mit noch mehr Schreibtischarbeit, häu fi g auch an den Feier tagen. Aber dann dürfen wir unsere Abiturien tinnen und Abiturienten auch frohen Mutes und guten Gewissens in ihr selbst zu verantworten des Leben entlassen – und uns an dem einen oder der anderen erfreuen, die sich nach ge machten „Lebens“-Erfahrungen wieder bei uns mit Dankbarkeit für die zurückliegende Schul zeit und ihr Abitur melden und berichten, wie es ihnen nach der Schulzeit ergangen ist und wie viel sie mitnehmen konnten, auch von dem, was sie bei uns gelernt und miterlebt haben. Lassen Sie uns also gemeinsam auch mit Freu de und Dankbarkeit auf das vergangene Schul jahr schauen, vor allem unter der Perspektive: Was haben Sie, Ihre Kollegen und Kolleginnen, Ihre Schule, Ihre Schülerinnen und Schüler nicht alles gescha ff t! Mit Sicherheit waren erfreuliche Bildungsgelegenheiten für alle Beteiligten dabei

Ihre Susanne Lin-Klitzing

3 PROFIL // 6/2024

PROFIL // Inhalt

DPhV-Standpunkte  DPhV kritisiert aktuelle ifo-Studie scharf

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 75 Jahre Grundgesetz – und immer noch nicht in der universitären Lehrkräftebildung verankert

Titel  Von Unterföhring in den Weltraum

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Von Unter- föhring in den Weltraum 8

 DPhV schärft beim Bundesvorstand seine Positionen zu PISA und zur Bekämpfung des Lehrkräftemangels 11 Essay

 SUB OMNIBUS CANONIBUS: IFO-Institut holt sechsjährige Grundschule aus der Mottenkiste  Orientierung im Raum und Orientierung mit dem Raum Interview  Hessens Kultusminister Armin Schwarz: »Deutsch ist die Voraussetzung für alles«

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Auslandsschulen  Besuch Monika Grütters' an der Deutschen Schule Pretoria

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Interview mit Hessens

Zugang zum Gymnasium  Elternwille contra Eignung und Leistung? Interview  In fl uencerin Emily Horbach alias Emitheteacher: »Ich will als echte Lehrerin auftreten – mit Spaß, aber professionell«

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Kultusminister Armin Schwarz: »Deutsch ist die Voraussetzung für alles« 18

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Termine  Tre ff en der Vertreter der kleinen Landesverbände im DPhV

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Aus den Ländern  PhV Rheinland-Pfalz: Unseriöser geht es kaum – Die aktuelle »Bildungs«chancenstudie des ifo-Instituts ist ideologisch, populistisch und bildungsfeindlich  PhV Niedersachsen: Bildungspolitischer Sprecher der SPD verbreitet Falschaussage: Keine Absprachen mit dem PHVN zu den Kerncurricula  PhV Hessen: Zwischenbilanz beim Abitur 2024 und Mahnung zu Verbesserungen für 2025

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Elternwille contra Eignung und Leistung 28

Impressum

Buchtipp  Für eine o ff ene Diskussionskultur. René P fi ster: Ein falsches Wort. Wie eine neue linke Ideologie aus Amerika unsere Meinungsfreiheit bedroht

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Glosse  Hochkonjunktur für Macher … und für Handgymnastik 40

Nachrichten

dbb magazin

 Jahrestagung der Initiative kulturelle Integration: Interkulturität ist eine Stärke  Qualitätsentwicklungsgesetz: Investitionen in Kinderbetreuung gefordert  dbb-Bildungsgewerkschaften: Qualität der Lehrkräftebildung sichern

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Interview mit Emily Horbach: »Ich will als echte Lehrerin auftreten – mit Spaß, aber professionell« 30

Tarifpolitik

dbb magazin

 Europäische Betriebsräte: Betriebsrichtlinie wird reformiert

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Jugend

dbb magazin

 Deutscher Bundesjugendring: Jugenddialog mit Bundeskanzler Olaf Scholz

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Senioren

dbb magazin

 Hauptversammlung der dbb-bundessenioren- vertretung: Politischer Wille ausschlaggebend

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4 PROFIL // 6/2024

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PROFIL // DPhV-Standpunkte

DPhV kritisiert aktuelle ifo-Studie scharf  Lin-Klitzing: »Mit Daten von gestern darf keine

Es ist bedenklich, wenn ein Wirtschafts forschungsinstitut mit Daten von 2018/19 eine Schulpolitik für morgen gestalten will.

leistungsunabhängige Schulpolitik für morgen gemacht werden!«  Narrativ der Autoren ist leistungsvergessen und wirtschaftsfeindlich M it großer Irritation reagiert der Deutsche Philologenver band (DPhV) auf die aktuelle

ausschließlich auf den sozioöko nomischen Hintergrund der Eltern und deren Schulabschluss. Das rele vante Kriterium für Bildungserfolg ist bei ihnen ausschließlich der Besuch eines Gymnasiums. Sie bewerten da mit konsequent sämtliche Ausbil dungsberufe und die ihnen zugrunde liegenden Bildungsabschlüsse als nicht-erfolgreiche Bildungsbetei ligung. Gerade angesichts der wirt schaftlichen und gesellschaftlichen Bedeutung von Ausbildungsberufen und Handwerk eine für ein Institut für Wirtschaftsforschung erstaunlich einseitige – oder besser abseitige – Interpretation von Bildungserfolg. Obwohl der Mikrozensus von 2018/2019 nur leistungsunabhängige Daten liefert, können oder wollen die Autoren und Autorinnen keine aktu ellen Bildungsstudien zum Vergleich für ihr Bundesländerranking hin zuziehen. Unter konsequenter Aus blendung eines Ansatzes, der auch die Leistungen der Schüler und Schü lerinnen in den Blick nimmt, kom men sie im Unterschied, beispiels weise zu den aktuelleren IQB-Bil dungsstudien, die die für Bildung und Teilhabe relevanten Basiskom petenzen der Schülerinnen und Schüler erheben, denn auch zu ei nem konträren Ergebnis: Nicht Bay

5 PROFIL // 6/2024 geworfen wird und dass die daraus geschlussfolgerten Maßnahmen des gewählten wissenschaftlichen Un terbaus in seiner beschriebenen Engführung nicht bedurften.  DPhV-Pressemitteilung vom 14.05.2024 ern und Sachsen liegen beim ‘Län derranking‘ oben, sondern Berlin, Brandenburg und Rheinland-Pfalz wird die relativ gerechteste Vertei lung von Bildungschancen von Kin dern mit verschiedenen familiären Hintergründen in Deutschland attes tiert. Interessanterweise fi ndet sich angesichts des von der Studie attes tierten höchsten Ranges für Berlin für dessen relative Bildungsgerech tigkeit das bemerkenswerte Detail, dass genau dort die Wahrscheinlich keit, dass Kinder mit ‘höherem Hin tergrund‘ ein Gymnasium besuchen, am höchsten von allen Bundeslän dern ist und dort knapp 70 Prozent (68,9 Prozent, s. S. 5) beträgt.« Der Deutsche Philologenverband geht davon aus, dass mit der für diesen Zweck ausgewählten Daten grundlage des Ifo-Instituts ein eher unscharfer Blick auf die Bildungs chancen von Schülerinnen und Schülern in der Vor-Coronazeit

