Profil 5/2024

Die Profil Ausgabe 4/2024 mit dem Leitthema "Deutscher Lehrkräftepreis 2024" Jetzt lesen!

5 2024

DEUTSCHER PHILOLOGENVERBAND

DAS MAGAZIN FÜR GYMNASIUM UND GESELLSCHAFT

Deutscher Lehrkräftepreis 2024

Preisträger in der Kategorie ‘Unterricht innovativ’: Alena Bauer (31) und Johannes Heitmann (32) vom Gymnasium St. Blasien

Wegbereiter der Aufklärung: 300 Jahre Immanuel Kant

Beamtenstatus für Lehrer Vorgabe des Grundgesetzes

Was kommt nach PISA? Diskussion Susanne Lin-Klitzing, Olaf Köller und Dirk Heyartz

PROFIL // Auf ein Wort

dass die den Eltern zuvörderst obliegende P fl icht die P fl ege und Erziehung ihrer Kinder ist (Art. 6), dass selbst verständlich die Würde des Menschen unantastbar ist (Art.1 ), dass niemand u.a. wegen seines Geschlechts oder seines Glaubens diskriminiert werden darf (Art. 3) und dass die Bundesrepublik ein demokratischer und sozialer Bundesstaat ist (Art. 20), der wesentliche Kom petenzen an die Länder delegiert, hier vor allem die Kul turhoheit der Länder. Ohne diese Kenntnisse fehlt We sentliches für das spätere Berufsleben. Ein kenntnisrei ches und souveränes Agieren gerade im Sinne der Demo kratiebildung ist jedoch ausgesprochen wichtig. Durch die Integration des Grundgesetzes in die universitäre Lehrkräftebildung wird unterstützt, dass zukünftige Lehrkräfte auch über ihre fachlichen Fähigkeiten hinaus Kenntnisse und re fl ektierte Haltungen zu demokrati schen Werten und Prinzipien vertieft erwerben und kon tinuierlich weiterentwickeln können, die für unsere Ge sellschaft unerlässlich sind, etwa ein Rechtsbewusstsein sowie der Schutz von Grundrechten wie Meinungsfreiheit und Religionsfreiheit. Zum 75. Jubiläum des Grundgesetzes wendet sich der Deutsche Philologenverband in einem o ff enen Brief an die Wissenschaftsministerinnen und Wissenschafts minister, die für die universitäre Lehrkräftebildung mehr denn je verantwortlich gemacht werden. Wie not wendig dies ist, wird nicht zuletzt dadurch deutlich, dass die Kultusministerkonferenz aufgrund des Lehrkräfte mangels nun parallel zum grundständigen Lehramtsstu dium das einphasige duale Lehramtsstudium ermögli chen will und dadurch immer mehr Verantwortung direkt an die Universitäten delegiert. Dies wird viele Konsequenzen haben. Eine ist vermutlich, dass wir uns zukünftig stärker direkt an die Wissenschaftsministerien und die Universitäten wenden müssen, um uns wichtige Anliegen zu platzieren. Wir bleiben hartnäckig, so wie wir es z.B. bei der Vertei digung und (späteren Steigerung) der Bedeutung der Abiturbestenquote für die Zulassung zum Medizinstudi um waren – eben im Dialog nun mit den Wissenschafts ministerien. Ob wir ähnlich erfolgreich sein werden? Ho ff en wir es und treten wir gemeinsam für die Rele vanz des Grundgesetzes in der universitären Lehrkräfte bildung ein! Mit herzlichen Grüßen!

Prof. Dr. Susanne Lin-Klitzing, Bundesvorsitzende des Deutschen Philologenverbandes

75 Jahre Grundgesetz – und noch immer hat es keinen Ort in der universitären Lehrkräftebildung Liebe Kollegen und Kolleginnen, am 23.5.1949 wurde das Grundgesetz erlassen und trat am 24.5.1949 in Kraft. Seit nunmehr 75 Jahren sind die verkündeten Grundrechte des Grundgesetzes das grundlegende Fundament für unsere Demokratie und unser Wertesystem, für Erziehung und Bildung in der Schule. Unsere freiheitlich-demokratische Grundord nung war und ist keine Selbstverständlichkeit, sondern ein „Glücksfall der deutschen Geschichte“ (Lammert, N. 2017:76) und bereits mit Blick auf das 70-jährige Beste hen des Grundgesetzes hatte die Kultusministerkon ferenz wichtige Beschlüsse zu „Demokratie als Ziel, Ge genstand und Praxis historisch-politischer Bildung und Erziehung in der Schule“ (2018) u.v.a.m. auf den Weg ge bracht – als Forderungen und Aufgaben an die Lehrkräf te. Vor der Aufgabenforderung sollte jedoch eigentlich die Ausrüstung für die gewünschte Aufgabe stehen – doch Eingang in die universitäre Lehrkräftebildung fand das Grundgesetz bisher nicht, obwohl es der Universität nicht an profunden Kennern dieser Materie mangelt, die in einen anspruchsvollen Dialog mit den Lehramts studierenden treten könnten. Das Grundgesetz ist das zentrale Fundament unserer Demokratie und bietet wesentliche Eckpfeiler für unser Schulwesen. Dies in der Lehrkräftebildung an den Univer sitäten zu ignorieren, können wir uns nicht leisten – nicht erst angesichts zahlreicher aktueller Anlässe, wie z.B. der Bedrohung von Meinungs- und Versammlungsfreiheit und Angri ff en auf Politikerinnen und Politiker, die „nur“ Wahlplakate aufhängen. Die Auseinandersetzung mit un serer Verfassung sollte vertieft an der Universität, also in der ersten Phase der Lehrkräftebildung, erfolgen, und zwar grundsätzlich und als Fundament, nicht nur dann, wenn es gesellschaftlich „brennt“. So sind beispielsweise die Artikel 1, 2, 3, 6 oder 7 für unser beru fl iches Handeln von wesentlicher Bedeutung. Viele Lehramtsstudierende bekamen und bekommen keine Möglichkeit, sich u.a. da mit vertieft auseinanderzusetzen, was es bedeutet, dass die Schule unter der Aufsicht des Staates steht (Art. 7),

Ihre Susanne Lin-Klitzing

3 PROFIL // 5/2024

PROFIL // Inhalt

DPhV-Standpunkte  Erschütternde Zahlen des Deutschen Schulbarometers bestätigen Negativtrends im deutschen Bildungswesen Titel  15 Jahre Deutscher Lehrkräftepreis - ‘Unterricht innovativ’: Lehrkräfte und Schulleitungen mit Wissen, Klarheit, Empathie und Mut  Humboldt-Gymnasium Vaterstetten: Fakt oder Fake? Vom Schüler zum mündigen Bürger Essay  Der Beamtenstatus für Lehrkräfte – ein Gebot des Grundgesetzes! PISA  Nach PISA – wie soll es weitergehen? 300 Jahre Kant  Warum immer wieder Immanuel Kant? Lesebänder  Lesebänder – ein probates Mittel zur Stärkung der Lesekompetenz DPhV-Termine  Wahltagung der Jungen Philologen im DPhV  Gymnasium St. Blasien: Wie funktioniert gelungenes Erinnern?

