Blickpunkt Schule 4 2026
Wie funktioniert das in großen Klas sen? Wie viel Selbstorganisation kön nen Schülerinnen und Schüler bereits leisten? Wie werden verbindliche Fachinhalte gesichert? Und woher kommen Zeit, Räume und Personal? An einigen Stellen erscheint mir die Gegenüberstellung von traditioneller und moderner Schule außerdem zu einfach. Lehrervorträge, Übungs- phasen, klare Vorgaben und fachliche Anleitung können, wie neuere Unter suchungen bestätigen, nicht grund sätzlich als überholt gelten. Kreativi tät entsteht nicht im luftleeren Raum. Wer kreative Lösungen entwickeln soll, benötigt zunächst Wissen, sprachliche Fähigkeiten, methodische Grundlagen und ausreichend Übung. An dieser Stelle wird das Verhältnis zur Grundhaltung unseres Philolo genverbandes interessant: Wir unter stützen grundsätzlich Initiativen wie beispielsweise digitale Modernisie rung, pädagogische Freiheit und die Weiterentwicklung des Gymnasiums. Gleichzeitig betonen wir aber die Wichtigkeit von fachlicher Bildung, Leistungsorientierung, verbindlichen Anforderungen sowie verlässlichen Abschlüssen. Veränderungen sollen nicht allein deshalb erfolgen, weil et was neu erscheint, sondern weil sie nachweislich die Bildungsqualität ver bessern. Zwischen Buch und Philologenver band kann deshalb durchaus ein deutlicher Gegensatz gesehen werden – allerdings nicht zwangsläufig ein unüberwindbarer. Beide Seiten wollen Schülerinnen und Schüler dazu befä higen, in einer komplexen und sich schnell verändernden Welt selbst ständig Verantwortung zu überneh men. Unterschiedlich ist vor allem die Gewichtung: Sommer betont stärker Kreativität, Offenheit und die Ver änderung bestehender Schulstruktu ren. Wir heben stärker Fachlichkeit, Leistung, Verbindlichkeit und Kon tinuität hervor. Für mich liegt die überzeugendste Lösung in einer Verbindung beider Po sitionen. Schule sollte nicht zwischen Wissensvermittlung und Kreativität wählen müssen. Fundiertes Fachwis
zeitig Personalmangel, hohe Arbeits belastung und fehlende Ausstattung ihren Alltag bestimmen. Das entspricht unseren wichtigsten Forderungen, dass nämlich Modernisierung verlässliche Strukturen, Zeit, Geld, Personal und Rechtssicherheit benötigt. Fazit Wenn Schule auf Ideen bringt ist ein ungewöhnliches, engagiertes und visuell eindrucksvolles Buch über die Zukunft des Lernens. Seine größte Stärke besteht nicht darin, fertige Lö sungen zu liefern, sondern vertraute Vorstellungen von Schule infrage zu stellen. Das Buch erweitert den Blick über den schulischen und bildungs wissenschaftlichen Bereich hinaus und macht deutlich, dass Kreativität keine bloße Zusatzkompetenz für Kunstprojekte ist, sondern eine zen trale Fähigkeit für die Bewältigung zu künftiger Herausforderungen. Wer ein wissenschaftlich geschlos senes Modell oder direkt einsetzbare Unterrichtsrezepte erwartet, könnte enttäuscht sein. Wer dagegen nach neuen Perspektiven, internationalen Beispielen und Anlässen für pädago gische Diskussionen sucht, findet eine große Zahl inspirierender Gedanken. Besonders geeignet ist das Buch für Lehrkräfte, Schulleitungen, Lehrerin nen und Lehrer im Vorbereitungs dienst sowie für Personen, die an Schulentwicklung und neuen Lern formen interessiert sind. Insgesamt ein inspirierendes und mutiges Plädoyer für eine kreativere Lernkultur, das viele wichtige Fragen stellt, bei der konkreten Umsetzung jedoch teilweise offenbleibt. Nach der Lektüre lautet die zentrale Botschaft für mich: Schule muss und wird sich verändern; aber nicht um je den Preis und nicht ohne fachliches Fundament. Die entscheidende Auf gabe besteht darin, die Stärken des Gymnasiums – Fachlichkeit, Anspruch und vertiefte Bildung – mit mehr Selbstständigkeit, Kreativität und zeit gemäßen Lernformen zu verbinden. Volker Hahl | stellvertretender Bezirksvorsitzender Darmstadt
INFO
Rezensionen
sen ist die Voraussetzung dafür, dass Schülerinnen und Schüler begründet urteilen, Probleme lösen und eigene Ideen entwickeln können. Gleichzeitig reicht es heute nicht mehr aus, Wis sen lediglich wiederzugeben. Unter richt muss stärker dazu anregen, Wis sen anzuwenden, Zusammenhänge herzustellen und Verantwortung für den eigenen Lernprozess zu überneh men. Das Buch führt deshalb zu einer entscheidenden Frage: Sind wir bereit für größere Veränderungen? Häufig befürworten wir neue Lernformen grundsätzlich, solange sie nicht den Stundenplan, die Leistungsbewer tung, die Rolle der Lehrkraft oder ge wohnte Unterrichtsabläufe infrage stellen. Echte Veränderung verlangt jedoch mehr als digitale Geräte oder einzelne Projekttage. Sie erfordert Zeit für Zusammenarbeit, Mut zum Ausprobieren und die Bereitschaft, auch das eigene professionelle Selbstverständnis zu überprüfen. Dabei darf Veränderung nicht be deuten, Bewährtes pauschal abzu schaffen. Sie sollte schrittweise, fach lich begründet und unter geeigneten Rahmenbedingungen erfolgen. Lehr kräfte können nicht dauerhaft innova tive Konzepte entwickeln, wenn gleich Leonard Sommer: Wenn Schule auf Ideen bringt – 100 Kreative denken Lernen neu | Vahlen, 2023 | 2. Auflage | ISBN 978-3 8006-7217-2 | Preis 59,00 Euro
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SCHULE 4|2026
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