Studie des ifo Instituts für Wirt schaftsforschung. In »Ungleiche Bil dungschancen: Ein Blick in die Bun desländer« stellen die Autoren fest, dass Bildungschancen in Berlin und Brandenburg höher seien als etwa in Bayern oder Sachsen. Dabei schnei den Letztgenannte seit Jahren in Leis tungsvergleichen wesentlich besser ab als die vermeintlichen Gewinner. DPhV-Bundesvorsitzende Prof. Dr. Susanne Lin-Klitzing sagt: »Es ist äu ßerst bedenklich, wenn ausgerech net ein Wirtschaftsforschungsinstitut mit Daten von gestern eine leis tungsvergessene Schulpolitik für morgen gestalten will!« Im Detail führt Lin-Klitzing weiter aus: »Ludger Wößmann und die Ko-Auto ren der genannten Studie beziehen sich im Mai 2024 auf Daten des Mi krozensus von 2018/2019, also auf Daten aus Vor-Corona-Zeiten und stellen daraus abgeleitet aktuelle Maßnahmen für mehr sog. Chancen gerechtigkeit vor. Sie reduzieren in ih ren Forschungsergebnissen den po tenziellen Bildungserfolg oder -miss erfolg der Schüler und Schülerinnen ursächlich auf zwei Faktoren, nämlich

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PROFIL // DPhV-Standpunkte

75 Jahre Grundgesetz – und immer noch nicht in der universitären Lehrkräftebildung verankert  DPhV appelliert an Wissenschaftsministerien der Länder A nlässlich des Inkrafttretens des Grundgesetzes vor 75 Jahren fordert der Deutsche

erfolgen. Die Lehramtsstudieren den müssen erfahren und sich da rüber klar werden, was das Fun dament ihrer künftigen Arbeit ist.« Derzeit gehört das Grundgesetz nicht in die Standards der Lehrkräf tebildung und hat in der Regel kei nen Platz im universitären Lehr amtsstudium. Lin-Klitzing: »Bei spielsweise die Artikel 1, 2, 3, 6 oder 7 sind für unser beru fl iches Handeln von wesentlicher Bedeu tung. Viele Lehramtsstudierende bekamen und bekommen keine Möglichkeit, sich u.a. damit vertieft auseinanderzusetzen, was es be deutet, dass die Schule unter der Aufsicht des Staates steht (Art. 7), dass die den Eltern zuvörderst ob liegende P fl icht, die P fl ege und Er ziehung ihrer Kinder ist (Art. 6), dass selbstverständlich die Würde des Menschen unantastbar ist (Art.1 ), dass niemand u.a. wegen seines Geschlechts oder seines Glaubens diskriminiert werden darf (Art. 3) und dass die Bundesrepu blik ein demokratischer und sozia ler Bundesstaat ist (Art. 20), der we

sentliche Kompetenzen an die Län der delegiert, hier vor allem die Kulturhoheit der Länder. Ohne die se Kenntnisse fehlt Wesentliches für das spätere Berufsleben. Ein kenntnisreiches und souveränes Agieren gerade im Sinne der Demo kratiebildung ist jedoch ausgespro chen wichtig.« Durch die Integration des Grund gesetzes in die universitäre Lehr kräftebildung werde unterstützt, dass zukünftige Lehrkräfte über die fachlichen Fähigkeiten hinaus Kenntnisse und re fl ektierte Haltun gen zu demokratischen Werten und Prinzipien vertieft erwerben und kontinuierlich weiterentwickeln können, die für unsere Gesellschaft unerlässlich sind, etwa ein Rechts bewusstsein sowie der Schutz von Grundrechten wie Meinungsfreiheit und Religionsfreiheit. Das Grundgesetz der Bundes- republik Deutschland wurde

6 PROFIL // 6/2024 hung von Meinungs- und Versamm lungsfreiheit und Angri ff en auf Poli tiker, die ‘nur‘ Wahlplakate aufhän gen. Die Auseinandersetzung mit unserer Verfassung sollte vertieft an der Universität, also in der ers ten Phase der Lehrkräftebildung, Philologenverband (DPhV) die Wis senschaftsministerien der Länder auf, die intensive Auseinanderset zung mit dem Grundgesetz in der ersten Phase der Lehrkräftebildung zu verankern. In einem o ff enen Brief an die Wissenschaftsministerinnen und Wissenschaftsminister schreibt DPhV-Bundesvorsitzende Susanne Lin-Klitzing: »Das Grundgesetz ist das zentrale Fundament unserer Demokratie und bietet wesentliche Eckpfeiler für unser Schulwesen. Dies in der Lehrkräftebildung an den Universitäten zu ignorieren, können wir uns nicht leisten – nicht zuletzt angesichts zahlreicher aktu eller Anlässe, wie z.B. der Bedro

am 23.5.1949 erlassen und trat am 24.5.1949 in Kraft.

DPhV-Pressemitteilung vom 20.05.2024

PROFIL // Titel

Fotos (alle): Langer

Von Unterföhring in den Weltraum

Markus Gretzschel bei der moderierten Frage- runde mit Thomas Reiter

von Markus Gretzschel D er Deutsche Philologenver band legt viel Wert auf die hohe Fachlichkeit von Unter richt. Dazu veranstaltet er regel mäßig hochwertige Fortbildungen

Unterföhring eine solche Veranstal tung statt. Eingeladen waren die Teilnehmerinnen und Teilnehmer der am Vortag statt fi ndenden Sit zung des Bundesvorstandes des

mit renommierten Partnern sowie Fachveranstaltungen zu jeweils ei nem bestimmten Thema. Unter dem Motto »Faszination Weltraum« fand am 4. Mai 2024 im Gymnasium

Stolz präsentieren Schulleiterin Betina Mäusel und ihr Sternwartenteam ihren Gästen die Sternwarte auf dem Gymnasium in Unterföhring

8 PROFIL // 6/2024

PROFIL // Titel

DPhV, viele weitere interessierte Verbandsmitglieder und ganz beson ders die Schülerinnen und Schüler, Lehrkräfte und Eltern des Gymnasi ums und aus Unterföhring.. Mit dem ehemaligen Astronauten Dr. Thomas Reiter als Hauptreferenten erlebten die Teilnehmenden einen Vortragen den, der wie kaum ein zweiter Euro päer diese Faszination besonders authentisch vermitteln konnte. Unterföhring als Ort der Veranstal tung war aus zwei Gründen perfekt gewählt. Erstens ist das 2020 erö ff nete Gymnasium eines der wenigen Gymnasien in Deutschland, das über eine eigene Sternwarte auf dem Dach des Schulgebäudes ver fügt. Der zweite Grund hängt sehr eng mit genau dieser Sternwarte zu sammen, denn an dieser hat der Eh renvorsitzende des DPhV, Heinz Durner, einen wesentlichen Anteil. Heinz Durner ist ein unermüdlicher Kämpfer u.a. für einen modernen Physikunterricht und moderne Schulgebäude. Beides wird im mo dernen Gymnasium Unterföhring im Landkreis München umgesetzt. Ein Beispiel dafür ist die Nutzung der Sternwarte durch die Arbeits gemeinschaft »Astronomie« und die spätere Möglichkeit der Bele gung eines Astronomie-Kurses in der gymnasialen Oberstufe. Heinz Durner stellte die besondere Bedeu tung der Astronomie für eine mo derne Bildung zum Beispiel in PROFIL 5/2020 dar. In seinem Grußwort stellte Martin Wunsch, Amtschef des bayerischen Kultusministeriums, die besondere Bedeutung des DPhV-Ehrenvorsit zenden für gymnasiale Bildung in Bayern heraus. Er dankte auch dem Moderner MINT- Unterricht am Gymnasium Unterföhring

v.r.n.l. Gabriele Lipp, Susanne Lin-Klitzing, Astronaut Thomas Reiter und der bpv Vorsitzende Michael Schwägerl beim Schulbesuch