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15 Jahre Deutscher Lehrkräfte preis 6

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Der Beamten status – ein Gebot des Grundgesetzes 14

 Vernetzung in der Verbandsarbeit – Selbstprofessionalisierung in der Mitgliederwerbung

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DPhV-Anliegen  Deutsche Rechtschreibung ist auch in Zeiten von KI nicht verhandelbar  Zentralstelle für das Auslandsschulwesen 32  Dauerbrenner: Beförderungsmöglichkeiten in Hessen 32 31

Aus den Ländern  PhV BW: Digitaler Arbeitsplatz für Lehrkräfte – Gut gedacht, leider nicht optimal gemacht  DPhV und PhV-Berlin begrüßen neue Zugangsregelung zum Gymnasium in Berlin

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Warum immer wieder Immanuel Kant? 22

 PhV NRW: Gewalt an Schule(n) erhöht Belastungen für Lehrkräfte

 bpv-Fachkongress: »Wer MINT-Fachkräfte will, muss diese Fächer in allen schulischen Bereichen stärken!«

Impressum

Buchtipp & Verlosung  Tagesschau-Sprecher verö ff entlicht ersten Ägypten-Krimi Glosse  »Ich bin ganz bei dir, … dann wird es mega spannend …«  Ulrich Silberbach, Bundesvorsitzender des dbb: »Unsere Demokratie ist stark. Für sie kämpfen müssen wir trotzdem.«  Besoldung und Versorgung: Die In fl ationsausgleichsprämie kommt Standpunkt

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Deutsche Rechtschrei bung ist auch in Zeiten von KI nicht verhandelbar 31

dbb magazin

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Klima

dbb magazin

 Drei Fragen an Kay Scheller, Präsident des Bundesrechnungshofes: Klimaschutz ist nicht automatisch Naturschutz

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Europa

dbb magazin

 33. Europäischer Abend: Krieg in Europa, Demokratie in Gefahr, Europa vor der Wahl

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PROFIL // DPhV-Standpunkte

Foto: AdobeStock

Erschütternde Zahlen des Deutschen Schulbarometers bestätigen Negativtrends im deutschen Bildungswesen D as kürzlich verö ff entlichte Deutsche Schulbarometer bestätigt aus Sicht des Deut erhoben werden. Der DPhV begrüßt es daher, dass das Deutsche Schul nachlässigt werde: »Quali fi zierte Fortbildungsangebote, für die Lehr kräfte selbstverständlich freigestellt werden müssen, sind ein wichtiges

barometer sich bemüht, diese Lücke zumindest in Teilen zu schließen. Die von den Lehrkräften klar kom munizierten Probleme dürfen nicht länger ignoriert werden: marode Schulgebäude erlauben keinen modernen Unterricht, zunehmende Gleichmacherei der Schulformen erhöht die Heterogenität und über fordert Lernende wie Lehrende. Lin Klitzing: »Statt weiter bildungspoliti schen Wunschvorstellungen nach zuhängen, muss die Politik endlich die Realitäten wahrnehmen: ein vielgliedriges Schulsystem hilft, den Erfordernissen jedes einzelnen Ler nenden besser gerecht zu werden, und jeder Euro für die Sanierung unserer Schulhäuser ist eine echte Investition in die Zukunft.« Durch die Ergebnisse der Studie wird die Politik zudem erneut er mahnt, ihre Verantwortung für bes sere und langfristigere Fort- und Weiterbildungsangebote mit ent sprechend guten Rahmenbedingun gen für Lehrkräfte zu übernehmen. Lin-Klitzing kritisiert in diesem Zu sammenhang, dass die Lehrkräfte Fortbildung in Deutschland ver

schen Philologenverbands (DPhV) negative Entwicklungen im deut schen Bildungswesen, die in weiten Teilen hausgemacht sind. DPhV Bundesvorsitzende Prof. Dr. Susan ne Lin-Klitzing sagt: »Es ist erschüt ternd, dass so viele Lehrkräfte im Alltag verschiedene Formen von Gewalt erleben müssen. Dies ist allerdings ein gesamtgesellschaftli ches Problem, nicht nur eines in den Schulen. Leider bestätigt das Deutsche Schulbarometer auch weitere negative Entwicklungen, die wir schon seit Jahren anmah nen: beispielsweise den durch zu geringe Einstellungsquoten mitver schuldeten Lehrkräftemangel oder den maroden Zustand vieler Schu len. Dies alles führt zu zusätzlichem Stress für Lehrkräfte und ihre Schü ler und Schülerinnen.« Dass der Stimme der Lehrkräfte im politischen Raum zu wenig Bedeu tung beigemessen wird, zeigt der Umstand, dass Deutschland sich – im Gegensatz zu fast allen relevan ten OECD-Staaten – nicht an TALIS (Teaching and Learning Internatio nal Survey) beteiligt. Hier könnten sinnvolle und vergleichbare Daten

5 PROFIL // 5/2024 Für die aktuelle Ausgabe des Deut schen Schulbarometers ließ die Robert Bosch Stiftung zwischen dem 13. November und 3. Dezem ber 2023 insgesamt 1.608 Lehrkräf te an allgemein- und berufsbilden den Schulen in Deutschland vom Meinungsforschungsinstitut forsa befragen. Jede zweite Lehrkraft gab an, Gewalt an der eigenen Schule zu beobachten. Die größte Heraus forderung sehen Lehrkräfte im Um gang mit heterogenen Klassen. Den dringendsten Handlungsbedarf an der eigenen Schule sehen sie beim Personalmangel und bei maroden Schulgebäuden. Im internationalen Vergleich werden in Deutschland zudem deutlich weniger Fortbildun gen zu pädagogischen Kompeten zen besucht und es fehlt eine syste matische Feedback-Kultur.  DPhV-Pressemitteilung vom 24.04.2024 Thema. Hier ist das deutsche Bil dungssystem im internationalen Vergleich, und übrigens auch im Vergleich mit der einheimischen Wirtschaft, schlicht abgeschlagen. Ein für den Bildungsstandort un tragbarer Zustand!«

PROFIL // Titel

15 Jahre Deutscher Lehrkräftepreis – Unterricht innovativ

Lehrkräfte und Schulleitungen mit Wissen, Klarheit, Empathie

Wettbewerbsrunde 2023 – 18 Auszeichnungen an Lehrkräfte und Schulleitungen aus zwölf Bundesländern

Fotos (alle): Heraeus Bildungsstiftung / Deutscher Lehrkräftepreis

Deutscher Lehrkräftepreis – die Verleihung der Auszeichnungen für die 15. Runde des Wettbewerbs in Berlin.

6 PROFIL // 5/2024

PROFIL // Titel

und Mut

DPhV-Bundesvorsitzende Prof. Dr. Susanne Lin-Klitzing im Gespräch mit der Berliner Schulsenatorin Katharina Günther-Wünsch und dem Moderator Jan-Martin Wiarda.

