Profil 5/2026

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ermöglicht – alles scheint plötzlich machbar, wenn mein Kind nur ein Abitur in Händen hält. Also strömt alles zum Gymnasium. Ob die Schüler überhaupt befähigt sind oder nicht, spielt keine Rolle – wichtig ist das Aufstiegs- und Freiheitsversprechen. Und das ist eine fatale Entwicklung, denn sie schränkt die Funktionsfähigkeit aller Schulfor men ein und betrügt gleichzeitig Kinder und Jugendliche im Hinblick auf ihre scheinbare Zukunft als auch im Hin blick auf ihre tatsächlichen Fähigkeiten. Das Gymnasium richtet sich an Schüler, die ein, gegenüber der Alters kohorte, erhöhtes Abstraktionsvermögen aufweisen. Dieses erhöhte Abstraktionsvermögen ist es denn auch, welches spezi fi sch am Gymnasium gefördert wird. Haupt schulen wiederum richten sich an Schüler, die nur eine geringe Abstraktionsfähigkeit und damit einen anderen Zugang zur Welt besitzen – wohl das, was Piaget als kon kret operationales Denken beschrieben hat. Dem entspre chend gilt es diese Schüler auch entsprechend spezi fi sch zu fördern. Der Realschule (oder von mir aus auch der Gesamtschule) kommt der Auftrag zu, die Schüler mit durchschnittlichem Abstraktionsvermögen (sowie natür lich auch vielfältigen Mengen an konkret operationalem Denken) auszubilden. Ein Aufstiegsversprechen richtet den Blick primär auf ein Etikett, welches ich mir ankleben kann, nicht auf die Entwicklung meiner Fähigkeiten. Als zweiten Aspekt möchte ich Folgendes vorbringen: Soziale Ungleichheiten, wie sie der Begri ff des Aufstiegs versprechens enthält, können nicht durch ein Bildungs system ausgeglichen werden. Diese Ungleichheiten sind von der gesamten Gesellschaft durch geeignete Struktu ren auszugleichen. Das Schulsystem kann dabei wieder nur einen Anteil tragen, der bei Leibe nicht überschätzt werden sollte. Bildung, im Sinne des Erreichens von etwaigen „höheren“ Bildungsabschlüssen (auf Teufel komm raus), korreliert zwar mit gesellschaftlichem Auf stieg, aber eben vor allem dort, wo soziale Ungleichheit im Besonderen vorherrscht. Ein Land, in welchem man glaubt, soziale Ungerechtigkeit einfach dadurch umgehen zu können, dass man Kinder und Jugendliche in Bildungs einrichtungen presst, die überhaupt nicht dafür geeignet sind, ihren Fähigkeiten entsprechend zu fördern, weil sie auf ganz andere Fähigkeiten zielen, wird in einer Sackgas se enden. Und ich glaube, dass wir, anhand etwaiger internationaler Testformate, ziemlich eindeutig spüren, dass wir in einer Sackgasse stecken. Das Aufstiegsver sprechen des Gymnasiums ist, ähnlich wie das Verspre chen der Gesamtschule, alle sozialen Schranken zu über winden, ein gefährliches Feigenblatt, mit welchem vor allem die Politik ihre Verantwortung für das Beheben sozialer Ungleichheiten an das Bildungssystem abschiebt.

Überhaupt: Die Sprache von einer Erfolgsformel des Gymnasiums verleitet schnell dazu, das Gymnasium als etwas Erhabenes herauszuheben. Etwas, dass über all den anderen Schulformen schwebt. Wenn wir aber von Erfolgen, Erfolgsgeschichten oder Erfolgsformeln reden wollen, dann muss das Bildungssystem als Ganzes heran gezogen und geprüft werden. Meidinger bringt es ja im Grunde selbst auf den Punkt, indem er richtigerweise erklärt, dass „in einem gegliederten Schulsystem […] jede Schulart nur so stark [ist], wie das schwächste Glied des Bildungswesens.“ So glaube ich denn abschließend Folgendes sagen zu können: Das Gymnasium benötigt kein Erfolgsrezept zur Begründung seiner Existenz. Seine Existenz folgt einer faktischen Notwendigkeit in der Förderung einer speziel len Gruppe von Schülern, nämlich denjenigen, die ein überdurchschnittliches Abstraktionsvermögen aufweisen. Wenn wir davon ausgehen, dass die Fähigkeit zur Abs traktion in der jeweiligen Alterskohorte annähernd nor malverteilt ist, so hieße das, dass sich an den Gymnasien ein näherungsweise fester Prozentsatz von etwa 15% eines jeweiligen Jahrgangs ein fi nden müsste. Selbst wenn man davon ausginge, dass die Kinder und Jugendlichen in den letzten fünfzig Jahren intelligenter, im Sinne einer gesteigerten Abstraktionsfähigkeit, geworden wären, änderte das nichts an dem Verhältnis, in welchem das Gymnasium im Bezug zum restlichen Schulsystem stün de. Es dient der Förderung der überdurchschnittlich zur Abstraktion Fähigen. Die Norm mag sich verschoben haben, die Form der Normalverteilung sollte dies aber nicht betre ff en. Statt nach Erfolgsformeln zu suchen, wäre es vielleicht günstiger, darauf hinzuweisen, dass ein Schulsystem nur funktionieren kann, wenn man seine Bestandteile im Sinne ihres Zweckes handhabt. Wenn also zum Beispiel das Gymnasium einfach seiner eigentlichen Funktion im Bildungssystem nachkommen könnte, wären, so glaube ich, schon ein paar Sorgenfalten weniger nötig. Oder: Wenn ich einen Hammer falsch herum halte und damit versuche, einen Nagel einzuschlagen, werde ich wahr scheinlich keine besonders befriedigenden Ergebnisse erzielen. Dann kann ich auf den Hammer schimpfen und mir hernach von anderen sagen lassen, wie toll doch aber eigentlich Hämmer sind oder welch große Erfolge in der Geschichte mit Hämmern erzielt wurden. Oder ich kaufe mir einfach einen neuen Hammer, weil der neue als weni ger anachronistisch beworben wird. Doch das wird mir alles nichts nutzen, wenn mir nicht klar wird, dass ich den Hammer falsch herum halte. 

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