Bayerischen und dem Deutschen Philologenverband für deren uner müdlichen, konstruktiven und er folgreichen Einsatz für ein starkes und modernes Gymnasium. Dr. Thomas Reiter – Astro naut aus Leidenschaft und leidenschaftlicher Astronaut Zweifelsfrei Höhepunkt des Tages war der Vortrag von Dr. Thomas Reiter. Er hält den Rekord für die längste Gesamtaufenthaltsdauer eines Europäers im All. Insgesamt verbrachte er 350 Tage, 55 Stunden

und 40 Minuten im Weltraum und weilte einerseits 1995/96 auf der damaligen russischen Raumstation MIR sowie 2006 auf der internatio nalen Raumstation ISS. Auf der MIR führte er als erster Deutscher einen Ausstieg in den Weltraum durch. In seinem anschaulichen und äußerst interessanten Vortrag brachte er die Faszination des Weltraums und der bemannten Raumfahrt jedem Zuhörer nahe. Vom achtminütigen Start in der Sojus-Kapsel bzw. der Raumfähre Discovery, über die Le bens- und Arbeitsbedingungen in einer Raumstation, die Bedeu- 

Heinz Durner, Betina Mäusel, Thomas Reiter, Susanne Lin-Klitzing, Martin Wunsch vor der Sternwarte

9 PROFIL // 6/2024

PROFIL // Titel

PROFIL // Anzeige

10 PROFIL // 6/2024 Alle Programme gibt’s unter www.jh-klassenfahrt.de. Unser Service-Team berät gerne persönlich unter Tel. 0211 3026 3026 oder Mail an service@djh-rheinland.de. Mit der Klassen fahrt Fairness und Respekt stärken Fast wie von selbst lernen Schü lerinnen und Schüler auf einer Klassenfahrt die Regeln des respektvollen Miteinanders. E in paar Tage zusammen sein, miteinander Zeit verbringen, aufeinander achten und Rücksicht nehmen – das stärkt die sozialen Kompetenzen der Teilnehmenden und das Gemeinschaftsgefühl der Klasse. Bei vielen Klassenfahrtpro grammen der Jugendherbergen im Rheinland stehen zudem Themen wie Fairness, Respekt und Verant wortung im Mittelpunkt. Außerhalb vom Schulalltag erproben die Schü lerinnen und Schüler bei handlungs orientierten Übungen und erlebnis pädagogischen Spielen, wie sie sich richtig verhalten und trainieren Ver trauen und Rücksichtnahme. Spaß und Bewegung sind immer inklusive.

Auch aus der Umgebung kamen viele Gäste zur DPhV- Veranstaltung „Faszination Weltraum“

tung der in der Schwerelosigkeit durchgeführten Experimente als auch die Visionen von zukünftigen Missionen zu Mond und Mars ver anschaulichte er die vielen Facet ten des Lebens eines Raumfahrers mit vielen eigenen Fotos und Vi deos. Hier stellte er überzeugend dar, wie wichtig die Experimente in der Schwerelosigkeit für das Verständnis von biologischen und technischen Prozessen ist und dass verschiedene Entwicklungen nur dadurch möglich sind. Die For schungen über das Verhalten von Flüssigkeiten und Gasen haben beispielsweise Verbrennungspro zesse optimiert.

wieder die Möglichkeit bekommen würden, diese einem Astronauten direkt zu stellen. Die gestellten Fra gen reichten von so einfachen Din gen, wie die gesamte Hygiene im All funktioniert, über die physi schen Belastungen beim Start und im All, konkreten Fragen zu Ar beitsalltag und Freizeit auf einer Raumstation bis hin zur Frage, wie realitätsnah Filmszenen, die in der Schwerelosigkeit spielen, sind. Für alle gestellten Fragen nahm sich Dr. Reiter ausreichend Zeit, um sie umfassend zu beantworten. Dr. Thomas Reiter hat die Faszina tion Weltraum mit allen Anwesen den geteilt und für die anwesen den Lehrerinnen und Lehrer des gastgebenden Gymnasiums sowie vom Bayerischen Philologenver band und dem Bundesvorstand des DPhV die Bedeutung eines mo dernen MINT-Unterrichts gestärkt. Für den anwesenden Heinz Durner ist sicher deutlich geworden, dass seine »MINT-Samen« beim gast gebenden Gymnasium und den Philologen auf fruchtbaren Boden gefallen sind. 

»Wie geht man im All auf die Toilette?« – Frage eines 10-jahrigen Mädchens

Die sich an den Vortrag anschlie ßende Fragerunde hätte die erste Fragestellerin, ein 10jähriges Mäd chen, problemlos ganz allein füllen können. Nur ein kleiner Teil der vielen, vielen Fragen konnten ge stellt werden, denn alle waren sich bewusst, dass sie nicht so schnell

PROFIL // Titel

DPhV schärft beim Bundesvorstand seine Positionen zu PISA und zur Bekämpfung des Lehrkräftemangels

Bundesvorstandssitzung in München

von Walter Tetzlo ff E s war eine große und inte ressierte Runde, die die Bundesvorsitzende Susan ne Lin-Klitzing an diesem Früh lingsnachmittag in München be grüßen konnte: Der Bundesvor stand und der Ehrenvorsitzende Heinz-Peter Meidinger trafen sich zur ersten regulären Halb jahressitzung. Ein passendes Motto hätte formuliert werden können: Erst die Arbeit, dann die kulturelle Inspiration. Als Verbandserfolg darf das Urteil des Europäischen Gerichtshofs für Menschenrechte in Straßburg gesehen werden: Es bestätigt die Position des DPhV wie des Deut schen Beamtenbundes, wonach ein Streikrecht nicht verfassungs konform wäre. Eine juristische Bestätigung er hielt der Deutsche Philologenver band auch durch die Entschei dung des Bundesverfassungs gerichts vom 22. November 2023 zur Wertschätzung der deut schen Rechtschreibung. So gelten solide Rechtschreibkenntnisse auch als eine Grundvorausset

zung zur allgemeinen Hochschul reife. Die diesjährige Verleihung des Deutschen Lehrkräftepreises in Berlin war Gegenstand großer medialer Aufmerksamkeit (s. Pro fi l-Ausgabe vom Mai 2024). Die durch die Preisverleihung entste hende Wertschätzung habe eine große Werbewirkung für den Leh rerberuf. Susanne Lin-Klitzing unternahm eine sehr kritische Analyse zum medialen Umgang mit den jüngs ten deutschen PISA-Ergebnissen. Dies gelte insbesondere für For mulierungen wie »Katastrophe« und »Absturz«, die auf das Gym nasium beschränkt würden, weil es sich bei di ff erenziertem Blick um einen alarmierenden all gemeinen Leistungsabfall welt weit handle. Die Ergebnisse für die deutschen Gymnasien lägen beispielsweise über denen der OECD-"Sieger"länder. Hilfreiche Beiträge kamen aus den beiden Ausschüssen des DPhV: Während Thomas Knoblauch ei