Z ehn Lehrkräfte, fünf Teams und drei Schulleitungen aus insgesamt zwölf Bundeslän dern wurden in der Wettbewerbs runde 2023 ausgezeichnet. Die Trä ger des Wettbewerbs, die Heraeus Bildungsstiftung und der Deutsche Philologenverband, wollen mit der Auszeichnung die Leistungen von Lehrkräften, Lehrkräfte-Teams so wie Schulleitungen würdigen und in den Vordergrund der ö ff entlichen Wahrnehmung rücken. Schirmher rin der Wettbewerbsrunde 2023 ist die Bundesministerin für Bildung und Forschung, Bettina Stark-Wat zinger. Ste ff en Freiberg, Minister für Bildung, Jugend und Sport des Lan des Brandenburg, und Katharina Günther-Wünsch, Senatorin für Bil dung, Jugend und Familie des Lan des Berlin, überreichten die Urkun den. Bettina Stark-Watzinger, Bundes ministerin für Bildung und For

schung, hob in ihrem Grußwort her vor: »Das Engagement von Lehrkräf ten und Schulleitungen bestimmt maßgeblich die Qualität von Unter richt und Schule. Die diesjährigen Teilnehmerinnen und Teilnehmer

sind hier vorbildhaft. Als Bundesbil dungsministerin und Schirmherrin des Wettbewerbes ist es mir beson ders wichtig, dass die tolle Arbeit der Lehrerinnen und Lehrer und solch herausragende Leistungen gewürdigt werden.«

Zehn besonders engagierte Lehrkräfte von ihren

Schülerinnen und Schülern nominiert

7 PROFIL // 5/2024 In der Kategorie »Ausgezeichnete Lehrkräfte«, gefördert von der Schöp fl in Stiftung, wurden zehn besonders engagierte Lehrkräfte von Schülerinnen und Schülern aus ihren Abschlussklassen nominiert. Die Begründungen der Jugendlichen waren ebenso vielfältig wie die aus gezeichneten Lehrkräfte und zeig ten, welche unterschiedlichen For men der Einsatz für guten Unter richt und pädagogische Beziehungs arbeit annehmen kann.

Bettina Stark-Watzinger, die Schirmherrin des Deutschen Lehrkräftepreises

PROFIL // Titel

Drei Auszeichnungen in der Kategorie »Vorbildliche Schulleitung« In der Kategorie »Vorbildliche Schulleitung« wählte die Jury zwei Preisträger und ein Team aus, die von ihren Kollegien vorgeschlagen wurden. Ausgezeichnet wurden vorbildliche Schulleitungen, die den Wandel in ihren Schulen an führen und Beziehungen inner halb der Schulgemeinde fördern. Sie tragen entscheidend dazu bei, ein Umfeld zu schaffen, in dem Kinder und Jugendliche wachsen können. Der erste Preis ging an André Szymkowiak vom Gymnasium Thusneldastraße Köln-Deutz, Nord rhein-Westfalen. Das Kollegium no

minierte den Schulleiter, weil er in einem extrem heterogenen Ein zugsgebiet jedem ein Gefühl der in dividuellen Wertschätzung und des persönlichen Respekts vermittelt. Unter ihm sei die Schule ein Ort, an dem jeder gern lerne und arbeite. Den zweiten Preis erhielt das Schul leitungsteam Angelika Gruß und Gregor Hascher mit Patrick Deppe und Nikolaos Papathanassiou von der Paul-Robeson-Schule, Ober schule der Stadt Leipzig in Sachsen. Das Kollegium ist überzeugt, unter einer der besten Schulleitungen ar beiten zu dürfen. Man habe keine Befürchtungen zu experimentieren, Neues auszuprobieren und den Mut aufzubringen, Fehler als Ori entierung und Motivation anzuer kennen.

Den dritten Preis vergab die Jury an den stellvertretenden Schulleiter Dr. Thomas von Pluto-Prondzinski von der Robert-Jungk-Oberschule Berlin. Das Kollegium schätzt im Besonderen die Innovationskraft und Entschlossenheit, mit der Dr. von Pluto-Prondzinski durch die Pandemie führte. Er besäße eine wertschätzende, tolerante und respektvolle Grundhaltung, lie ße Individualität zu und nutze und schätze die Vielfalt des Kollegiums.

Drei innovative Unterrichts konzepte ausgezeichnet

In der Kategorie »Unterricht innova tiv« haben zahlreiche engagierte Lehrkräfte-Teams aus ganz Deutschland innovative und fächer übergreifende Unterrichtsprojekte

Zehn Lehrkräfte wurden stellvertretend für Zehntausende weitere Kolleginnen und Kollegen ausgezeichnet, nominiert von ihren ehemaligen Schülerinnen und Schülern: v.l.n.r. Martin Fugmann – Heraeus Bildungsstif tung, Harmeet Dawan – Ludwigsburg, Dr. Jean-Marie Schwarzkopf – Eppendorf, Günther Schön – Ludwigs hafen, Dr. Andreas Becker – Halberstadt, Jana Bioly – Oelsnitz/Vogtland, Florian Hansen – Flensburg, Ellen Gottschalk – Wittstock, Karl-Timo Einheuser – Köln, Kai Passchier – Marienhafe, Julia Röhrich – Schöp fl in Stiftung, Ste ff en Freiberg, Minister für Bildung, Jugend und Sport des Landes Brandenburg.

8 PROFIL // 5/2024

PROFIL // Titel

Poetry- Slammer Lars Ruppel in Aktion

Jahr auszeichnen, stehen dabei exem plarisch für die vielen innovativen Formen der Wissensvermitt lung, aber auch für den herausragenden gesellschaftlichen Beitrag, den unzäh

schichten jüdischer Mitbürger, die vor 90 Jahren ihre Heimat verlassen mussten (vgl. Bericht auf Seite 12). Der zweite Preis ging an Christina Fischer mit ihrem Team Sebastian Bauer, Danilo Fries, Laura Henschke und Viktoria Seidel vom Humboldt Gymnasium Vaterstetten, Bayern, für ihr Projekt »Deeper Learning – Wissenschaftsjournalismus und Fake News«. Das Unterrichtsprojekt soll Schülerinnen und Schüler zu wissen schaftlich-kritischem Denken anlei ten, um sie so zur souveränen Medienrezeption zu befähigen (vgl. Bericht auf Seite 13). Mit dem dritten Preis wurde Dr. Barbara Haas vom Gymnasium Feuchtwangen, Bayern, für das Pro jekt 

lige Lehrkräfte täglich durch ihr be ru fl iches Engagement für ihre Schü lerinnen und Schüler leisten.« Den ersten Preis vergab die Jury an Johannes Heitmann mit Alena Bauer vom Kolleg St. Blasien in Baden Württemberg für das Projekt »Ge gen das Vergessen. Stolpersteine und Erinnerungskultur«. Für das Projekt beschäftigte sich ein Semi narkurs des Kollegs St. Blasien ein Jahr lang mit den individuellen Ge

für den Wettbewerb eingereicht. Prof. Dr. Susanne Lin-Klitzing, Bun desvorsitzende des Deutschen Phi lologenverbandes, betonte: »Mit großer Freude sehen wir in unse rem Wettbewerb, dass Lehrkräfte ihre Schülerinnen und Schüler dazu befähigen, ihre vorhandenen Po tenziale zu entfalten und in einer zunehmend komplexen Welt wert- und zielorientiert zu handeln. Die Unterrichtseinheiten, die wir dieses

Die Preisverleihung in der Kategorie Unterricht innovativ: DPhV-Bundesvorsitzende Prof. Dr. Susanne Lin-Klitzing, Sebastian Bauer, Viktoria Seidel, Danilo Fries – Vaterstetten, Alena Bauer und Johannes Heitmann – St. Blasien, Dr. Barbara Haas – Feuchtwangen, Katharina Günther-Wünsch, Senatorin für Bildung, Jugend und Familie des Landes Berlin.

