Blickpunkt Schule 4 2026
»Orwell fürchtete diejenigen, die Bücher verbieten. Huxley befürchtete, daß es eines Tages keinen Grund mehr geben könnte, Bücher zu verbieten, weil keiner mehr da ist, der Bücher lesen will. Orwell fürchtete jene, die uns Informationen vorenthalten. Huxley fürchtete jene, die uns mit Informa tionen so sehr überhäufen, daß wir uns vor ihnen nur in Passivität und Selbstbespiege
Jugendlichen solche negativen Effekte haben konnten, sind Social Media und deren Geschäftsmodelle. Digitales Kokain Der Effekt von Social Media auf jugendliche Gehirne, die während der Pubertät ‘umgebaut’ werden, gilt als desa strös. Mittlerweile weisen zahlreiche Studien den Zusam menhang von Likes und der Ausschüttung von Dopamin nach. Dies gilt natürlich für Erwachsene ebenso. Die australische Ministerin Anika Wells spricht anlässlich der Einführung eines Mindesalters für Social Media in Australien stark zugespitzt von ‘digitalem Kokain’. Das Geschäftsmodell von Social Media ist einfach: die Konsumenten dazu zu bringen, möglichst lange am Smartphone zu verweilen, damit möglichst viel Werbung platziert werden kann. Kinder und Jugendliche regulieren sich selbst – eine Illusion Schülerinnen und Schüler selbst schätzen ihre Selbstregu lierungsfähigkeit eher gering ein. In der Vodafone-Jugend studie zur Nutzung und Selbstregulation von sozialen Me dien von 2025 will die Hälfte der befragten Jugendlichen soziale Medien weniger nutzen, schafft es aber nach eige ner Aussage nicht. Der präfrontale Kortex im jugendlichen Gehirn, der die Selbstregulation steuert, ist in diesem Alter einfach noch nicht ausreichend ausgebildet. Hier müssen Eltern, Schule und der Gesetzgeber regulieren. Ein ähnlich suchterzeugendes, profitables Geschäfts modell hat künstliche Intelligenz: Sie bedient die mensch liche Bequemlichkeit, auch intellektuell: cognitive off- loading, also kognitive Entlastung, indem Nutzer sich Texte von der KI schreiben bzw. längere Texte zusammenfassen lassen. »Erst formen wir die Werkzeuge, dann formen die Werkzeuge uns.« Marshall McLuhan Die Befürchtung ist begründet, dass künstliche Intelligenz einen vergleichbar negativen Effekt auf Lernprozesse hat wie soziale Medien. Im ‘Deutschen Schulbarometer 2025’ erwarten über sechzig Prozent der befragten Lehrkräfte in Bezug auf KI eher negative Folgen für die sozialen und kommunikativen Fähigkeiten sowie für das kritische Den ken. Schülerinnen und Schüler können Hausaufgaben zu nehmend von KI erledigen statt eigenständig zu arbeiten. Eine Studie von Microsoft Research in Cambridge und der Carnegie Mellon University mit 319 Wissenschaftlern und 936 beobachteten Tasks legt nahe, dass je höher das Vertrauen in KI ist, desto geringer die kognitive Anstren gung und kritische Prüfung. Die Kluft zwischen leistungsstärkeren und schwächeren Schülerinnen und Schülern könnte durch KI größer werden als die Effekte der sozialen Herkunft.
Titelthema
KI zur Kompetenzsimulation, oder: Ein Pferd springt nur so hoch, wie es muss Mit KI lässt sich der mühsame Lernprozess umgehen. Lehr kräfte berichten bereits davon, dass Schülerinnen und Schüler die Fragen der Lehrkraft im Unterricht mit dem Handy aufnehmen und mittels Spracheingabe an ChatGPT weitergeben, nur um sich die Antwort von der KI per Sprachausgabe über Kopfhörer soufflieren zu lassen - in der Fremdsprache auch mit perfekter Aussprache. Im Verbund können soziale Medien und KI durch die Ver kürzung der Aufmerksamkeitsspanne, sinkende Lesekom petenz und kognitive Entlastung ungleich stärkere negati ve Auswirkungen haben. Das Antidot gegen cognitive off loading ist ‘desirable difficulty’. No pain, no gain: statt kognitiver Entlastung besser wünschenswerte Erschwernisse »Welches Wissen ist für Menschen so wichtig, dass die Er schwernis erwünscht ist, weil sie es immer noch bis ins letz te Detail lernen müssen?«, fragt Patrick Bernau in der FAZ zu Recht. Entscheidend wird sein, dass Lernende bewusst auf die kognitive Entlastung durch KI verzichten, in ihrem eigenen Interesse. Dafür muss Schule den Rahmen setzen. Lesen lernen heißt denken lernen »Das Lesen langer Texte ist von unschätzbarem Wert für eine Reihe kognitiver Leistungen wie Konzentration, Auf bau eines Wortschatzes und Gedächtnis«, heißt es 2019 in der Stavanger Erklärung weltweit führender Leseforscher. Daher sei es wichtig, dass wir das Lesen langer Texte als eine unter den Leseformen bewahren und fördern. >> lung retten können. Orwell befürchtete, daß die Wahrheit vor uns verheimlicht werden könnte. Huxley befürchtete, daß die Wahrheit in einem Meer von Belang losigkeiten untergehen könnte.« Neil Postman, Wir amüsieren uns zu Tode. Seiten 7f.
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SCHULE 4|2026
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