11 PROFIL // 6/2024 ler (PhV-Vorsitzende aus Nord rhein-Westfalen): So sei der Kon gress »Fit und innovativ in der Schule« (Pro fi l, April 2024) erfreu lich erfolgreich verlaufen. Sabine Mistler zog eine positive Bilanz der jüngsten Didacta-Messe in Köln, gerade angesichts der vie len gemeinsamen Auftritte und des gemeinsamen Standes, auf dem großes Interesse und viel Zuspruch für die Positionen des Philologenverbandes bekundet worden sei.  nen im Schulalltag wertvollen Flyer zum rechtssicheren Umgang mit Schüler-Handys vorstellte, auf denen sich strafbare Inhalte fän den, den der BRA erstellt habe, brachte Marcus Hahn für den von ihm geführten Bildungspolitischen Ausschuss das Positionspapier zu schüler- und sachgerechten Steuerungsinstrumenten in der Bildungspolitik ein. Das Papier wurde einstimmig beschlossen. Von Veranstaltungen berichteten u.a. die Kolleginnen Gabriela Ka sigkeit (Geschäftsführender Vor stand des DPhV) und Sabine Mist

PROFIL // Essay

Foto: Gawrisch

SUB OMNIBUS CANONIBUS:

IFO-Institut holt sechsjährige Grundschule aus der Mottenkiste

Heinz Peter Meidinger, DPhV-Ehrenvorsitzender

12 PROFIL // 6/2024 Es gibt zwar auch rühmliche Ausnah men, aber insgesamt zeigt sich hier von Heinz-Peter Meidinger E s gibt leider in der Bildungspoli tik keine Mottenkiste, deren ei gentlich längst politisch und wissenschaftlich entsorgt geglaubte Inhalte dann nicht doch von Zeit zu Zeit von interessierter Seite wieder herausgeholt, in die aktuelle Schul diskussion gezerrt werden und Wie derbelebungsversuche erfahren. So hat kürzlich der Bildungsökonom Ludger Wößmann mit seinem Team vom wirtschaftsnahen ifo-Institut in München (mit Unterstützung der Bildzeitung) einen Versuch unter nommen, der Forderung nach einer sechsjährigen Grundschule Auftrieb zu verleihen und eine neue Runde des Schulstrukturkampfes in Deutschland einzuleiten. Obwohl die Schwächen dieser Studie für alle, die sich intensiver mit dem Thema Bildungsgerechtigkeit be schäftigen, o ff enkundig sind, haben leider viele Medien die Kernbot schaft von Wößmann unhinterfragt und unkritisch weiterverbreitet.

ein Phänomen, unter dem die Bil dungsdebatte in diesem Lande schon seit längerem leidet: Es be fi n den sich nur mehr wenige Journalis tinnen und Journalisten mit einer ausgewiesenen Expertise in Bil dungsfragen in Deutschlands Re daktionen, und das gilt inzwischen auch für die meisten überregionalen Zeitungen und die ö ff entlich-recht lichen Medien. Doch zunächst zur »neuen Studie« von Ludger Wößmann, die im Grund genommen gar nicht neu ist, son dern lediglich eine Länderauswer tung zum bereits im letzten Jahr ver ö ff entlichten Chancenmonitor des ifo-Instituts in München, übrigens beruhend auf Daten des Mikrozen sus von 2019. Verkauft wird die Studie als maß geblicher Indikator für die angeblich so unterschiedliche Bildungschan cen-Gerechtigkeit in den verschiede nen Bundesländern. Unbestrittene Tatsache ist, dass – übrigens nicht nur in allen Bundes ländern, sondern generell überall

auf der Welt – ein starker Zusam menhang zwischen sozialer Her kunft und Bildungserfolg besteht. Das ist eine Herausforderung für jede Gesellschaft, die ernst genom men werden muss. Und da gilt es viele Faktoren zu berücksichtigen. Beispielsweise den Ein fl uss der El ternhäuser, der sich nicht auf die Analyse des Einkommens reduzie ren lässt. Wichtige Aufschlüsse ge ben Längsschnittuntersuchungen, die über ein oder mehrere Genera tionen soziale Auf- und Abstiege ver folgen, wie es etwa die LiFE-Studie von Helmut Fend oder etwa das Na tionale Bildungspanel (NEPS) ein drucksvoll und erkenntnisreich vor führen. Das alles ist aber dem ifo-Team viel zu kompliziert oder mühsam und deshalb nimmt man Parameter, die zwar einfach zu messen sind, aber für die Messung von Bildungs gerechtigkeit denkbar schlecht ge eignet sind. Als Gradmesser für Bildungsgerech tigkeit dienen dem ifo-Team die un terschiedlichen Gymnasialquoten

PROFIL // Essay

von zwei Vergleichsgruppen, Kin dern aus Familien mit niedrigem Familieneinkommen sowie Eltern ohne Abitur und andererseits Kin dern aus Familien mit hohem Ein kommen (oberes Viertel) und mit akademischem Hintergrund. Interessant ist allerdings dabei, was alles nicht berücksichtigt wird. Beispielsweise fällt man mit der Fokussierung auf das Einkommen weit hinter den aktuellen Stand der empirischen Bildungsforschung zu rück, die insbesondere die Bedeu tung des kulturellen Kapitals für Bil dungserfolg betont, also etwa die Bedeutung, die Eltern schulischer Bildung zumessen. Dass zwei weit auseinander liegende Vergleichs gruppen gebildet werden, dient natürlich auch dazu, möglichst dra matische Zahlen zu bekommen. Nicht berücksichtigt wird, dass der Übertritt auf das Gymnasium in Zei ten, wo in manchen Bundesländern fast 50 Prozent das Abitur über andere Wege als das Gymnasium erreichen, kein geeignetes Kriteri um ist, sozialen Aufstieg zu messen. Das beru fl iche Schulwesen in Deutschland hat einen auch inter national anerkannten großen Anteil daran, Kindern aus benachteiligten Familien zu höheren Bildungs abschlüssen zu verhelfen. Ignoriert wird dabei auch, dass 25 Prozent der Kinder, die auf ein Gymnasium übertreten, dieses mit anderen Ab schlüssen als dem Abitur verlassen und 40 Prozent von denen, die auf anderen Schulen einen mittleren Abschluss erwerben, anschließend noch das Abitur erwerben. Wößmann blendet zudem interes santerweise bei der Frage der Bil dungsgerechtigkeit vollkommen die Gesamtschule aus. Man könnte ja auch fragen, wie viele Kinder aus