9 PROFIL // 5/2024

PROFIL // Titel

»Ihr seid nicht vergessen« aus gezeichnet. Das Unterrichtsprojekt erinnert an sechzig Jüdinnen und Ju den aus Schop fl och, die ab 1939 von den Nationalsozialisten syste matisch deportiert und ermordet wurden. Es wurde in eineinhalb Jah ren kreativ und interdisziplinär in Kooperation mit außerschulischen Partnern realisiert und erreichte, dass den Holocaust-Opfern aus Schop fl och eine ihnen bis dahin ver wehrte Gedenkstätte gewidmet wurde. In der umfangreichen Aus einandersetzung mit Antisemitis mus, Opfergedenken und Demokra tie-Erhalt entstanden zahlreiche er innerungskulturelle Artefakte, die individuelle Lebensläufe, Geschich ten und Schicksale der Opfer und das einschneidende Ende ihrer jüdi

schen Geschichte, ihrer Geheim sprache »Lachoudisch«, ihrer Religi on und ihrer Kultur in der Gemein de Schop fl och dokumentieren.

nelsen Verlag, ging an Leonie Bü cker mit Nina Wegner vom Albert Einstein-Gymnasium Berlin, für das Projekt »Grüne Chemie – für mich, für dich und unsere Zukunft«. Im projektbasierten Wahlp fl ichtunter richt erprobten die Schülerinnen und Schüler den kreislauforientier ten Ansatz der »Grünen Chemie« und lernten durch kreative Experi mente und Versuchsabläufe, wie

Zwei innovative Unterrichtskonzepte erhielten Sonderpreise

Der Sonderpreis »Umwelt und Nachhaltigkeit«, vergeben vom Cor

10 PROFIL // 5/2024 Die Verleihung der Preise an die vorbildlichen Schulleitungen – v.l.n.r.: Alexandra Heraeus – Heraeus Bildungsstiftung, André Szymkowiak – Köln, Dr. Thomas von Pluto-Prondzinski – Berlin, Angelika Gruß, Patrick Deppe und Nikolaos Papathanassiou – Leipzig, Bundesbildungsministerin Bettina Stark-Watzinger.

PROFIL // Titel

Westfalen für »Einsichten. Aussich ten. Ein ortsspezi fi sches Ausstel lungsprojekt«. Die Schülerinnen und Schüler setzten sich mit ihrer individuellen Lebenswelt auseinan der – durch das Medium der Foto gra fi e. Gerahmt wurde die Veranstaltung durch die mitreißende Musik des Duos Magnolia. Der Poetry Slam mer Lars Ruppel stellte in kreativer Form viele Aspekte der unter schiedlichen Nominierungen vor – und fasste am Ende in einem »Poetry recording«, also quasi ei nem gereimten Protokoll, unter Mitwirkung des Publikums und viel Gelächter und Applaus die High lights der Veranstaltung zusam men.

Rund 8.500 Lehrkräfte sowie Schü lerinnen und Schüler haben sich 2023 am Wettbewerb beteiligt. Die Auswahl der Bewerbungen erfolgte in einem zweistu fi gen Verfahren: Nach einer intensiven Begutach tungsphase durch Expertinnen und Experten aus Schule und Bildung entschied eine prominent besetzte Jury unter der Leitung von Prof. Dr. David-S. Di Fuccia über die Preisträgerinnen und Preisträger. Details über die ausgezeichneten Lehrkräfte, Schulleitungen und ihre Projekte fi nden Sie auf der Webseite www.lehrkraeftepreis.de, wo Sie bis zum 15. September 2024 auch Be werbungen für die neue Runde des Wettbewerbs einreichen können. 

sich nachhaltige Kosmetikprodukte herstellen, gesunde Nutzp fl anzen kultivieren oder Sto ff kreisläufe schließen lassen. Den Sonderpreis »Kulturelle Bil dung«, vergeben von der PwC-Stif tung, erhielten Lenny Liebig mit Laura Berressem und Annika Stuck mann von der Janusz Korczak – Ge samtschule Gütersloh, Nordrhein

Pressemitteilung des DPhV vom 29.04.2024/Anne Schirrmacher

11 PROFIL // 5/2024 Christine Hauck – Cornelsen Verlag, Dr. Ste ff en Bruendel – PwC-Stiftung, Prof. Dr. Susanne Lin-Klitzing – DPhV - und die Preisträgerinnen und Preisträger der Sonderpreise Kulturelle Bildung und Umwelt und Nachhaltigkeit in der Kategorie Unterricht innovativ: Lenny Liebig und Annika Stuckmann – Gütersloh, Leonie Bücker und Nina Wegner, Berlin.

PROFIL // Titel

Gymnasium St. Blasien:

Foto: Máté Farkas

Wie funktioniert gelungenes Erinnern?

12 PROFIL // 5/2024 und nach Puzzleteile zusammen gesetzt und Personen aus fi ndig ge macht, die fl iehen mussten«, erklärt Alena Bauer. Die Leitfrage der Lehr kräfte dabei: Wie funktioniert gelun genes Erinnern? Dafür haben die Anstoß zu dem Projekt hatte die Tochter einer jüdischen Familie, die St. Blasien während der Nazi-Herr schaft verlassen musste, gegeben. Aus den USA war sie in den Süd schwarzwald gereist, um zu sehen, wo ihre Angehörigen früher gelebt hatten. Und sie musste feststellen: Nichts erinnerte an sie. »Wir sind mit den Schülerinnen und Schülern dann in verschiedene Archive gegangen, sie haben viele Gespräche mit den Leuten vor Ort geführt und so nach Alena Bauer (31) und Johannes Heitmann (32) vom Gymnasium St. Blasien wurden mit ihrem Stol perstein-Projekt in der Kategorie »Unterricht innovativ« beim Deut schen Lehrkräftepreis prämiert. es in Freiburg viele, aber in St. Blasien gab es keine«, erklärt Heit mann. »Also wollten wir gemeinsam mit den Schülerinnen und Schülern heraus fi nden, welche Personen in St. Blasien verfolgt wurden.« Anstoß kam aus den USA

Für ihr Projekt Stolpersteine wurden die zwei Lehrkräfte vom Gymnasium St. Blasien in der Kategorie »Unterricht innovativ« mit dem 1. Preis ausgezeichnet.

von Karolina Pajdak

stadt verlassen mussten. Initiiert haben diese Gedenksteine Schüle rinnen und Schüler des Kollegs St. Blasien. Im Rahmen eines Seminar kurses in Klassenstufe 11 hatten die Gymnasiallehrkräfte Alena Bauer (31, Englisch und katholische Religi on) und Johannes Heitmann (32, Geschichte und Deutsch) die Idee, sich intensiv mit Erinnerungskultur zu beschäftigen. »Stolpersteine gibt

Freiburg/Berlin – Sie sind in vielen Städten zu sehen, sie bringen zum Nachdenken, machen aufmerksam auf die Schicksale von tausenden Verfolgten während der NS-Zeit. Auch in St. Blasien, einer kleinen Stadt im Landkreis Waldshut (Ba den-Württemberg), gibt es seit ver gangenem Jahr Stolpersteine mit den Namen von Menschen, die wäh rend der Nazidiktatur ihre Heimat

Wie erinnert man richtig?

Die Englisch- und Religionslehrerin Alena Bauer mit ihren Schülerin nen und Schü lern im Seminar.

Fotos (2x): privat

Alena Bauer gemeinsam mit ihrem Kurs bei der Stolperstein verlegung in St. Blasien im Mai 2023.

