Blickpunkt Schule 4 2026
Fehlvorstellungen über KI drohen Bildungsunterschiede zu verschärfen Jugendliche korrigieren Fehleinschätzungen über generative KI als allwissend nur in Ausnahmefällen – Forschende aus Tübingen und Kiel warnen vor wachsender Bildungsungleichheit D ie Schülerinnen und Schüler von heute sind die ersten ‘KI-Natives’, die mit generativer Künstlicher Intelligenz (genAI) aufwachsen und sie selbstver ZUR PERSON
Titelthema
Ann-Kathrin Jaggy ist Postdoktorandin im For schungsbereich Potenzial entwicklung und Hoch begabung. Sie ist Teil der wissenschaftlichen Beglei tung des Hector-Seminars, einem extracurricularen Enrichment-Programm zur
ständlich nutzen. Für eine kompetente Verwendung ist dabei eine realistische Vorstellung von den Fähigkeiten, Grenzen und Einsatzmöglichkeiten der KI-Modelle ent scheidend. Einmal etablierte Fehlvorstellungen von der Allwissenheit solcher KI-Modelle werden aber nur in Aus nahmefällen von den Schülerinnen und Schülern selbst korrigiert – und wenn, dann vor allem von Jugendlichen, die besonders gut in kognitiven Tests abschneiden. Da durch könnten sich bestehende Bildungsungleichheiten weiter verschärfen. Darauf weist eine aktuelle Studie der Universität Tübingen und des Leibniz-Instituts für die Pädagogik der Naturwissenschaften und Mathematik hin, die in der Fachzeitschrift Journal of Educational Psychology veröffentlicht wurde. »Unsere zentrale Forschungsfrage war, ob sich die Vor stellungen der Schülerinnen und Schüler durch praktische Erfahrungen bei der Nutzung von KI über die Zeit hinweg zu einer angemessenen, eher kritischen Bewertung ent wickeln«, sagt Dr. Ann-Kathrin Jaggy vom Hector-Institut für Empirische Bildungsforschung der Universität Tübingen. Sie leitete die Studie gemeinsam mit Dr. Thorben Jansen vom Leibniz-Institut für die Pädagogik der Naturwissen schaften und Mathematik (IPN) in Kiel und in Zusammen arbeit mit Dr. Tim Fütterer und Professor Ulrich Trautwein vom Hector-Institut für Empirische Bildungsforschung. In ihrer Studie fragten die Forschenden Schülerinnen und Schüler, wie diese sich generative KI vorstellen, um Fehl vorstellungen und etwaige Änderungen darin zu erfassen.
Bild: Eberhard Karls Universität Tübingen
Für die Studie wurden 870 mathematisch-naturwissen schaftlich talentierte Schülerinnen und Schüler der Klassenstufen 6 bis 8 in den Jahren 2023 und 2024 be fragt, die von ihren Lehrkräften für das Begabtenförder programm ‘Hector-Seminar’ nominiert wurden. Nur wenige Jugendliche halten KI für allwissend und unfehlbar »Insgesamt zeigen unsere Ergebnisse, dass zwar nur weni ge Jugendliche KI für allwissend halten, ihr aber häufig eine immense Wissensautorität zuschreiben«, sagt Ulrich Trautwein. Im Jahr 2023 stimmten rund 13 Prozent der Schülerinnen und Schüler der Aussage zu »KI weiß alles«; 2024 waren es rund zehn Prozent. Der Aussage »KI macht keine Fehler« stimmten 2023 knapp zehn Prozent und 2024 rund sechs Prozent zu. »Deutlich höher fiel die Zu stimmung zur Aussage aus, dass KI mehr wisse als die ei genen Lehrkräfte«, sagt Trautwein. »Dem stimmten Publikation: Jaggy, A.-K., Jansen, T., Fütterer, T., & Traut wein, U. (2026): Almighty ChatGPT? Development of gifted secondary school students’ AI (mis)conceptions. Journal of Educational Psychology. Advance online publication. https://doi.org/10.1037/edu0001063 Förderung besonders begabter und hochbegabter Kinder in Baden-Württemberg. Ihre Forschungs schwerpunkte liegen in der Untersuchung der Talent entwicklung und des Zusammenspiels von Kreativität, Motivation und Intelligenz. Kontakt: Dr. Ann-Kathrin Jaggy Universität Tübingen Hector-Institut für Empirische Bildungsforschung ann-kathrin.jaggy@uni-tuebingen.de
16
Grafik: csm_ALMIGHTY
SCHULE 4|2026
Made with FlippingBook flipbook maker