der Arbeiterschicht, die an Gesamt schulen übergetreten sind, das Abi tur erwerben und ein Hochschul studium erfolgreich abschließen. Diese Frage hat Helmut Fend mit seiner LiFe-Studie beantwortet: Es sind nicht mehr als diejenigen, die über das gegliederte Schulwe sen kommen, bei den Hochschul abschlüssen sind sie sogar weniger erfolgreich. Das ifo-Institut macht es sich noch in einem anderen Punkt ganz ein fach. Es koppelt die Frage des Gym nasialübertritts und der Gymnasial quoten völlig von Leistungskriterien und Kompetenzstufen ab. Man darf daran erinnern, dass bereits bei den ersten PISA-Untersuchungen der Versuch unternommen wurde, bei PISA-E (also dem Länderver gleich), Chancengerechtigkeit an gymnasialen Übertrittsquoten ver schiedener Bevölkerungsschichten zu messen. Allerdings wurde da mals die rein quantitative Betrach tung erweitert durch den Einbezug des bei PISA messbaren Kompe tenzstandes. Dadurch kam es zu deutlich anderen Ergebnissen, – die Chancenungerechtigkeit beim Gymnasialbesuch blieb zwar erhal ten, halbierte sich aber teilweise. Während der Gymnasialübertritt bei PISA als untaugliches Mess instrument für Bildungsgerechtig keit mittlerweile ausgedient hat, versucht ihn das ifo-Institut neu zu beleben. Dazu kommt noch eine bewusst ge wählte Dramatisierung und Über zeichnung der länderspezi fi schen Ergebnisse, deren grundsätzlich be grenzte Aussagekraft gerade dar gestellt wurde. Insgesamt di ff eriert nämlich der Chancenquotient rela tiv wenig, zwischen knapp unter 40 Prozent und knapp über 50 Pro zent. Trotzdem wird daraus ein Län

PROFIL // 6/2024 Ergebnisse er dann ignoriert hat. Lehmann verglich damals die Leis tungsentwicklung von ursprünglich gleich leistungsstarken Viertkläss-  13 derranking abgeleitet, das diese nach eher gerecht und extrem un gerecht klassi fi ziert. Und jetzt kommt der Clou dieser so genannten Bildungsstudie: Das gerechteste Schulsystem in Deutschland habe demnach Berlin mit seiner sechsjährigen Grund schule. Da kann man sich nur die Augen reiben. Das Bundesland wird also als Musterbeispiel hingestellt, das bei allen Schulleistungsverglei chen zusammen mit Bremen auf den hintersten Plätzen landet, gleichzeitig das Bundesland, das bei den Schulabbrecherquoten in der Spitzengruppe rangiert. Wenn es um Bildungsgerechtigkeit geht, muss man auch die Frage stellen, wer besser dran ist, die gute bayeri sche Realschulabsolventin, um die sich die Ausbildungsbetriebe reißen oder der Berliner Abiturient, der Mühe hat, einen zu fi nden. Wer den Bildungsökonomen Wöß mann und seine Publikationen ver folgt, weiß, dass die sechsjährige Grundschule seit 15 Jahren sein Steckenpferd ist. Er gehörte auch zu denjenigen, die die skandinavi schen Länder mit ihrem längeren ge meinsamen Lernen in der PISA-Dis kussion zum großen Vorbild erklärte, also genau die Länder, die seitdem einen dramatischen Absturz bei PISA erlebt haben. Dagegen nimmt sich der Abstieg Deutschlands direkt be scheiden aus. Apropos sechsjährige Grundschule: Herr Wößmann scheint auch die Element-Studie von Prof. Rainer Lehmann aus dem Jahre 2008 nicht zu kennen, die der Berliner Senat selbst in Auftrag gegeben und deren

PROFIL // Essay

14 PROFIL // 6/2024 Man kann nur ho ff en, dass die Politik aus der Vergangenheit, etwa der unseligen G8/G9-Aus einandersetzung oder dem Schei tern der Hamburger Primarschu le gelernt hat und sich vom ifo-In stitut nicht triggern lässt.  lern in Abhängigkeit davon, ob sie anschließend an der Grundschule blieben oder in eines der weni gen grundständigen Gymnasien in Berlin übertraten. Das nieder schmetternde Ergebnis: Am Ende der sechsten Klasse lagen die un tersuchten Grundschüler bis zu zwei Jahre hinter ihren ursprüng lich gleich leistungsstarken Alters genossen zurück, die nach vier Jahren übergetreten waren. Einer, der sich seit Jahrzehnten mit dem Thema Bildungschancen Gerechtigkeit befasst, insbeson dere mit der Förderung von Kin dern mit Zuwanderungshinter grund, ist Prof. Hartmut Esser. Hinsichtlich der wissenschaftlich methodischen Validität der Wöß mann-Studie kommt er zu einem desaströsen Verdikt: sub omni bus canonibus, also weit unter halb aller einzufordernden Quali tätsstandards. Und Prof. Olaf Köller, der Leiter der SWK der Kultusministerkon ferenz, kreidet der Studie vor al lem ihre o ff ensichtliche Stoßrich tung an, eine neue Schulstruktur debatte in Deutschland loszubre chen. Denn das, was wir derzeit am wenigsten brauchen können, ist genau dieses: Viel Zeit und Energie in eine Debatte zu ste cken, die erstens wissenschaftlich keine Grundlage hat, zweitens von den eigentlichen Herausfor derungen ablenkt und drittens viele Ressourcen binden würde, die eigentlich an anderer Stelle dringend erforderlich sind.

Orientierung im Raum als Herausforderung für die Geographiedidaktik

Orientierung im Raum mit dem Raum Ein Essay zur komplexen Bedeutung einer (nicht nur geographischen) Kompetenz

von Fritz-Gerd Mittelstädt W enn die Geographie, die als Wissenschaft und als Unterrichtsfach zum Um gang mit Räumen befähigen will, über die Erde und ihre Gebiete spricht – und das gehört zur geogra phischen Orientierung – befasst sie sich mit deren Lage und ihren Lage beziehungen. Sie muss sich aber da rüber hinaus mit einer weiterrei chenden Frage beschäftigen wie: Wer spielt eine entscheidende Rolle und wer verknüpft Interessen bei

und mit Bedeutungszuweisungen an einzelne Räume und deren Lage? Diese Frage ist wieder aktuell! Eine solche Auseinandersetzung verlangt zunächst als Basis geogra phischer Bildung die Fähigkeit zur Orientierung im engeren, landläu fi gen Verständnis auf der Erde im Sinne eines methodischen Könnens mit dessen Möglichkeiten. Sie reicht von der weltweiten Verortung mit Hilfe des Gradnetzes bis hin zur to