PROFIL // Titel

Schülerinnen und Schüler sogar ei gene Kriterien aufgestellt, zum Bei spiel: Der Fokus soll immer auf de nen liegen, an die erinnert werden soll. Der Wille der Angehörigen ist entscheidend. Erinnerung muss vielfältig und digital sein. Auch mit dem Thema Antisemitis mus hat sich der Seminarkurs aus einandergesetzt. Sätze wie »Die sind nicht ge fl ohen, die hatten aber so viel Geld, dass sie es sich leisten konnten, woanders hinzuziehen«, wissen die Schülerinnen und Schü ler nun einzuordnen und vor allem zu kontern. Monatelang haben die Schülerinnen und Schüler also recherchiert, ha ben mit Angehörigen in den USA, in England oder Kanada gesprochen. »Für mich als Englischlehrerin war es wunderbar zu sehen, wie die Schülerinnen und Schüler auf Eng lisch ihre Interviews geführt haben«, erinnert sich Alena Bauer stolz. Das Ende des Seminars: Weit mehr als eine Hausarbeit und ein Referat. Es folgte nicht nur die Stolpersteinver legung, sondern auch eine Ausstel lung, ein digitales Gedenkbuch so wie eine sehr intensive Zusammen arbeit mit der Lokalpresse. »Was bleibt für die Schülerinnen und Schüler, ist das Gefühl, ihren Schul ort mitgestaltet und verändert zu haben«, erklärt Johannes Heitmann. »Sie haben Rechercheleistungen erbracht, wie man sie auch an der Universität erbringt. Sie haben sich intensiv mit Erinnerungskultur aus einandergesetzt und sehr indivi duell ihre Talente eingesetzt.« Antisemitismus entlarven

Humboldt-Gymnasium Vaterstetten

Fakt oder Fake? Vom Schüler zum mündigen Bürger Mit dem Projekt zu »Deeper Learning – Wissenschaftsjourna lismus und Fake News« haben die Lehrkräfte Christina Fischer, Sebastian Bauer, Danilo Fries, Laura Henschke und Viktoria Seidel aus Bayern den 2. Platz in der Kategorie »Unterricht innovativ« belegt

von Karolina Pajdak

München/Berlin – Wie schmal ist der Grat zwischen Nachricht und Meinung? Wie unterscheiden Schü lerinnen und Schüler zwischen einer Zeitungsmeldung und den Kom mentarspalten auf YouTube und Facebook? Diesen Fragen haben sich fünf Lehrkräfte des Humboldt Gymnasiums Vaterstetten bei Mün chen gestellt. Die Idee: über die Grenzen einzelner Schulfächer hi naus haben 28 Schülerinnen und Schüler gemeinsam an verschiede nen Themen dazu gearbeitet. »Wir haben uns zum Beispiel mit dem Thema Impfen beschäftigt, haben Pro- und Contra-Positionen betrach tet und eingeordnet«, erklärt Bio logie- und Chemielehrerin Christina Fischer (34). »Auch der Hype um ver schiedene Milcharten war Thema. Welche ist nun wirklich gesünder? Hafermilch oder Kuhmilch? Das ha ben wir versucht, wissenschaftlich zu überprüfen und damit der Mei nungsmache zu begegnen.« Ent scheidend für den Lernerfolg dabei

13 PROFIL // 5/2024 war, dass die Schülerinnen und Schüler Quellen mit gegensätzlichen Standpunkten zusammengetragen und diese nach wissenschaftlichen Gesichtspunkten ausgewertet ha ben. Die Vorgehensweise folgte da bei dem Deeper-Learning-Konzept. »Unsere Welt wird immer komple xer, die Jugendlichen müssen zwi schen der Einzelmeinung eines Ex perten und einer anerkannten Theo rie unterscheiden«, erklärt Fischer. Außerdem galt es, typische Logik fehler und Argumentationstricks er kennen zu können, Grundprinzipien des Peer-Review-Prozesses zu ken nen und die Qualität verschiedener Quellen beurteilen zu können. Das Ziel der Lehrkräfte: Die Jugend lichen zu mündigen Bürgerinnen und Bürgern in einer immer komplexer werdenden Welt zu erziehen. Sie sol len in der Lage sein, zwischen Fakt und Fake zu unterscheiden und Informationen selbstständig zu überprüfen. 

PROFIL // Essay

Der Beamtenstatus für Lehrkräfte – ein Gebot des Grundgesetzes!

Für den dbb beamtenbund und ta rifunion und seine Mitgliedslehr kräfteverbände, also auch den Deutschen Philologenverband (DPhV), war es ohnehin schon immer selbstverständlich und für ihre Arbeit leitend gewesen, dass Lehrkräfte aller Schulformen grundsätzlich im Beamtenstatus zu beschäftigen wären. Nicht zuletzt auch durch die Pan demie und die schwierige Beschu lungssituation währenddessen wurde besonders deutlich, wie sehr der Staat und die Gesell schaft darauf angewiesen sind und darauf vertrauen können, dass die Lehrerschaft ihren Dienst weisungskonform versieht. Nur dadurch konnte das System Schu le funktionstüchtig bleiben und bil

dete für die von ihm Abhängigen, Schüler- und Elternschaft, Lehr kräfte und indirekt auch der Ar beitsmarkt, einen ‘Systemanker‘. Die Lehrkräfte waren also system relevant . Ein weiteres Problemfeld hatte sich bereits vorher aufgetan. In den vergangenen Jahren ergab sich aufgrund der Migrations zuwanderung aus zumeist nicht christlich orientierten Ländern das Problem einer angemessenen reli giösen Unterweisung der Kinder und Jugendlichen, die im Wesentli chen nicht durch deutsche Lehr kräfte geleistet werden konnte. Nur hatten hier dann auch die Bundesländer keine Möglichkeit, ihrer schulischen Aufsichtspflicht nachzukommen, wie es bei ei- 

Politische Vorüberlegungen

14 PROFIL // 5/2024 Beamte verfassungsgemäß sei und mit dem Europarecht in Ein klang stände. Im Dezember 2023 hat der Euro päische Gerichtshof für Men schenrechte (EGMR) mit einem wegweisenden Urteil entschieden, dass das für deutsche Beamte gel tende Streikverbot zulässig ist und nicht die europäische Menschen rechtskonvention verletzt. Er bestätigte damit die Rechtsauf fassung des Bundesverfassungs gerichts (BVerfG), die dieses mit seinem Urteil vom Juni 2018 ein deutig und umfassend dargelegt hatte, dass nämlich das Streikver bot für deutsche Beamtinnen und

