Blickpunkt Schule 4 2026
Weiter heißt es, wir müssten Schülerinnen und Schülern Strategien vermitteln, damit ihnen deep reading oder höherwertige Leseprozesse auch auf digitalen Geräten gelingen. In seinem Buch ‘On Writing’ beschreibt Stephen King diese Form des Lesens als Telepathie zwischen zwei Men schen über räumliche und zeitliche Distanz hinweg. So ist auch historische Kommunikation als zivilisatorisches Band möglich. Zukünftige Generationen müssen zu dieser Telepathie in der Lage sein, um wichtige Texte der Geistes- und Demo kratiegeschichte eigenständig lesen und verstehen zu kön nen. Dies falle aber auch Studierenden an den US-Eliteuni versitäten und in den Literaturwissenschaften zunehmend schwerer, wie Rose Horowitz in ihrem Essay ‘The Elite Stu dent Who Can’t Read Books’ im Atlantic schreibt. »Auf dem Weg zum guten Leser gibt es keine Abkürzung« … sagt Maryanne Wolf, eine der weltweit führenden Lesefor scherinnen. Was beim Überfliegen von E-Mails nützlich ist, schadet dem deep reading. Es dauere Jahre, bis sich die Schaltkreise dafür im Gehirn bildeten. Jeder Mensch müs se sich diese Kompetenz individuell erarbeiten, dieser Pro zess sei ein Kontinuum von der Kindheit bis ins Erwachse nenalter. »Lesen fördern, Demokratie stärken« So gratuliert die Stiftung Lesen zum 75. Geburtstag des Grundgesetzes: »Nur wer lesen kann, ist in der Lage, sich In formationen zu beschaffen und zu bewerten, Fake News und Populismus zu entlarven und den Feinden der Demokratie etwas entgegenzusetzen«. Abnehmende Lesekompetenzen gefährden die Demokratie und sind ein Alarmsignal. Hin zu einem digitalen Prekariat? In dem New York Times Essay ‘Thinking Is Becoming a Luxury Good’ geht Mary Harrington davon aus, dass sich die Kluft zwischen Lesenden und Nichtlesenden noch weiter vergrößern wird, da neue Generationen das Erwach senenalter erreichen, ohne jemals in einer Welt ohne Smartphones gelebt zu haben. Auf der einen Seite werde eine relativ kleine Gruppe von Menschen die Fähigkeit zur Konzentration, zum Lesen und langfristigen Denken be wahren und bewusst weiterentwickeln. Auf der anderen Seite werde ein Großteil der Bevölkerung praktisch ‘post literarisch’ sein – mit allen Konsequenzen, die dies für die kognitive Klarheit mit sich bringt: ein digitales Prekariat. Was wäre nun, wenn libertäre Tech-Oligarchen wie Musk, Zuckerberg und Thiel diese nachlassenden Lese-, Schreib- und damit Denkkompetenzen nicht nur billigend in Kauf nähmen, sondern sogar aktiv für ihre politische Agenda nutzten?
26 Titelthema SCHULE 4|2026
Denn Neil Postmans Dichotomie der Dystopien nach Orwell und Huxley (vgl. Zitat auf Seite 29) ist heute aktuel ler denn je. Während Staaten wie Russland und China ihren Bürgern durch Zensur den Zugang zu Informationen be schränken und kontrollieren, geht in den USA die Wahr heit zunehmend in einem Meer von Belanglosigkeiten und ‘alternativen Fakten’ unter, gemäß Steve Bannons Dictum »flooding the zone with shit«.
»Europas dritter Weg der Digitalisierung«
Daher fordert Hamburgs Senator für Kultur und Medien, Carsten Brosda, in seinem FAZ-Beitrag »Bevor die KI unsere Demokratie verschlingt« für Europa zu Recht einen eigenen dritten Weg der Digitalisierung. Es geht in der Erziehung und Bildung von Kindern und Jugendlichen um unsere Zukunft und die der Demokratie. Wir dürfen nicht erneut so naiv in die Ära der künstlichen Intelligenz hineinstolpern, wie wir es damals im Falle von Social Media getan haben. Nur gesellschaftliche Vereinbarungen zu KI machen Schule und Demokratie ‘zukunftssicher’ Aus dem Ansatz, den heimlichen Lehrplan der KI außer Kraft zu setzen, ergeben sich für den Diskurs folgende Thesen:
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