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PROFIL // Essay

im engeren Sinne hinaus reichen den Auftrag. In diese Orientierung mit dem Raum fl ießen die Folgen des cultural turn ein, der zu einem neuen räumlichen Blick in Verbindung mit multiper spektivischen Bedeutungszuweisun gen an den Raum als Kategorie bzw. an Räume in ihrem tatsächlichen und konstruierten Vorhandensein veranlasst. Zu den fachlichen all gemeinen und elementaren geogra phischen Kenntnissen gehören z. B. die Geozonen und – immer noch – die Kulturerdteile. Auf der Grund lage der Kenntnis dieser räumlichen zonalen bzw. azonalen Gliederung kann überhaupt (erst) eine Vorstel lung von möglichen und anderen denkbaren Ordnungen der Erdober fl äche bzw. von Orientierungen da rauf vermittelt werden. Die »Erobe rung« der Welt fi ndet, wie es der junge Alexander von Humboldt aus drückte, im Kopf statt. Nun ist inzwi schen wissenschaftlich anerkannt, dass die Grenzen und Merkmale der Geozonen großen Wandlungen un terworfen sind. Auch sind die Kultur erdteile wie Europa längst nicht mehr geschlossene Räume; letztere be fi nden sich vielmehr in einer Auf lösung bzw. gegenseitigen Durch dringung, so dass sie allenfalls noch fragmentiert auftreten. Mit der Mo bilität und Migrationen von Men schen sind auch kulturräumliche Merkmale transferiert worden. Es gilt also die tatsächlichen und ver meintlichen räumlichen Vorstellun gen bzw. Konstrukte von natürlichen und anthropogenen Strukturen auf der Erde einer Überprüfung zu un terziehen, sie zu dekonstruieren und an deren Stelle Vorstellungen von neuen räumlichen Ordnungen treten zu lassen; dabei muss berück sichtigt werden, welche ökologi schen und ökonomischen, sozialen und politischen Interessen zur

und Orientierung pographischen Orientierung im lo kalen Umfeld; sie umfasst sachge rechte Vorstellungen von räumli chen Dimensionen auf dem Globus wie auch faktenbasierte Einblicke in dessen globale Zonierung und seine azonalen Raummerkmale; sie erfor dert einen zielführenden Umgang mit Karten unterschiedlicher Art und weiteren Formen und Absichten der Geovisualisierung. Neben dieser pri mären Orientierung führt die Geo graphie zu einem Verständnis von Mensch-Umwelt-Beziehungen und Beein fl ussungen als Grundlegung

schiedlichen und sich wandelnden Spannungsfeldern. Über räumliche Erscheinungsformen können in un terschiedlichen Maßstabsebenen di vergierende Raster zur Orientierung im Raum gelegt werden. Und nun scha ff t die Geographie über diese primäre Orientierung im Raum eine Orientierung mit dem Raum auf einer höheren Stufe der geographischen Bewusstseinsbil dung und der kulturell-emanzipato risch fundierten Handlungskom petenz für einen verantwortungsvol len Umgang im und mit dem Raum. Diese Zukunftsorientierung erhält mit der doppelten Orientierung ei nen über die geographische Bildung

für eine geoökologische Bewusst seinsbildung; sie verlangt die Aus einandersetzung mit kulturräumli chen Erscheinungsformen in unter

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PROFIL // 6/2024

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Foto: Franken

16 PROFIL // 6/2024 von Interessen und Raumbewer tungen immer wieder anders süd lich. Oft wird vom Osten negativ ge Zeit und künftig aus den Perspekti ven unterschiedlicher Akteure zu neuen Bewertungen von Räumen führen. Als deren Folgen sind oft Modi fi ka tionen in der Orientierung im Raum vonnöten. Natürlich bewahren Orte und Räume zumeist ihre geographi sche Lage; dennoch ergeben sich Wandlungen in Raumnutzungen und Lagebeziehungen von Orten und Gebieten mit Konsequenzen für die Orientierung im engeren Sinne. Im Rahmen topographischer Be stimmungen im Sinne einer Ori entierung im Raum führt die Be schäftigung mit den an sich pro blemlos verstandenen Himmels richtungen zu einem neuen Ansatz und Bewusstsein im Sprechen über die Erde. Was (der) Westen ist, ist klar de fi niert: dabei handelt es sich um die westliche Erdhälfte zwi schen dem 0ten Längenkreis und dem 180ten Längenkreis im Wes ten. Für viele von uns Mitteleuropä ern reicht der Ferne Osten bis zur Tschuktschen-Halbinsel im Nord osten Asiens, die aber nach der Lage im Gradnetz der Erde zum fernsten Westen gehört. Den Wes ten gibt es auch im Osten – als Teil des disjunkten Areals der weltwei ten Verräumlichung einer Werte- und Wirtschaftsgemeinschaft. Auch wird der Süden je nach Perspektive und Interesse, in Abhängigkeit von Zeit und Raum der Bewertenden ganz unterschiedlich gesehen; die Einen sprechen vom Sehnsuchts raum, die Anderen von einer Zone der »Unterentwicklung«. Die Ant arktis liegt ebenso im Süden wie die südliche Nordsee, die als solche touristisch vermarktet wird. Süden ist Süden und doch in Abhängigkeit

sprochen, obwohl sich aus europäi scher Perspektive im Osten der Ursprung der Kultur fi nden lässt (ex oriente lux). Für manche Mittel europäer mag der Norden als kalt und unwirtlich gelten; für viele Afri kaner ist der Weg in den Norden dem gegenüber mit Ho ff nung auf Überleben in Frieden und ohne Hunger verbunden. Diese ein fachen Überlegungen zeigen die Notwendigkeit des di ff erenzierten Sprechens über Räume als eine Form der Orientierung mit dem Raum, die als Metaebene der Ori entierung eine zweite höherwertige Funktion erhält, zumal wenn es um Verfügungsansprüche über Räume aus ökonomischen, ethnischen, religiösen und machtpolitisch-stra tegischen Interessen geht oder wenn aus Räumen Regionen der persönlichen und existentiellen Betro ff enheit werden. Diese geographische Orientierung auf einer Metaebene umfasst nicht zuletzt die Auseinandersetzung mit geographischen Namen. In ihnen sind nicht nur Verortungen und Lagebeziehungen enthalten; sie machen auch oft unterschiedliche Blickwinkel wie Raumansprüche und Verfügungsintentionen deut lich. So kommt es, dass für eine Örtlichkeit oder einen Raum unter schiedliche Namen verwendet wer den. Strukturwandlungen lösen eben falls Veränderungen in Raumwahr nehmungen und Bedeutungszuwei sungen an Räume aus und beein fl ussen die Orientierung. Wenn die se doppelte Orientierung in und mit dem Raum immer wieder Ordnung in die Welt bringen will bzw. soll, dann sind Voraussetzungen zu er füllen. Wissen von der Erde ist ebenso erforderlich wie die system ar denkende Auseinandersetzung mit Konstruktionen von räumlichen

Fritz-Gerd Mittelstädt lehrte bis 2023 Geographie, Geographie didaktik und Kartographie an der Universität Osnabrück und war zuvor bis zum Eintritt in den Ruhestand stellvertreten der Leiter des Institutes für Geographie.