PROFIL // Essay

16 PROFIL // 5/2024 Unsicherheit über die Finanzie rung der Altersversorgung der Be amtenschaft generell und in den Ländern insbesondere der zahlen mäßig erheblichen Lehrerschaft sehen. Dabei unterscheiden sich die in diesem Zusammenhang ge Die politische Diskussion darüber, ob die Lehrtätigkeit eine »hoheits rechtliche« gemäß Artikel 33, Abs. 4, sei, wird seit mehr als 50 Jahren geführt. Immer dann, wenn es um die Modernisierung der öffentli chen Verwaltung ging, spielte auch eine Reform des Beamten rechts eine Rolle im Hinblick da rauf, was als vorrangige Staatsauf gabe angesehen wurde und wie in Abhängigkeit davon die staatliche Organisation und die einschlägi gen Rechtsnormen inkl. des Haus haltsrechts verändert werden soll ten. Die Frage der Lehrerverbeam tung stand zudem spätestens nach der Wiedervereinigung im Fokus. Als weitere Ursache für die Dis kussion um die Verbeamtung von Lehrkräften kann man die eben falls seit vielen Jahren vorhandene genen Lehrkräften selbstverständ lich und gesetzlich geregelt ist. Da durch konnte aber ‚Irritationen‘ in der Öffentlichkeit bezüglich der grundsätzlichen Ausrichtung des Unterrichts sowie der Unterrichts inhalte, der verwendeten Metho den und Unterrichtsmedien nicht durch amtliche Maßnahmen be gegnet werden, wie es mit Hilfe der üblichen Schulaufsicht bei verbeamteten Lehrkräften mög lich ist und praktiziert wird. Auch hier zeigt sich der Vorteil für den Staat und seine Gesellschaft durch den Beamtenstatus von Lehrkräf ten und Schulleitungen. Politische Argumente

Rechtliche Argumente

1. Dem Staat ist durch Art. 7 Grundgesetz die Verantwor tung für das Schulwesen über tragen: »Das gesamte Schulwe sen steht unter der Aufsicht des Staates« Daraus folgt die staatliche Verant wortung für Bildung und Erzie hung, die vor allem über die Schule wahrgenommen wird. Der Staat kommt diesem Auftrag nach durch die Schulpflicht, die in allen Länderverfassungen abge sichert ist. Der Staat kann aber das Gebot der Schulpflicht nur so lange aufrecht erhalten, wie es auch ein kontinu ierliches Schulangebot gibt. Ein sol ches Angebot entfällt, wenn auch nur vorübergehend die Beschäftig ten die Schule ‘lahmlegen’ können. Dies könnte vor allem durch einen Lehrerstreik geschehen, der bei ei ner regelmäßigen Beschäftigung von Lehrkräften im Angestellten verhältnis möglich wäre. Das mit dem Beamtenstatus ver bundene Streikverbot garantiert ein gut funktionierendes und stabi les staatliches Bildungssystem und korrespondiert daher mit der ge setzlich verankerten Schulpflicht. Der Beamtenstatus verhindert, dass Arbeitskämpfe auf dem Rü cken von Schülern ausgetragen werden. Er sichert die Kontinuität und Qualität der schulischen Bil dungsarbeit. Diese Faktoren ent scheiden mit darüber, ob das ver fassungsrechtliche Ziel, Chancen gleichheit herzustellen, tatsächlich verwirklicht wird. Der Schulpflicht der Kinder ent spricht deshalb auf der Lehrerseite das Streikverbot, das nur der Be amtenstatus für Lehrer sichert.

nannten Zahlen vom Bundesrech nungshof, über die Rentenver sicherungsträger bis hin zu wis senschaftlichen Gutachten zum Teil erheblich und sind somit für die juristische Bewertung der Fra ge in keiner Weise hilfreich oder können dafür leitend sein. Dr. Horst Günther Klitzing leitete in seinem letzten Amt seiner aktiven Dienst zeit das Staatliche Prüfungs amt für das Lehramt an Schulen beim Kultusministe rium des Saarlandes. Von 1991 bis 2006 war er Vorsit zender des Saarländischen Philologenverbands, und von 2004 bis 2017 stellver tretender Bundesvorsitzen de des DPhV. Dr. Klitzing – seit 2017 Ehrenmitglied des DPhV sowie des dbb saar – führt seit 2018 die dbb-Bun desseniorenvertretung.

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2. Der Beamtenstatus der Lehrkräfte schützt den öffentlichen Erziehungs- auftrag und sichert die pädagogische Freiheit. Eine durch den Beamtenstatus un abhängige Lehrerschaft, nur den Lehrplänen, den Schulgesetzen und der Verfassung verpflichtet, gemäß Artikel 5, Abs. 3 GG, bietet Sicherheit und Vorteile für Schüler und Eltern und begrenzt politische Experimente. Eltern sollen sicher sein können, dass ihre Kinder eine möglichst solide, unvoreingenom mene und kritische Bildung erhal ten und zur Selbstverwirklichung in sozialer Verantwortung erzogen werden. Neutralität und Gerechtigkeit bei der Ausübung des Lehrerberufs werden durch den Beamtenstatus gesichert. Er gewährleistet den öffentlichen Erziehungsauftrag ge gen unzulässige Einflüsse aus dem gesellschaftlichen, weltanschauli chen und politischen Bereich. Sei ne besonderen Bindungen stellen sicher, dass die Schulen nicht zum Austragungsort gesellschaftlicher und politischer Konflikte werden. Gerade die Erfahrungen, die die Lehrkräfte im Osten Deutschlands vor der Wiedervereinigung gesam melt haben, bestärken darin, der Sicherung der pädagogischen Frei heit besondere Aufmerksamkeit zuzuwenden und partei- oder inte ressenpolitischer Bevormundung in jeder Form einen Riegel vorzu schieben. 3. Lehrkräfte an öffentlichen Schulen üben hoheitsrecht liche Befugnisse aus. Hierzu gehören insbesondere No tengebung, Vergabe von Schul abschlüssen, Versetzungen, Zulas sung zu weiterführenden Schulen

und Disziplinarmaßnahmen (z. B. Ausschluss aus der Schule). Die juristische Diskussion darüber, ob die Lehrtätigkeit eine »hoheits rechtliche« gemäß Artikel 33 Abs. 4 GG sei, kommt seit Jahren zu kei nem eindeutigen Ergebnis, auch wenn in der Tendenz die Frage mehrheitlich positiv beantwortet worden ist. Auch können verschie dene Beschlüsse des Bundesver fassungsgerichts nur so interpre tiert werden, als dass die Tätigkeit von Lehrkräften an öffentlichen Schulen grundrechtswesentlich ist und mithin als ‘Ausübung hoheitli cher Befugnisse‘ im Sinne von Art. 33 Abs. 4 GG zu qualifizieren ist. Grundlage dafür ist die Überzeu gung, dass diese neben der Ein griffsverwaltung auch grund rechtswesentliche Leistungsver waltung erfassen. Das Berufsbeamtentum allgemein sichert – nicht zuletzt durch das Streikverbot und die Verpflichtung zur neutralen und objektiven Amtsführung – eine stabile Verwal tung. Verbeamtete Lehrkräfte ge währleisten im Speziellen, dass der Staat seiner Verpflichtung zur Bereitstellung und zur Sicherung eines Schulwesens für alle Kinder und Jugendliche nachkommen kann. Zudem wird eine Lehrtätig keit frei von äußeren Zwängen und Einwirkungsmöglichkeiten ga rantiert. Eine Reduzierung der hoheits rechtlichen Aufgaben auf die Be reiche, in denen der Staat mit »Be fehl und Zwang« tätig wird, würde zu einer verfassungsrechtlich nicht gewollten Einengung der den Beamten nach Art.33 Abs.4 GG zugewiesenen Aufgabenfeldern führen. Das Berufsbeamtentum kann nicht aus besonders wichtigen

Mit der Klassen fahrt Fairness und Respekt stärken Fast wie von selbst lernen Schü lerinnen und Schüler auf einer Klassenfahrt die Regeln des respektvollen Miteinanders. E in paar Tage zusammen sein, miteinander Zeit verbringen, aufeinander achten und Rücksicht nehmen – das stärkt die sozialen Kompetenzen der Teilnehmenden und das Gemeinschaftsgefühl der Klasse. Bei vielen Klassenfahrtpro grammen der Jugendherbergen im Rheinland stehen zudem Themen wie Fairness, Respekt und Verant wortung im Mittelpunkt. Außerhalb vom Schulalltag erproben die Schü lerinnen und Schüler bei handlungs orientierten Übungen und erlebnis pädagogischen Spielen, wie sie sich richtig verhalten und trainieren Ver trauen und Rücksichtnahme. Spaß und Bewegung sind immer inklusive. Alle Programme gibt’s unter www.jh-klassenfahrt.de. Unser Service-Team berät gerne persönlich unter Tel. 0211 3026 3026 oder Mail an service@djh-rheinland.de.

