Profil 5/2026
PROFIL // Titel
bindliches Urteil fällen zu wollen, er durchzieht das erzählerische Werk des ebenso ostpreußischen wie norddeutschen Dichters zeit seines Schriftsteller lebens. Es mag sein, dass er sich gerade darin von seinen Kollegen Böll und Grass und allemal von seinem Zeitgenossen, dem Dramatiker Bert Brecht unterscheidet. Da jeder Anspruch, das so umfangreiche erzähleri sche Gesamtwerk von Siegfried Lenz angemessen zu würdigen oder gar zu gewichten, zum Scheitern verurteilt sein muss, sei hier gleich der Bogen zum Romanwerk geschlagen. Und hier sticht natürlich der 1968 verö ff entlichte große Roman „Deutschstunde“ heraus. Er sollte schließlich den Weltruhm des Autors begründen. Die nicht einfach zu verfolgende Erzähl handlung stellt einen Polizeibeamten im schleswig holsteinischen Norden in den Vordergrund, mit des sen P fl ichtau ff assung es zu vereinbaren ist, das von den NS-Verantwortlichen erlassene Malverbot für den Künstler Max Ludwig Nansen zu überwachen. Hinter dieser Erzähl fi gur verbirgt sich der norddeutsche Maler Emil Nolde, dessen komplizierte Haltung zu den NS-Größen im Roman allerdings ausgespart wird. Thema des Romans ist der Kon fl ikt zwischen falsch verstandenem und die Vernunft und die Menschlich keit ignorierendem P fl ichtgefühl einerseits und per sönlicher Schuld andererseits. Die Handlung re fl ek tiert dabei den Generationskon fl ikt, der sich in den Auseinandersetzungen zwischen Vater und Sohn zeigt. Das so umfangreiche Erzählwerk von Siegfried Lenz zeigt diesen als einen weitgehend konventionellen Erzähler, der eher in der Tradition der Dichter des Bürgerlichen Realismus im 19. Jahrhunderts zu sehen ist und von experimentellen Versuchen lieber Abstand nimmt. So war ein angelsächsisches Vorbild denn auch eher William Faulkner als Ernest Hemingway. Die Vorliebe für das lineare und kontinuierliche Erzäh len wird auch in einer Erzählung und in zwei späten Novellen erkennbar, die hier – exemplarisch und sicher subjektiv – als gelungene Beispiele für Lenz’sche Erzählkunst erwähnt werden sollen, weil sie sich für Lektüre und Diskussion mit Aktualitätsbezug im Deutschunterricht eignen. 1966 verö ff entlichte Lenz die atmosphärisch so dichte und ergreifende Erzäh lung „Ein Freund der Regierung“. Hier wird eine Besu chergruppe aus einem westlichen demokratischen Land durch ein Gebiet geführt, in dem eine Militärdik tatur das Sagen hat und den Besuchern die Vorzüge
des Regimes ra ffi niert vorzuführen sich anschickt – bis die Vorführung ein erschreckendes Ende nimmt. Wir schreiben das erste Jahrzehnt unseres Jahrhun derts, und der Schriftsteller Siegfried Lenz hat noch nichts von seiner Scha ff enskraft verloren. Davon zeu gen die beiden Novellen „Schweigeminute“ (2008) und „Landesbühne“ (2009). Mit Humor und Gelassenheit und doch recht eindringlich schildert der Autor im ers ten Fall eine Beziehung zwischen einem Oberstufen schüler und seiner Englischlehrerin. „Vielleicht sein schönstes Buch“ urteilt Marcel Reich-Ranicki über die ses Spätwerk, wie überhaupt dessen Urteil über Lenz („der gütige Zwei fl er“) eine gelungene Zusammenfas sung des Lebenswerkes ist. Lenz und Reich-Ranicki verband eine lebenslange Freundschaft, also eine Ver bindung, die der Literaturkritiker bekanntlich anderen renommierten Zeitgenossen nicht zugestand … Siegfried Lenz verfolgte – wie bereits angedeutet – keinen penetranten ideologischen Anspruch in sei nem Erzählwerk. Einen klaren politischen Standpunkt indes konnte man ihm nicht absprechen. Der gebürti ge Ostpreuße unterstützte entschieden die Versöh nungspolitik Willy Brandts, der nach Jahrzehnten ver härteter Fronten im Ost-West-Kon fl ikt 1970 nach Polen reiste und die Ansprüche auf Rückgewinnung der ehemals deutschen Ostgebiete komplett aufgab. Das war durchaus im Sinne des Autors und stand nicht im Widerspruch zu den wehmütigen Erinnerun gen in „So zärtlich war Suleyken“! In seiner Versöh nungsbereitschaft zeigte sich seine Menschlichkeit. Eine lange und intensive Freundschaft verband Sieg fried Lenz mit den beiden Hamburgern Helmut und Loki Schmidt. Es gibt zahllose Zeugnisse gegenseitiger Wertschätzung. Und von Wertschätzung zeugen auch die vielen Prei se, die dem Dichter zuteilwurden und die hier ebenso wenig alle aufgeführt werden können wie eine Werk übersicht, die diesen Namen verdient. Von Interesse ist sicherlich, dass seit 2014 jährlich ein Siegfried-Lenz-Preis vergeben wird. Den erhält eine Autorin oder ein Autor für ihr/sein erzählerisches Werk, das die Wirklichkeit spiegelnd durchaus den Vergleichen mit dem Namensgeber standhält, man denke hier nur an die kanadische Erzählerin Elisabeth Strout, deren neuer Roman „Erzähl mir alles“ derzeit in den „Spiegel“-Bestsellerlisten erscheint und mit kluger Beobachtungsgabe viel Lesefreude erzeugt.
W
D
S
D
E
14 PROFIL // 5/2026
Made with FlippingBook - Online catalogs