Ordnungssystemen in ihrem Wan del. In diesem Kontext sei der Krieg in der Ukraine als ein Beispiel dafür genannt, wie kontroverse Ansprü che und staatliche Zuordnungen bezogen auf einen in seiner geogra phischen Lage unveränderten Raum das Leben der autochthonen Bevölkerung nachhaltig und exis tentiell beein fl ussen und zugleich auf der Metaebene der politischen Orientierung seit zwei Jahren den internationalen Dialog und gleich zeitig die Entwicklung militärischer Strategien bestimmen. In der Folge ergibt sich in der internationalen Orientierung ein krasser Wider spruch, da einerseits schon länger die Halbinsel Krim faktisch zur Rus sischen Föderation gehört, wäh rend sie andererseits in Karten in der westlichen Staatengemein schaft immer noch integraler Teil der Ukraine ist. Deren staatliche Zugehörigkeit sieht Russland an

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ders als die westliche Staaten gemeinschaft. Auch Wissen um die lokale bzw. regionale Welt – um den Maßstab der Betrachtung zu ver größern – ist eine Voraussetzung, wenn es um die Lösung von Kon fl ik ten geht, die aus unterschiedlichen Bedeutungszuweisungen an ein und den gleichen Raum resultieren: eigene und individuelle Rauminte ressen und -wahrnehmungen stim men oft nicht mit Raumnutzungs konzepten überein, die aus sozia lem, ökonomischem oder ökologi schem und politischem Interesse erwachsen. Hier können Umori entierungen im Raum die Folge ei ner Neuorientierung mit dem Raum im Spannungsfeld von individueller Betro ff enheit und gesellschaftlicher Projektion unausweichlich werden. Immer ist kommunikative Kom petenz gefordert, denn Orientie rung im Raum und Orientierung mit dem Raum geht mit Sprechen über den Raum einher. Dennoch trägt nicht immer die medial vermittelte Orientierung den Anforderungen an kommunikative Klarheit und Ein deutigkeit Rechnung. Sie greift da gegen vielmals oft umgangssprach liche und nicht immer re fl ektierte Verbalisierungen zur Orientierung auf, die lediglich eine vermeintliche Tre ff sicherheit beinhalten. Bei einer Einordnung in historische, architek tonische, soziale und ökonomische Zusammenhänge entpuppt sich der zunächst wertneutrale Begri ff Land (im Gegensatz zur Stadt) als Begri ff zur Orientierung sowohl im als auch mit dem Raum als unter schiedlich bedeutungsgeladen. Viel fach gehören im Bewusstsein wie auch in Raumordnungsprogram men zum Land strukturschwache Gebiete, deren Infrastruktur mit Fördermitteln ausgebaut werden soll. Gerade in Zeiten der Corona Pandemie mit verstärkten beru fl i

chen Tätigkeiten im home o ffi ce erö ff nen sich für das Land neue Chancen als Zukunftsraum, als stadtferner Wohn- und zugleich Arbeitsort unter im Vergleich güns tigeren Bedingungen für den Le bensunterhalt, was Kosten für Woh nen und Einsparungen durch gerin gere Ausgaben für Mobilität ebenso betri ff t wie weniger belastende Um weltein fl üsse. Das Land kann an At traktivität gewinnen, wie es schon in der Vergangenheit ein Sehn suchtsraum war. So wurde der Traum vom Lande etwa in der villeggiatura verwirklicht; für die sommerliche Erholung auf dem Lande wurden wie in Venetien Vil len errichtet, die die Landschaft äs thetisierend ordneten. So äußerte sich die Orientierung mit dem Raum saisonal, architektonisch, raumordnerisch und im räumlichen Verhalten von Angehörigen einer privilegierten Stadtbevölkerung. Weil sich Orientierung auch immer mit der Bedeutung von Räumen kommunikativ auseinandersetzt, ist darunter mehr als die Bestimmung von Orten und das Aufsuchen von Zielen mit Hilfe einer Navigations software zu verstehen. Orientie rung ist eine Kompetenz, die über das Lesen von Monitorbildern mit abgebildeten Streckenführungen hinausgeht. Orientierung ist eine geistige Aktivität, die räumliche Zu sammenhänge in ihrer Gesamtheit und Komplexität erfasst; sie führt zu Erkenntnissen im Spannungsfeld von eigenen und fremden Bedeu tungszuweisungen an Räume; sie setzt sich außer mit Lagebestim mungen und Lagever fl echtungen mit vergangenen, gegenwärtigen und prognostizierten Kontinuitäten und Veränderungen in der Bedeu tung und Funktion von Räumen auseinander; dabei setzt sie das ei gene Aktionsfeld mit übergreifen

17 PROFIL // 6/2024 entierung aus existentiellen Räumen zugleich essenzielle Räume werden – vor Ort, in Europa, in der weiten Welt.  Hon.-Prof. Dr. Fritz-Gerd Mittelstädt den Einordnungen in Raumgefüge unterschiedlicher Maßstabsdimen sionen in Beziehung. Wenn man von Europa spricht, dann kann man von ihm als Kulturerdteil oder als Kontinent im Sinne des westlichen Teils von Eurasien reden, der von Portugal im Westen bis zum Ural im Osten und von Lampedusa im Mittelmeer bis zum Nordkap reicht; die Eingrenzung auf Kontinen taleuropa schließt die Britischen In seln und Island aus. Spricht man von Europa als politischem Konstrukt, dann kann – auf die Vergangenheit bezogen – von der EWU oder der EG gesprochen werden; fi ndet der Be gri ff Verwendung EU, dann sollte ge klärt sein, ob der Raum vor oder nach dem Brexit gemeint ist. Andere Bedeutungen werden Europa mit dem Schengen-Raum und dem Zah lungsmittel Euro zugewiesen. Der Raumbegri ff Europa ist weit davon entfernt, Eindeutigkeit und Identität als Merkmale eines sprachlichen Zei chens aufzuweisen, in dem Raum (signi fi é) und Begri ff (signi fi ant) eine Einheit bilden. Umso schwieriger ist es, von dem Europa der Zukunft zu sprechen. Welche Orientierungen bilden die Grundlagen für die Utopie zur Gestaltung eines Großraumes der Erde, in dem Lebensformen aus den Bedingungen der physischen Vielfalt und der kulturellen Diversität erwachsen? Und der Einsatz für ein künftiges Europa in der Welt setzt Kompetenzen voraus, zu denen das Wissen von und um Europa ebenso gehört wie die Orientierung in und mit dessen Räumen und die Ori entierung nach Werten im Kontext einer politischen Bildung. So lässt die doppelte, ja sogar dreifache Ori

Foto: Hessisches Ministerium für Kultus, Bildung und Chancen/ Annika List

PROFIL // Interview

Interview mit Hessens Kultusminister Armin Schwarz »Deutsch ist die Voraus- setzung für alles«

Seit Januar 2024 ist Armin Schwarz (55, CDU) der neue Kultusminister von Hessen. Zuvor war er Mitglied des Bundestages und des Landtages in Wiesbaden.

18 PROFIL // 6/2024 PROFIL: Minister Schwarz, was sind die drängendsten Probleme, die Sie in Ihrer Amts zeit bewältigen wollen? ? Von Karolina Pajdak B erlin/Wiesbaden – Mit Schule kennt er sich bestens aus – auch mit den Sorgen, Nöten und Freuden der Lehrkräfte. Woher? Er war ja selbst Lehrer. Fast sech zehn Jahre lang unterrichtete Hes sens amtierender Kultusminister Armin Schwarz (55, CDU) an einem Gymnasium und an einer beru fl i chen Schule. An diese Zeit denkt er heute gern zurück, erzählt er im Gespräch mit PROFIL. Aber jetzt gilt es anzupacken im neuen Amt, das er im Januar von Ralph Alexander Lorz übernommen hat.

