Profil 12/2025

PROFIL // Essay

„Dass Treibel es auch versäumen musste, für einen Nebeneingang Sorge zu tragen… Jetzt marschiert jeder Küchenjunge durch den Vorgarten, gerade auf unser Haus zu, wie wenn er miteingeladen wäre. Das sieht lächerlich aus und auch anspruchsvoll, als ob die ganze Köpenicker Straße wissen solle: Treibels geben heut ein Dinner. Außerdem ist es unklug, dem Neid der Men schen und dem sozialdemokratischen Gefühl so ganz nutzlos neue Nahrung zu geben.“ Und doch muss die eingangs gestellte Frage verneint werden! Jenny Treibel ist nicht nur Karikatur und Ge genstand des Spottes! Dass Fontanes gesellschaftskriti sche Haltung sich um 180 Grad von den Au ff assungen dieser Bourgeoise unterscheidet, braucht nicht betont zu werden. Der Beweis fi ndet sich in geradezu radika len brie fl ichen Äußerungen des alten Fontane. Doch ist Literatur etwas anderes als politische Meinungsäuße rung. Tatsache ist, Fontane lässt Jenny leben. Der Schluss der Handlung ist versöhnlich. Niemand kommt, anders als in der Erzählung „Stine“ zu Schaden, und der persönlichkeitsstarken Jenny darf man auch ein paar sympathische humoristische Seiten abgewinnen, so, wenn sie beispielsweise ihre beiden Söhne und deren Schwachheiten beschreibt oder wenn sie die hanseati sche Vornehmheit der Schwiegertochter und ihre als ein adrettes Püppchen herausgeputzte Hamburger Enkeltochter beschreibt. Hier zeigt sie den lebens nahen Humor des damaligen Berliner Kleinbürgertums, aus dem sie letztlich stammt. Fazit: Fontane verurteilt Jenny Treibel nicht, er be schränkt sich darauf, andere literarische Figuren wie ihren Ehemann und Corinna und Wilibald Schmidt sie teils direkt, teils mit spöttischer Ironie in Frage zu stellen. Man scheut fast davor zurück, Fontanes Roman „E ffi Briest“ vorzustellen. Er ist das bekannteste und erfolg reichste Werk des märkischen und Berliner Autors, und man hätte diesem sicher die Einnahmen aus den Buch verkäufen und den mittlerweile fünf Ver fi lmungen ge wünscht, die im 20. Jahrhundert und bis heute zusam menkommen. Gleichzeitig war „E ffi Briest“ der größte Auslandserfolg für den Dichter, der zeitlebens nicht so recht an seinen eigenen Erfolg glauben wollte und dessen Verlagseinkünfte nicht annähernd an die seines Bewunderers Thomas Mann im 20. Jahrhundert heran reichen sollten. Die meisten werden den berühmten Frauenroman ken nen: Die erst 17-jährige E ffi lebt – wohlbehütet und ge liebt – als Einzelkind bei ihren Eltern im brandenburgi schen Hohen Cremmen, als der 38-jährige Karriere

beamter Baron von Innstetten, der vor Jahren vergeb lich um E ffi s Mutter geworben hatte, die Familie be sucht und dabei um E ffi s Hand anhält. Mit Zustimmung der Eltern gibt E ffi , wennwohl noch kindlich-unbe schwert, ihr Ja-Wort und zieht kurz darauf mit dem Ehe mann ins kühle hinterpommersche Städtchen Kessin, wo Innstetten die Position des Landrates bekleidet. E ffi vermisst dort jegliche Geborgenheit, zumal auch der Ehemann häu fi g dienstlich unterwegs ist. Bei einer Aus fahrt mit Bekannten aus Kessin lässt sich E ffi von ei nem als „Lebemann“ bezeichneten und in einer un glücklichen Ehe lebenden Reserveo ffi zier namens Crampas verführen. Den Ehebruch und die damit ver bundene Schuld verdrängt E ffi , so gut sie kann, und ist deshalb mehr als froh, als ihr Ehemann nach aberma liger Beförderung mit ihr und ihrer kleinen Tochter Anni nach Berlin zieht, wo eine Position als Ministerial rat im Ministerium auf ihn wartet. Sieben Jahre nach dem Ehebruch, auf den E ffi sich seinerzeit einließ, ohne ihn wirklich zu wollen, entdeckt Innstetten in der Berli ner Wohnung die versteckten Briefe von Major Cram pas, die dieser seinerzeit an E ffi geschrieben hatte. Der Ehrenkodex der preußischen Gesellschaft verlangt von Innstetten Konsequenzen: Die lauten: Scheidung von E ffi und Duell mit dem früheren Liebhaber. Für diesen geht das Duell tödlich aus, und die verzweifelte E ffi lebt allein und einsam in einer einfachen Wohnung im Berli ner Osten weiter. Innstetten gelangt zu der Einsicht, dass nicht Zorn, Eifersucht oder Enttäuschung seine konsquente und nach sieben Jahren fast unmenschlich anmutende Entscheidung bestimmt habe als eine wi derwillige Unterwerfung unter den „Götzen“ der Tu gend und des Ehrenkultes der preußischen Gesell schaft. E ffi verkraftet ihre Schuld und die folgende Isolation nicht und stirbt – erst 30-jährig – nun wieder umgeben von ihren Eltern in Hohen Cremmen. Wer die junge, liebenswürdige und charmante E ffi nun als Vorreiterin für eine freiere und humanere Gesell schaft sehen will, die angesichts ihres Unglücks dem so beschriebenen „Tugendgötzen“ den Kampf ansagen will, fi ndet dafür durchaus eine beweiskräftige Stelle in dem berühmten Roman. Als es der geschiedenen und einsamen E ffi schließlich gelingt, mit Hilfe der Ehefrau des Ministers und Vorgesetzten ihres Mannes ein Wie dersehen mit ihrer nun beim Vater lebenden Tochter Anni zu erwirken, gerät dieses beinahe zur Katastro phe. Anni antwortet artig, vermutlich abgerichtet von ihrem Vater, auf die freundlichen Fragen der Mutter mit angelernten hö fl ichen Phrasen wie: „Oh gewiss, wenn ich darf!“ und lässt bei der Begegnung jegliche

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