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PROFIL // 5/2024

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18 PROFIL // 5/2024 Recht noch das Recht der EMRK der verfassungsrechtlich begrün deten Verpflichtung zur Verbeam tung von Lehrerinnen und Leh rern an öffentlichen Schulen ent gegen. Formen öffentlich rechtlicher Ver waltung herausgedrängt werden und damit auf einen rein obrig keitsstaatlich geprägten Verwal tungstyp reduziert werden, ohne dass der soziale Rechtsstaat Scha den nimmt. Somit erscheint es zwingend gebo ten, Lehrkräfte als Beamte ein zustellen und gemäß Artikel 33 Abs. 5 GG entsprechend zu ali mentieren. In Bayern legt überdies bereits die Landesverfassung in Artikel 133 Abs. 2 fest: »Die Lehrer an öffentli chen Schulen haben grundsätzlich die Rechte und Pflichten der Staats beamten.« Zweifel zu den obigen Darlegun gen waren in der jüngeren Vergan genheit dadurch aufgekommen, dass das europäische Rechtsver ständnis offensichtlich eher zu ei ner Verneinung des Verbeam tungsgebots neigte, weshalb folge richtig auch der EGMR in Straß burg ein Streikrecht für Lehrkräfte in Deutschland für rechtmäßig zu halten schien. Mit dem Beschluss des EGMR vom Dezember 2023 haben sich die diesbezüglichen Befürchtungen nun auf lange Sicht hin ergeben. Und auch der Euro päische Gerichtshof (EuGH) hat bislang keine Inkompatibilität des Beamtenstatus gemäß Artikel 33 Abs. 4 GG mit dem AEUV Artikel 45 Abs. 4 festgestellt. Mithin stehen weder das EU- Schlussbemerkungen

Neben den verfassungsrecht lichen Überlegungen gab es für die Landesregierungen als Dienst herren aber offensichtlich immer wieder solche finanzpolitischer Natur. Hierbei liegt der Gedanke zugrunde, dass ein Bundesland finanzielle Spielräume braucht, um Investitionen tätigen und fäl lige Schuldentilgungen vorneh men zu können, d.h. also, seine Haushaltsausgaben, da wo es möglich ist, zu reduzieren. Hierzu sah man vor allem bei den Lehr kräften eine Möglichkeit, da sie angeblich kostengünstiger seien, sofern man sie nicht verbeamtet. Etliche Gutachten schienen zu bestätigen, dass sich damit schon kurzfristig Ausgaben verringern lassen, insbesondere aber langfristig durch den Entfall der Zahlung von Versorgungs bezügen. Im Kern ging es also nicht allein um die Frage einer Deckung von kurzfristigen Haushaltslücken durch Maßnahmen bei der Beam tenbesoldung, was höchstrichter lich in der Vergangenheit immer beanstandet worden ist. Die Argu mentation erfolgte auf einer höhe ren Ebene, auf der die Existenz fähigkeit eines Staates in haus haltspolitischer Hinsicht gegen sei ne ihm grundgesetzlich auferleg ten Verpflichtungen abgewogen wird und dadurch diese Verpflich

tungen möglicherweise relativiert werden. Dennoch zeigten zahlreiche Gut achten von Wirtschaftsinstituten wie vor allem auch von Länder ministerien seit mehr als zwanzig Jahren, dass Beamte nicht teurer sind als Angestellte und damit nicht wesentlich zu bestehenden und künftigen Haushaltsdefiziten beitragen. Diese Auffassung teilt der DPhV in Übereinstimmung mit dem dbb beamtenbund und tarifunion aus drücklich und ist aufgrund der Zahlenlage überzeugt, dass die Kosten für Beamte – einschließlich der Versorgungskosten – in allen Laufbahngruppen unter denen für vergleichbare Arbeitnehmer lie gen. Sollten also im Lehrerbereich flä chendeckend bei Neueinstellun gen nur noch Angestellte ein gestellt werden, würde dies in den folgenden Jahren zu erheblichen Mehrausgaben führen. Denn ei nerseits müssten die Pensionskos ten der Beamten gezahlt werden und andererseits müssten die Län der zeitgleich 50% der Sozialver sicherungsbeiträge und die Aufwendungen für die Zusatz- versorgung für die Angestellten erbringen.

Horst Günther Klitzing

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Dr. Horst Günther Klitzings Verö ff entlichun- gen umfassen ein großes Spektrum bildungs- politischer, beamtenrechtlicher und sozialpolitischer Fragen. Sein Engagement gilt hier beispielsweise gym nasialen Leistungsstandards und – als Sprecher der Senioren – auch deren Anliegen wie der Bekämpfung der Altersarmut.

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PROFIL // PISA

Nach PISA – wie soll es weitergehen? Susanne Lin-Klitzing, Olaf Köller und Dirk Heyarzt diskutieren unter Moderation von Thomas Kerstan in Braunschweig D ie mediale Aufregung über die jüngsten PISA-Ergebnisse und der sich mit schöner Regel

nach liegt Deutschland nach wie vor im Mittelfeld der untersuchten Län der, innerhalb des Bundesgebietes ragen Bayern und Sachsen deutlich heraus – mit Ergebnissen, die au ff äl lig über dem OECD-Durchschnitt lie gen, Berlin und Bremen liegen am unteren Ende, au ff ällig sei der Auf wärtstrend Hamburgs (möglicher weise ein Ergebnis der gezielten För dermaßnahmen in den Grundschu len der Freien und Hansestadt). Susanne Lin-Klitzing machte den Bil dungsbegri ff des Deutschen Philolo genverbandes dahingehend deutlich, dass über Bildungsstandards hinaus Persönlichkeitsentwicklung und Weltorientierung sowie die Begeg nung mit zentralen Gegenständen unserer Kultur zur Bildung gehören. Das Resümee der DPhV-Vorsitzen den am Ende der Veranstaltung: »Die für uns alle ernüchternden Ergebnis se der letzten PISA-Studie müssen Anlass sein, manches, was in den letzten Jahren entschieden wurde, kritisch auf den Prüfstand zu stel len.« Sie plädierte für eine stärkere Spitzenförderung. Dazu bedürfe es der Unterstützung durch die Kultus ministerinnen und -minister und de ren Rückendeckung. Ziel: »Unsere Schülerinnen und Schüler müssen mehr können, nicht weniger.«  Walter Tetzlo ff