ARMIN SCHWARZ: Besonderes Augenmerk werden wir in Hessen auf die Lehrkräftegewinnung le gen. Da müssen wir gerade den jungen Menschen zeigen, wie ge sellschaftlich bedeutend und at traktiv der Lehrkräfteberuf ist. Ich möchte die Digitalisierung weiter vorantreiben, dazu gehört auch, dass die Ampel in Berlin und die Bundesbildungsministerin sich bei der Fortführung des Digitalpaktes nicht aus ihrer Verantwortung stehlen. Alle Länder fordern, dass die Bundesregierung hier endlich den Digitalpakt II liefert. Ein ande res wichtiges Feld ist die Stärkung der Bildungssprache Deutsch. Deutsch ist die Voraussetzung für alles.

MEHR DEUTSCH, WENIGER ENGLISCH

Wie wollen Sie das machen? SCHWARZ: Mit dem bundesweit ein zigartigen Gesamtsprachförderkon zept sind wir in Hessen längst auf dem richtigen Weg. Es beginnt in Hes sen schon mit den verp fl ichtenden Vorlaufkursen ein Jahr vor der Ein schulung für Kinder, die über keine ausreichenden Deutschkenntnisse verfügen. Und gerade haben wir ein neues Pilotprojekt auf den Weg ge bracht, bei dem sechzehn Grund schulen auf freiwilliger Basis den Kin dern eine zusätzliche Deutschstunde – und damit die siebte in der Woche – erteilen; anstatt einer Stunde Eng- ?

PROFIL // Interview

nommen. Wie können Sie hier entlasten? SCHWARZ: Neben den von mir schon genannten Entlastungen, ist es mir wichtig, dass auch das Entlas tungspotential der Digitalisierung von den Lehrkräften genutzt wer den kann. Die Entwicklung in der KI kann uns hier optimistisch stimmen. Wir beschäftigen uns in Hessen in tensiv damit. Die digitale Infrastruk tur soll die Lehrkräfte entlasten und ihnen nicht das Leben erschweren. Das hessische Schulportal unter stützt schon die Unterrichtsorgani sation und Unterrichtsgestaltung. Als Schul-Cloud in Verbindung mit dem zentralen Videokonferenzsys tem ist es für Schulen ein wesentli cher Baustein der pädagogischen, unterrichtsorganisatorischen Arbeit und als digitale Lern- und Arbeits plattform zudem darauf ausgerich tet, Lehren und Lernen positiv zu unterstützen, nach individuellen Bedürfnissen zu gestalten und den Schulalltag zu entlasten. Von der pädagogischen Organisation bis zum Lernmanagementsystem hel fen erprobte digitale Werkzeuge, die Unterrichtsorganisation zu erleich tern. Für Lehrende aller Schulfor men stehen ständig aktualisierte Lernangebote, Medien und Anre gungen zur Verfügung, die sie mit ihren Schülerinnen und Schülern unmittelbar nutzen können. Das Schulportal hält Tools für den Unter richt, für die Kommunikation und Zusammenarbeit in den Kollegien bereit. In den Gesprächen mit den Kollegien in den Schulen und mit den Verbänden erhalte ich viele wertvolle Anregungen für Möglich keiten der Entlastung. PROFIL: Welche? SCHWARZ: Aktuell wird beispiels weise die Reduzierung der schriftli chen Leistungsnachweise der ?

lisch. Bildungsgerechtigkeit, Chancen gleichheit, aber auch Leistungsori entierung können wir nur dann er möglichen, wenn alle Kinder von An fang an dem Unterricht folgen und al les verstehen können. Ich möchte zu dem die beru fl iche Orientierung und Berufsvorbereitung an den Schulen intensivieren sowie die Themen Wer tevermittlung und Demokratiebil dung in den Mittelpunkt stellen. Dazu gehört, dass wir an den Schulen jede Form von Extremismus und Anti semitismus konsequent bekämpfen. Weiterhin möchte ich Schulleitungen und Lehrkräfte entlasten, damit noch mehr Zeit für die wertvolle pädagogi sche Arbeit da ist. Wir haben schon gute Erfahrungen gesammelt beim Einsatz von sogenannten Schulver waltungskräften oder auch der sozial pädagogischen Fachkräfte in multi professionellen Teams. rium für Kultur, Bildung und Chancen. Warum der neue Name? SCHWARZ: Dieser Name steht für die Überzeugung, dass Bildung der Grundstein für Chancen und damit Erfolg ist. Es geht um Fördern und Fordern. Jedes Kind soll sich ganz nach seinen individuellen Fähigkeiten und Potenzialen entfalten können und unabhängig von Herkunft oder sozialem Hintergrund gleiche Bil dungschancen erhalten. Dafür sorgt unser Schulsystem mit verschiede nen Schulformen und großer An schlussfähigkeit und Durchlässigkeit. ? Das Ministerium heißt seit Ihrem Amtsantritt Ministe-

19 PROFIL // 6/2024 unterricht befreit werden. Zudem können sie auf Antrag von bestimm ten außerunterrichtlichen Aufgaben für die Teilnahme an Konferenzen befreit und ihnen Korrekturtage ge nehmigt werden.  allem an Gymnasien in der Abitur phase. Welche Möglichkeiten se hen Sie hier etwas zu verbessern? SCHWARZ: Ich bin dankbar, dass Sie das ansprechen. Die Abiturphase ist nicht nur für unsere Schülerinnen und Schüler ein wahrer Kraftakt. Ohne den vorbildlichen Einsatz un serer Lehrkräfte wäre die reibungs lose und verlässliche Durchführung des Abiturs undenkbar. Deswegen muss es Entlastungsmöglichkeiten geben für die Kolleginnen und Kolle gen. Da haben wir in Hessen schon einiges, was je nach Situation vor Ort genutzt werden kann. Lehrkräfte, die als Prüfende an den schriftlichen Abiturprüfungen des Landesabiturs eingesetzt werden, können während der Korrekturphase von Vertretungs Grundkurse in der Quali fi kations phase geprüft. Die Lehrkräfte müs sen auch weiterhin bei der indivi duellen Förderung – auch über schulische Inklusion hinaus – Unter stützung erhalten können; unter an derem durch psychologische, son derpädagogische und medizinische Expertise. Hier setze ich insbesonde re auf die Schulpsychologie und die Förderschullehrkräfte, die an den allgemeinbildenden Schulen in den vergangenen Jahren schon stark er höht wurden. Hier sehe ich auch die wichtigen Fortbildungen, beispiels weise zum Thema des Umgangs mit Autismus. ABITURPHASE IST EIN KRAFTAKT Lehrkräfte benötigen viel Zeit für Korrekturen – vor ?

KI KANN UNS OPTIMISTISCH STIMMEN

Die Arbeitsbelastung für Lehrkräfte hat durch immer neue Aufgaben (u.a. Inklusion, Digitalisierung) immer mehr zuge- ?

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