20 PROFIL // 5/2024 tig ist dazu der stärkere Fokus auf den Unterricht, die qualitätvolle, fachlich orientierte Unterrichtsent wicklung und eine (…) positive Unter stützung über höhere Leistungsori entierung in allen Schularten. In der Mathematik- und Deutschdidaktik brauchen wir zudem konkrete Ver besserungsschritte zur Stärkung der diesbezüglichen Motivation der Schü lerinnen und Schüler. In diesem Zu mäßigkeit anschließende Angri ff auf das gegliederte Schulwesen verdie nen eine Richtigstellung und zum Teil auch massiven Widerspruch! Da traf es sich gut, dass auf Ein ladung des Stadtelternrates Braun schweig zwei Bildungsexperten refe rieren und diskutieren konnten, die es besser, in diesem Falle genauer wussten. Prof. Dr. Olaf Köller vom Institut für Pädagogik der Naturwis senschaften in Kiel und die Bundes vorsitzende des DPhV, Prof. Dr. Su sanne Lin-Klitzing, kamen mit dem Vorsitzenden des Bundeselternrates, Dirk Heyartz, zusammen – zur Ana lyse, zur Richtigstellung und zu ange messenen Forderungen für ein zu kunftweisendes Bildungssystem. Olaf Köller, maßgeblicher PISA-Forscher in Deutschland, war sich mit dem Philo logenverband in vielem einig: »Wich

sammenhang halte ich Veränderun gen in der Lehrkräftebildung für ein einphasiges duales Lehramtsstudium insbesondere für die weiterführen den Schulen für nicht zielführend.« Hier zeigten sich starke Gemeinsam keiten mit der von Susanne Lin-Klit zing vertretenen DPhV-Position, die in dem Streitgespräch in Braun schweig kritisch mit den unterschied lichen Vergleichsuntersuchungen umging. Diesen sprach sie eine nur begrenzte Steuerungskraft zu, zumal die Studien, allen voran PISA, Ursa chen und Folgen der erzielten Ergeb nisse nicht oder sehr unzureichend thematisierten. Die DPhV-Vorsitzende nahm dann eine di ff erenzierte Analyse der jüngsten PISA-Ergebnisse vor. Da Bundeselternratsvorsitzender Dirk Heyartz, Stadtelternratsvor sitzende Katrin Fuls-Gerlo ff , Prof. Dr. Olaf Köller, Prof. Dr. Susanne Lin-Klitzing, Wolfgang Kuert und Thomas Kerstan (Die Zeit)

PROFIL // 300 Jahre Kant

Warum immer wieder Immanuel Kant?

von Werner Busch I n diesem Jahr wird Immanuel Kant an vielen Orten der Erde gefeiert, in Kongressen, virtuellen Forschungsbegegnungen, Sonder verö ff entlichungen, Zeitungs- und Zeitschriftenartikeln, in Museen ebenso wie in vielen anderen Medi en. Selbst etwas dazu beizutragen scheint eine Sache des Muts, wenn nicht der Tollkühnheit zu sein, so bald man sich dieses umfangreiche angebotene Fach- und Detailwissen vor Augen hält. Eigentlich genügte es schon, die halbjährlich erschei nenden global angelegten Bibliogra phien der Kant-Gesellschaft e.V. zu verfolgen, um gänzlich verunsichert zu sein, Kant angemessen zu verste hen, zumal ein gewichtiger Teil der Verö ff entlichungen zeigen soll, dass Kant in diesem und jenem Punkt irrte oder sein Gesamtwerk nicht schlüssig ist. Schon die im Folgen den beispielhaft angeführten kon

troversen Beurteilungen von Kants Werk nähren Zweifel.

Der alte Goethe nannte Eckermann gegenüber

Kant wegen seiner tiefen Fortwirkung den vor züglichsten der neueren Philoso

phen und be kannte dem jungen Scho penhauer,

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PROFIL // 300 Jahre Kant

dass ihm selbst zu Mute sei, als ob er in ein helles Zimmer trete, wenn er eine Seite Kant lese. Dagegen steht Musils Törleß schon nach zwei Seiten Kant-Lektüre der Schweiß auf der Stirn, sei es aus Angst oder aus Ekel. Friedrich Paulsen, der 1898 ein viel gelesenes Kant-Buch verö ff ent lichte und dem die Gymnasien in Deutschland viel verdanken, hielt von Kants angeblich pietistischer Moral gar nichts, wohingegen zur gleichen Zeit Kant in Japan neben Konfuzius, Buddha und Sokrates als der vierte Weltweise dargestellt wurde. Eigentlich sollte der diesjährige zentrale Jubiläumskongress zum 300. Geburtstag Immanuel Kants um den 22. April herum gerade auch auf Einladung von Vertretern der dortigen Kant-Universität in sei ner Geburtsstadt Königsberg/Kali ningrad statt fi nden. Nun passt Kants Friedensphilosophie in ihrer Rationalität weder zur Hauptströ mung des traditionellen russischen Selbstverständnisses noch zur aktu ellen Politik Russlands, so dass die se Stadt kein internationaler Begeg nungsort im Sinne Kants mehr sein durfte. Besitzt Kant wirklich Welt geltung? Zum Glück konnte man nach Bonn an den Rhein auswei chen, in das Milieu westlicher Zivili sation, die viele heute in Frage stel len. Was ist da noch zu Kant zu sagen oder zu schreiben? Als Schreib hypothese stelle ich mir an dieser Stelle vor, dass ich in der Schule von einem Kurs gefragt werde, was es mit diesem Jubiläumsrummel um Kant auf sich hat: Ich nehme also all meinen Mut zusammen und wage, selbst wenn es für Kant-Ken ner strä fl ich vereinfacht wirkt, auf Folgendes hinzuweisen:

Quelle: Thilo Kobs

Dr. Werner Busch

Die Verbindung dieser immensen dinglichen Vorstellungskraft mit der intellektuellen O ff enheit führt nun dazu, dass Kant in sein Werk nicht nur Mengen von Welt aufnimmt, sondern auch eine Vielzahl von phi losophischen Lehrmeinungen. So greift er unter anderem von Platon die Ideen auf, von Aristoteles die Naturzwecklehre, von Epikur u.a. den Inhalt der Humanität, von Cice ro den sittlich bestimmten Bürger, von Hobbes die Rechtssicherheit, von Montesquieu die Gewaltentei lung, von Descartes das »Ich den ke«, von John Locke den Empiris mus, von Adam Smith den rationa len Altruismus, von David Hume die Subjektivität der Kausalität und von Jean Jacques Rousseau die Achtung des einfachen Menschen, dazu die vielen Dissertationen und Thesen aus der damals schon bunten deut schen und europäischen Univer sitätslandschaft. Eine andere Folge dieser außer gewöhnlichen Aufnahmefähigkeit

Anmerkungen zu Kants Arbeitsmethode

1.

Kant besaß eine ungewöhnlich gro ße Vorstellungskraft. Ein Engländer, der Kants Geographievorlesung be suchte, fragte ihn, wie lange er in London gelebt habe und ob er Ar chitekt sei. Kant hatte nichts ande res getan, als die Londoner West minsterbridge, die er nur aus seiner geschätzten Lektüre von Reisebe richten kannte, in allen Einzelheiten zu schildern. Diese besondere Vorstellungskraft kann man gut mit einer im Grunde befremdlichen Maxime verbinden, die Kant in einer Anmerkung der »Tugendlehre« von 1797 formuliert. Er meint dort, dass es P fl icht sei, selbst in fehlerhaften Urteilen et was Richtiges zu suchen, da diese ja von einem vernunftbegabten We sen geäußert worden seien. Damit fordert Kant von allen Menschen eine absolute intellektuelle O ff en heit.

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